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Zensur im Iran : Schreiben ist eine gefährliche Sache

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Als iranischer Intellektueller lebt man nur frei in den eigenen vier Wänden: Szene aus Jafar Panahis Film „Closed Curtain“ von 2013. Bild: ddp Images

Der Beruf des Schriftstellers ist in Iran ein Lebensrisiko. Die Zensur reagiert überall. Romane dürfen nur von Innenräumen handeln. Der Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan über die verheerende Situation der Literatur in seinem Land.

          Um Ihnen das Ausmaß der Unterdrückung, unter der iranische Schriftsteller leiden, deutlich zu machen, möchte ich, wenn Sie erlauben, einen Blick auf einige der Heimsuchungen werfen, denen sie in den letzten drei Jahrzehnten ausgesetzt gewesen sind.

          Ein Dichter wurde während seiner eigenen Hochzeit abgeholt und dem Hinrichtungskommando übergeben. Ein angesehener Übersetzer wurde mit Injektionsspuren am Unterarm am Straßenrand gefunden. Ein Bus mit einundzwanzig Schriftstellern an Bord, die auf dem Weg zu einer kulturellen Veranstaltung im Nachbarland waren, sollte in einem Komplott, das allerdings fehlschlug, in den Abgrund gesteuert werden. Ein Dichter wurde auf dem Weg zum Einkaufen entführt, seine Leiche eine Stunde später in der Vorstadt abgeladen. Die Liste ließe sich verlängern. Schreiben ist eine gefährliche Angelegenheit, das wissen alle, die in meinem Land schriftstellerisch tätig sind.

          Zur Strafe für sein Schreiben arbeitet der iranische Schriftsteller in diesem absurden Klima an seiner Selbstzerstörung. Manche werden drogensüchtig, andere gehen ins Exil, was die Selbstzerstörung freilich noch verstärkt. Die, die bleiben, müssen sich einer strengen und aufreibenden Zensur unterwerfen.

          Als gäbe es weder eine Straße noch eine Stadt oder Lärm, nicht einmal Nachbarn

          Die Sache ist folgende: In Iran ist ein Ministerium eingerichtet worden, dessen Hauptaufgabe darin besteht, zu schauen, was die Schriftsteller schreiben, was die Filmschaffenden produzieren, was die Maler malen und überhaupt was die Künstler schaffen. Kein Text wird in Iran ohne die vorherige Genehmigung der zuständigen Behörden zur Veröffentlichung freigegeben. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf dem persischen Roman. Die Zensur hat die iranischen Romanautoren dazu erzogen, nur von dem geschlossenen Innenraum einer Wohnung zu erzählen. In dieser Wohnung geht niemand ans Fenster, um auf die Straße zu schauen, ganz so, als gäbe es weder eine Straße noch eine Stadt oder Lärm, nicht einmal Nachbarn. Es geht darum, die Erzählung des Romans auf Küche und Wohnzimmer zu beschränken. In der Romanwohnung, so heißt es, ist kein Bedarf für Toilette, Bad und Schlafzimmer, und der Roman darf von dem, was in jenen Teilen der Wohnung geschieht, nicht berichten. Das Leben der Iraner im iranischen Roman ist eine große Lüge und eine Entstellung der Wirklichkeit.

          Der iranische Autor Amir Hassan Cheheltan in Berlin

          Zwar haben die meisten Romanschriftsteller gerade im letzten Jahrhundert stets über das Privatleben und die Beziehungen der Menschen als Individuen geschrieben, aber in Iran unterliegen so einfache Fragen wie etwa die, was wir essen, was wir anziehen, welches Buch wir lesen und welche Musik wir hören sollen, ebender staatlichen Weisungsbefugnis. Wie also kann man über Privatleben und persönliche Beziehungen schreiben, ohne auf die Beziehungen der Menschen zur Staatsgewalt zu sprechen zu kommen? Und überhaupt: Wie kann man beim Schreiben die Geschichte vergessen, und was ist Geschichte denn anderes als das, was den anderen widerfahren ist?

