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Amerikas Milliardenspender : Profitgeier im Schafspelz

  • -Aktualisiert am

Milliardenspender unter sich: Warren Buffett (r.), Melinda und Bill Gates im Jahr 2006 Bild: AFP

Amerikas Milliardenspender geraten unter Beschuss. Denn Spenden sind nicht nur ein neues Statussymbol, die Reichen entscheiden damit auch, welche Schulen reformiert oder welche Arzneimittel zu erschwinglichen Preisen verteilt werden.

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          Es gehört sich nicht, dem geschenkten Gaul ins Maul zu schauen. Und ist der Gaul gar viele zigmilliarden Dollar wert, werden Beschenkte, die darüber nicht in Verzückung geraten, neben dem Vorwurf der Undankbarkeit sich nur Hohn und Spott einhandeln. So war es zunächst auch bei den Milliardären um Bill Gates und Warren Buffett, die gelobten, die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu verwenden. Ein störrischer, wenn nicht ideologisch verblendeter Esel, wer etwas gegen diesen Gaul haben wollte. Umso erstaunlicher, dass inzwischen doch auch Stimmen zu vernehmen sind, die in den allgemeinen Jubelchören für ein paar Dissonanzen sorgen.

          Sicher bieten die Vereinigten Staaten dem „Philanthrokapitalismus“, wie Matthew Bishop und Michael Green in ihrem gleichnamigen Bestseller die neue Spielart der ökonomischen Weltordnung nennen, einen fruchtbaren Boden. Untrennbar verknüpft mit dem dynamischen amerikanischen Unternehmertum ist eben auch die Erwartung, dass es von dem Reichtum, den es für sich zu mehren sucht, einen Teil an vom Schicksal weniger Begünstigte abgibt.

          Das Sagen haben allein die Spender

          Amerikas Steuergesetzgebung fördert einen solchen unternehmerischen Spendeneifer, aber gerade an ihr setzt auch die aktuelle Kritik an. Denn wer spendet, senkt seine Steuerlast, stellt damit dem Staat für seine Vorhaben weniger Geld zur Verfügung und vermag deshalb selbst zu bestimmen, wie es auszugeben ist. Zumal in den Augen der gegenwärtigen Republikaner, die dem Staat vor allem falsche Entscheidungen zutrauen und ihn deshalb möglichst knapp bei Kasse halten wollen, ist das eine ausgezeichnete Lösung. Das Ingenium des Volkes, so ihre Überzeugung, wird schon für einen glücklichen Ausgang der Sache sorgen. Mit dem „Giving Pledge“ allerdings wird das Volk samt seinen Vertretern von Gates, Buffett & Co. ausgeschaltet. Wie ihm die Spenden, die unter anderen steuerlichen Vorzeichen als Staatsguthaben zu verbuchen wären, zugutekommen sollen, legen allein die Spender fest.

          In der Debatte über die steuerbedingte Großherzigkeit der Milliardäre geht der alte Streit um das Verhältnis von Staat und Bürger, von Allgemeinwohl und Individualglück weiter. Verfechter der Weisheit der Märkte und der Selbstregulierungskraft der kapitalistischen Wirtschaft werden in den Milliardenspenden einen strahlenden Beweis ihrer Theorien zur Menschheitsbeglückung durch staatsferne, unternehmensnahe Originalität und Kreativität erkennen. Nicht zufällig wohl kommt eine der schärfsten Attacken von jenseits des Atlantiks, wo im britischen „Guardian“ Peter Wilby das Wort ergreift, unter der unversöhnlichen Schlagzeile: „Die Reichen wollen eine bessere Welt? Dann sollen sie faire Gehälter und ihre Steuern bezahlen.“

          Keine Lösung für die wachsende Einkommenskluft

          In der Tat haben zwischen 1998 und 2005, wie der unabhängige Rechnungshof - das Government Accountability Office - ausgerechnet hat, zwei Drittel aller amerikanischen Firmen keinen Cent an Steuern nach Washington überwiesen. Wilby hat nicht viel übrig für einen Protokapitalisten wie Larry Ellison, den Gründer der Softwarefirma Oracle, der das Profitmotiv als bestes Werkzeug für die gründliche Weltreparatur empfiehlt.

          Dass die ökonomischen Machthaber immer mehr auch in gesellschaftlichen Belangen auftrumpfen, missfällt jetzt aber nicht allein dem linkslastigen „Guardian“ in der europäischen Ferne, die für viele Amerikaner ohnehin unter Sozialismusverdacht steht. Vom „Boston Globe“ bis zu „Foreign Affairs“, der Zeitschrift des wahrlich nicht antikapitalistischen Council on Foreign Relations, reißt die Kette der Vorbehalte und offenen Zweifel nicht ab. Der Altruismus, der evolutionär den Eigennutz ja keineswegs ausschließt, wird auch bei den Milliardären in seiner selbstdienlichen Form wahrgenommen. Spenden sind nun einmal eine herrliche Werbung für die Firma, entschärfen Kritik an Boni- und Profitexzessen, mildern global das Finanzreizklima, kurz, sie schaffen viel guten Willen gerade in einer Zeit, die Arm und Reich, Chefs und ihre Untergebenen so unerbittlich voneinander trennt. Nicht nur sind Milliardenspenden die neuen Statussymbole, sie zementieren auch wunderbar den Status quo ein.

          Der „Boston Globe“ bleibt entsprechend unbeeindruckt: „Selbst eine Philanthropie mit den besten Vorsätzen bietet keine Lösung für die sich vergrößernde Einkommenskluft, die zu exorbitanten Spekulationen der Reichen und zur Verschuldung der Armen geführt hat.“ In einer nun oft zitierten Studie, die Michael Edwards, ehemals in Diensten der Weltbank, für den Thinktank Demos anfertigte, heißt es noch deutlicher: „Warum sollten die Reichen und Berühmten entscheiden, welche Schulen reformiert oder welche Arzneimittel zu erschwinglichen Preisen verteilt oder welche Bürgerbewegungen finanziell unterstützt werden sollten?“ Die Antwort darauf hat Bill Gates noch nicht gegeben.

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