https://www.faz.net/-gqz-8o838

Debattenkultur und Populismus : Make intellect great again!

  • -Aktualisiert am

Wie hätte man den Aufstieg eines Narzissten verhindern können? Das Establishment verhinderte stattdessen lieber Bernie Sanders. Bild: AFP

Amerikas Intellektuelle sind nicht schuld an Donald Trump, denn einen öffentlichen Diskurs hat es dort nie gegeben. Vielmehr steckt die Demokratie selbst in einer Krise. Ein Gastbeitrag.

          Die Wahl von Donald Trump hat zahlreiche Analysen amerikanischer Professoren und Kulturkritiker ausgelöst. Auch unter den Amerika-Freunden im deutschen Bildungsmilieu grassiert eine Art anteilnehmender Selbstkritik: Die kritischen und liberalen Intellektuellen hätten versagt. Zu diesem Jammer gibt es keinen Anlass.

          Denn Intellektuelle mit öffentlicher Wirkung gibt es in den Vereinigten Staaten nicht. Die homogenisierende Rede vom Westen täuscht vor, dass die Institution der Intellektuellen auch jenseits des Atlantiks existiere. Doch wann hätten Intellektuelle in der Geschichte der Vereinigten Staaten je leidenschaftliche Stürme erregt wie Zola, Heidegger oder Sartre, gegen dessen Verhaftung Präsident de Gaulle intervenierte?

          Wenn wir von Intellektuellen sprechen, beziehen wir uns auf eine Tradition, die sich auf Namen wie Zola gründet. Diese urbanen und streitfreudigen Denker hatten eine Ausstrahlung in Europa, die von Paris ausging und Berlin und einige Metropolen weiter östlich erfasste. Im zwanzigsten Jahrhundert denken wir an Sartre, Beauvoir, Camus, Aron und später die Neuen Philosophen oder Foucault, Bourdieu, Derrida, Badiou. Einige unterhielten enge Verbindungen zur trotzkistischen oder maoistischen Linken. Sartre schrieb über den Intellektuellen als Revolutionär. Die Neigungen zum Radikalen in der Politik führten auf der anderen Seite in die Nähe zu Hitler und Mussolini.

          Öffentliche Debatten hat es nicht gegeben

          Für urbane Intellektuelle bieten Kultur und Gesellschaft der Vereinigten Staaten keinen Nährboden. Öffentliche Debatten, in denen europäische Gesellschaften die Frage nach der „geistigen Situation der Zeit“ (Karl Jaspers 1931) zu klären suchten, hat es in den Vereinigten Staaten nicht gegeben.

          Es fehlt an der Dichte der Kommunikation. Selbst in New York, der europäischsten Stadt der Vereinigten Staaten, findet sich die Subkultur nicht, in der Intellektuelle und ihre Streitgespräche gedeihen. Wenn wir nach Intellektuellen suchen, kommen uns nur wenige Namen in den Sinn: Susan Sontag, Noam Chomsky, Norman Mailer – Ausnahmen, für welche die Migrantin Hannah Arendt in New York das Vorbild lieferte. Gewiss: Es hat stets Professoren gegeben, deren Wirkung über den Hörsaal hinausreicht, in unserer Zeit etwa Samuel Huntington, Paul Kennedy oder Paul Krugman. Aber eine politisch-moralische Instanz mit gesellschaftlicher Resonanz waren oder sind sie nicht. Ihr Ruf überwindet nicht den Experten-Status. Judith Butlers Wirkung als öffentliche Intellektuelle ist in Europa größer als in den Vereinigten Staaten, wo sie als Anregerin der Gender-Debatte in einigen Universitätsdepartments und im Feminismus Prominenz hat.