          Je näher an der Lebenswirklichkeit, desto härter die Zensur

          Hier könnte man fragen, wo denn die Grenze der Freiheit beim Romanschreiben verlaufe. Um diese Frage zu beantworten, kann man eine weitere Frage stellen: Wo verläuft die Freiheit der Vorstellungskraft? Warum sollen die Menschen nicht frei sein, das, was sie sich vorstellen, ihre ganze Gefühlswelt, zu Papier zu bringen? Schweigen ist die Folge, wenn der unbegrenzte Raum der Vorstellungskraft eingegrenzt wird, und im Schweigen liegt der Keim des Todes.

          Die kulturpolitischen Maßnahmen haben unsere Romane jeder ethischen Ästhetik beraubt. In einem großangelegten Täuschungsmanöver hat man die ethischen Normen im Roman mit den ethischen Normen der öffentlichen Meinung - auf der Straße, in den Parks und im Bus - gleichgesetzt. Die Zensoren aber haben die klassische persische Literatur nicht gelesen und sind mit ihrem Geist überhaupt nicht vertraut. In dieser Literatur ist überall von Wein und männlichen Geliebten die Rede. In manchen persischen Quellen wird die Geschichte des Propheten Joseph so dargestellt, dass Potiphar, als sie Joseph zu sich rief, auf dem Boden lag, während Joseph zwischen ihren Beinen saß und seine Hand nach ihrem Gürtel fasste, oder dass Joseph und sein Bruder Benjamin nachts im selben Bett schliefen und Joseph Benjamin die ganze Nacht im Arm hielt und seinen Duft einsog.

          Wenn aber ein iranischer Schriftsteller solche Szenen in der heutigen Situation in einem Roman beschreibt oder ein Mann eine Frau berührt, wird er der Unsittlichkeit angeklagt und die betreffende Stelle aus dem Text entfernt. Gerade die wichtigsten und bedeutendsten literarischen Werke werden umso härter von der Zensur getroffen, je näher sie ihrer Lebenswirklichkeit sind.

          Wie ein schlimmer Unfall

          Neben der Literatur, die von der Zensur entmannt und neutralisiert worden ist, gibt es noch eine andere Literatur, die eifrig gefördert wird. Es handelt sich dabei um ideologische Literatur im Dienste der Ziele des Staates. Solche Literatur findet nirgends Abnehmer. Zwar ist eine Menge Geld für die Gründung von Institutionen ausgegeben worden, die solche Literatur produzieren sollen, aber diese ziehen meistens, ja eigentlich immer nur die unbegabtesten Leute an, die sich zum Schriftsteller berufen fühlen.

          Die Zensur hat die Literatur Irans wie ein schlimmer Unfall gelähmt und jeder Fruchtbarkeit beraubt. Am Anfang des 21. Jahrhunderts erleben die iranischen Schriftsteller wieder einmal eine Phase, in der Galãl al-Din Rum, einer der größten klassischen Dichter Irans, der Unsittlichkeit und Sündhaftigkeit angeklagt wird.

          Politischer Einfluss ist in Iran wie ein Schlüssel, mit dem sich jede Türe öffnen lässt. So kann man etwa von der Bank ein großes Darlehen bekommen, ohne es abzubezahlen. Man kann wichtige Posten bekleiden, ohne dafür qualifiziert oder fähig zu sein. Man kann sogar einen Universitätsabschluss erwerben, ohne je dort Veranstaltungen zu besuchen. Mit demselben Kniff, so meinen die Beamten der Kulturbehörden, lassen sich auch gute Romane und hervorragende Romanschriftsteller hervorbringen und weltweit vermarkten.

          Maximale Präsenz im internationalen Buchwesen - nur mit welcher Literatur?

          So ist denn immer wieder einmal davon die Rede, auf dem Weg der Literatur mit der Welt Kontakte zu knüpfen. 2014 wurde eine zweihundertköpfige Delegation zur Frankfurter Buchmesse entsandt, und der Leiter des Iran-Standes gab nach seiner Rückkehr ein Interview unter der Überschrift „Maximale Präsenz im internationalen Buchwesen“. In diesem Interview erklärte er einfältig, der Auftritt Irans auf der Frankfurter Buchmesse lasse noch einiges zu wünschen übrig, ohne jedoch die Zensur als schwerstes Hindernis für die weltweite Verbreitung der zeitgenössischen iranischen Literatur mit einem Wort zu erwähnen.

          Danach behauptete er, mit Jürgen Boos, dem Leiter der Frankfurter Buchmesse, ausgehandelt zu haben, dass Iran 2018 als Ehrengast eingeladen werde. Zugleich berichtete er, er habe auch mit den Leitern anderer internationaler Ausstellungen gesprochen und sich um die Teilnahme an deren Veranstaltungen beworben.

          Maximale Präsenz im internationalen Buchwesen also - nur mit welcher Literatur? Mit dieser ideologischen Literatur? Oder mit jener zensierten Literatur? Mit einer Literatur, die nicht einmal das iranische Publikum zu überzeugen vermag, weil viele Leser sicher sind, dass in all diese Bücher eingegriffen worden ist und sie weit von der ursprünglichen Fassung entfernt sind? Die durchschnittliche Lesedauer pro Person in unserem Land liegt bei zwei Minuten pro Tag.

          Die Zensur will, dass wir vergessen, wer wir gewesen sind und was wir getan haben

          Iran hat kein Urheberrecht und ist nicht einmal der Konvention von Bern beigetreten. Und dennoch möchte das Land gern als Ehrengast zur Frankfurter Buchmesse eingeladen werden? Freilich würde ein Beitritt Irans zur Konvention von Bern der wilden Übersetzerei ausländischer Romane Grenzen setzen. Wie aber würde er sich auf die freie Weiterverbreitung iranischer Romane und anderer literarischer Werke auswirken?

          Vor einigen Monaten hat die deutsche Botschaft in Iran die Übersetzerin meiner Romane eingeladen, damit sie und ich dort über die Übersetzung persischer Romane ins Deutsche und die Probleme dabei ein Podiumsgespräch führen. Doch hat uns keines der Kulturzentren in Teheran, die alle unter staatlicher Aufsicht stehen, für diesen Anlass einen Raum zur Verfügung gestellt. Wissen Sie, wo die Veranstaltung schlussendlich stattfand? Im Haus des deutschen Kulturattachés in Teheran!

          In der Iranischen Nationalbibliothek, die verpflichtet ist, von jedem Buch, das in Iran veröffentlicht wird, ein Exemplar zu erwerben, ist kein einziges Buch von mir oder von anderen Schriftstellern zu finden, die als andersdenkend oder unislamisch gelten. Zwar haben die Kulturbehörden letzthin die Veröffentlichung einer Sammlung von Erzählungen von mir bewilligt. Allerdings ist diese Sammlung von zehn Kurzgeschichten mit nur sechs Geschichten erschienen. Noch bevor ich den Behörden diese Sammlung vorlegte und sie um Druckerlaubnis ersuchte, hatte ich vier Geschichten aus der Sammlung entfernt, da ich nicht die geringste Chance sah, dass die Sammlung in der vollständigen Fassung genehmigt würde. Übrigens wurden auch die verbliebenen sechs Erzählungen von den Herren Beamten gekürzt und verändert. So wurden zum Beispiel Ausdrücke wie „das Leben eines Guerrillakämpfers“ gestrichen, und das in einer Geschichte, die in den siebziger Jahren spielt, jenem Jahrzehnt also, in dem die Operationen der Guerrilla in Iran ihren Höhepunkt erreichten. Die Zensur will, dass wir vergessen, wer wir gewesen sind und was wir getan haben. Die Zensur will, dass wir die Wirklichkeit unseres Lebens mit der Dauerpropaganda der staatlichen Medien verwechseln.