          Der zivilisierende Filter hat versagt

          Wenn Professoren heute von der Chance schreiben, der Erfolg von Trump könne eine heilsame Lektion werden und die Rückkehr zu einer vergangenen Größe der Intellektuellen einläuten, stellt sich die Frage: Wann hat es diese Zeit gegeben? Sie ist eine wunschgeleitete Illusion. In der Selbstbezichtigung von Autoren, die geistige Katastrophe mit Namen Trump verursacht zu haben und damit an der öffentlichen Aufgabe des Intellekts gescheitert zu sein, verbirgt sich der Protest gegen die narzisstische Kränkung, nicht gehört zu werden.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Der Triumph des Donald Trump geht nicht auf das Scheitern der Intellektuellen zurück, sondern ist das Symptom des Scheiterns der Demokratie. Der zivilisierende Filter des Parteiensystems hat versagt. Trumps Sprache ist ungezügelter als alles, was bisher in der öffentlichen politischen Rede gewagt wurde. Aber so wie er denken viele, und so, wie er spricht, sprechen viele unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Eine andere Basis als die direkte Demokratie, die er in jedem öffentlichen Auftritt beschwor, hat sein Erfolg nicht. Obwohl die Mehrheit der Wähler nicht für ihn gestimmt hat, bilden die Wähler allein die Grundlage seiner künftigen Machtposition. Wenn er „wir“ sagt, beschwört er mit Recht die Nähe seiner vulgären Sprache zu Millionen von Wählern.

          Das Establishment hat Sanders verhindert

          Die Ideen, die heute als Populismus bezeichnet werden, sind nicht neu. Aber das System der Demokratie hat diese Sprache bisher erfolgreich von der exponierten Ebene der Politik ferngehalten. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Kongressabgeordneten im Mittleren Westen. Mich erschraken der Nationalismus, der Isolationismus, der Protektionismus und die Unwissenheit über die Welt außerhalb des Mittleren Westens, die der Abgeordnete ungehemmt zeigte. Dieser Mann war, das ging über mein Verständnis, an Entscheidungen der Weltpolitik beteiligt. Das Gespräch fand vor mehr als dreißig Jahren statt. Die Filter der repräsentativen Demokratie funktionierten. Das System hielt das Kapitol frei von Äußerungen des Provinzialismus.

          Es lassen sich Gründe benennen, warum das System nicht mehr funktioniert und ein Charakter mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung den Weg zur Präsidentenkandidatur nicht blockiert fand. Die Frage, wie es überhaupt möglich war, dass ein antidemokratischer Demagoge alle Hürden auf dem Weg ins Weiße Haus überwinden konnte, stellt die Frage nach der Krise der Demokratie nicht nur in den Vereinigten Staaten. Der Vorwurf, das Establishment sei die Wurzel des Verfalls der Demokratie, ist populär, klingt selbst populistisch, ist aber offenbar auch begründet. Nur das Establishment hätte den Aufstieg eines populistischen Anti-Demokraten wie Trump verhindern können. Diese Kraft hat es nicht mehr. Millionen hätten Bernie Sanders gewählt. Ihn hat das Establishment verhindert.

          Die Klage über das angebliche Scheitern der Intellektuellen lenkt ab von der Krise der Demokratien, deren Nutznießer die Autokraten in Moskau, Peking, Budapest und anderswo sind. Sie glauben sich auf die Unterstützung ihrer Bevölkerungen verlassen zu können. Auch in Paris kommt es im Kampf gegen den Front National auf die Intellektuellen nicht an.

          Weitere Themen

          „It Must Be Heaven“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „It Must Be Heaven“

          „It Must Be Heaven“ ist eine französisch-kanadische Komödie aus dem Jahr 2019 von Elia Suleiman. Der Film kämpft in Cannes um die Goldene Palme.

          „All my Loving“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „All my Loving“

          „All my Loving“ ist der neue Film von Edward Berger und zeigt drei Geschwister, die an einem Punkt angelangt sind, an dem sie schnell etwas verändern müssen, bevor die zweite Hälfte ihres Lebens beginnt.

          Topmeldungen

          Bayern-Sieg im DFB-Pokal : Geballte Münchner Klasse

          Nach dem Meistertitel in der Fußball-Bundesliga sichert sich der FC Bayern nun das Double. Die Münchner setzen sich im Pokalfinale gegen RB Leipzig durch. Vorstandschef Rummenigge bestätigt anschließend: Trainer Kovac bleibt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.