          Das Urheberrecht hat keine Bedeutung

          Diese Sammlung von Erzählungen ist das erste neue Buch, das seit 2005 in Iran von mir erschienen ist. Dabei sind in diesen neun Jahren vier neue Romane von mir in deutscher, englischer und norwegischer Übersetzung veröffentlicht worden, ohne dass sie zuerst auf Persisch, der Sprache also, in der sie verfasst worden sind, verlegt werden konnten. Andererseits wieder ist in derselben Zeit eine meiner Erzählungen verfilmt und im iranischen Staatsfernsehen gezeigt worden, ohne dass ich um Erlaubnis gefragt, bezahlt oder auch nur informiert worden wäre.

          Ein unabhängiger Schriftsteller in Iran ist den Behörden hilflos ausgeliefert. Das Urheberrecht hat keine Bedeutung. Deshalb macht man nicht nur mit den Werken von mir, einem Autor, der die Behörden verärgert hat, sondern auch mit denen von ausländischen Autoren, was man will. Erotik wird völlig aus den Werken getilgt. Dabei hängt es vom Einvernehmen zwischen den Staatsbeamten und dem Übersetzer des Werkes ab, wie tief die Schere der Zensur dringt. Ein ausländischer Autor bekommt von alldem ohnehin nichts mit.

          Ohne unabhängige Parteien und andere politische Organisationen stehen Intellektuelle und Künstler gegen ihren Willen in der ersten Reihe der Opposition. Nur mit der Verbreitung ihrer Gedanken könnten sie den Gang der Dinge beeinflussen, doch da stellt sich ihnen die Zensur in den Weg. Die Zensurbeamten legen Bücher wie einen Teller Suppe unter das Mikroskop und suchen darin nach Mikroben.

          Zensur beruht auf der Furcht, Wörter könnten die Macht haben

          Viele Juristen betrachten die Begutachtung von Büchern vor ihrer Veröffentlichung als unvereinbar mit dem iranischen Grundgesetz. Aber in Iran wird das Gesetz sowieso meistens nur ernst genommen, wenn es die Interessen der Mächtigen sichert. Zensur, so viel ist gewiss, beruht auf der Furcht, Wörter könnten die Macht haben, Regierungswechsel herbeizuführen. Aber die meisten Soziologen sind überzeugt, die Freiheit des Wortes bewahre Regierungen gerade vor dem Sturz durch Aufstände oder Revolutionen. Wenn das Wort nicht frei ist, gibt es keinen Standard, an dem sich die Leistung der Regierung überprüfen ließe, Reformen werden eingestellt, und die Gesellschaft schließt sich mehr und mehr ab. Dabei besteht noch die harmloseste Folge der Zensur darin, dass sie die Menschen zu einem Doppelleben zwingt, die Heuchelei fördert und die Menschen allmählich doppelgesichtig macht.

          Sogar das Wort Zensur ist bis vor kurzem zensiert worden. Keine Zeitung durfte es erwähnen. Die zuständigen Behörden verwendeten stattdessen ein Wort, das sich im Sinne von „Unterscheidung zwischen Gut und Böse“ auffassen lässt. So handelte es sich bei den Zensurbeamten um Personen, die das Böse vom Guten trennten. Das Wort Zensur fand erst Eingang in die staatlichen Medien, als Präsident Rohani in seinen Wahlkampfauftritten die Abschaffung der Zensur versprach. Dieses Versprechen hat er allerdings bis heute nicht eingelöst. Ebenso wird die Schriftstellervereinigung Irans nicht anerkannt, und ihre Tätigkeit ist immer noch verboten.

          Angesichts dieses Klimas kann man nur hoffen, es möge reiner Zufall gewesen sein, dass laut Medienberichten die Polizei jene Gruppe iranischer Journalisten auseinandertrieb, welche sich nach den Terroranschlägen von Paris versammelt hatten, um ihre Solidarität mit den Opfern dieser Tragödie auszudrücken, den Karikaturisten von „Charlie Hebdo“.

          Aus dem Farsi von Urs Gösken.

          Amir Hassan Cheheltan lebt in Teheran. Im kommenden Herbst werden seine Romane „Esfahan“ im Verlag C. H. Beck und „Iranische Morgendämmerung“ im Kirchheim Verlag erscheinen.

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