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Amerikanische Botschaft in Berlin : Ein Anflug von Alcatraz

  • -Aktualisiert am

Penetrantes Mittelmaß Bild: REUTERS

Die neue amerikanische Botschaft in Berlin ist Architektur gewordenes Reader's Digest. Der Bau wirkt nicht zeitlos unauffällig, sondern beleidigend billig und kraftlos. Warum nur?

          Berlin erstaunt. Noch vor zehn Jahren hätte kaum jemand einen Pfifferling darauf gegeben, dass die von Neubauten schluchtartig gesäumte Friedrichstraße tatsächlich wieder jener Großstadtboulevard werden würde, den sich die Städtebauer versprachen. Heute sprudelt sie, teilweise sogar nachts, vor Leben. Und selbst die Straße Unter den Linden, jene Achse, die man zu DDR-Zeiten als totenstille Besichtigungsmeile kennengelernt hatte, an der sich die stummen Kulissen einer versunkenen Welt reihten, sogar die Linden sind inzwischen so quirlig, lebhaft und laut wie die Boulevards von Rom, Barcelona oder London.

          Auch beim Pariser Platz hat sich ein nie so erwarteter Wandel vollzogen: Erst Schussfeld-Brache der DDR, dann allseits verachtetes Experimentierfeld für Hans Stimmanns obsessiven Hang zu steinernen Lochfassaden, hat das Karree rund um das Brandenburger Tor sich zu einem prägnanten großstädtischen Platz entwickelt, der ebenso viel über die klassizistische Vergangenheit wie über die nach Tradition suchende Gegenwart Berlins sagt. Das liegt nicht etwa an den Bauwerken, die, Stimmanns Auflagen folgend, mehr oder weniger deutlich „Spree-Athen“ zitieren: Es ist oft genug gesagt worden, dass, ausgenommen Frank Gehrys ironisch-spielerisch klassizierendes Bankgebäude, das schablonisierte Einerlei der Sandsteinfronten, Kreuzstockfenster und mittigen Eingänge im Einzelfall blutleer und fade wirkt. Doch als Ensemble gewinnen Josef Paul Kleihues' Palais-Doppel, die Dresdner Bank, die Französische Botschaft und sogar das unsäglich bieder historisierende „Adlon“ eine gelassene Kraft, die selbst Günter Behnischs gläserne Akademie der Künste nicht als trotzigen Eckensteher verurteilt, sondern als Exzentriker toleriert und neutralisiert.

          Warum ist dieses Bauwerk so unsäglich langweilig und nichtssagend?

          Ob allerdings die Kraft ausreichen wird, das penetrante Mittelmaß der neuen Amerikanischen Botschaft zu überspielen, die nun endlich eröffnet wird, ist zweifelhaft. Denn ausgerechnet sie, die blässlicher nicht sein könnte, steht neben Frank Gehrys vitalem Bau. Das ist so, als hätte ein gespürloser Regisseur Fred Astaire gezwungen, mit Mamie Eisenhower Mambo zu tanzen. Wobei man der ehemaligen First Lady zugutehalten muss, dass sie aus freien Stücken die Farblosigkeit bevorzugte, während sie dem Bau respektive dessen Architekten und Bauherren wohl nur unterlaufen ist.

          Penetrantes Mittelmaß Bilderstrecke

          Sandstein, eierschalfarben wie bei vielen der Nachbarbauten, Gesimse in dunklerem Ton und mit quergelegten Kreuzstockfenstern dazu sogar verschämte Keckheit in Form eines abrupten schluchtartigen Fassadeneinschnitts, aus dem sich der Haupteingang als Glaspavillon vorschiebt - warum nur ist dieses Bauwerk trotzdem so unsäglich langweilig und nichtssagend? Dass seine Architekten Moore Ruble Yudell mit Gruen Associates schon 1996 den Zuschlag erhielten, kann nicht der Grund sein. Denn den Allerweltsneoklassizismus eines solchen Baus hätte man in irgendeiner Stadt im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten auch schon 1986 prämiert und würde ihn auch heute wählen, um irgendwelche Plätze zu zieren. Es müssen wohl doch die absolute Unentschlossenheit und Einfallslosigkeit sein, der völlige Mangel an Mut zum Risiko und das Fehlen jeglichen Gespürs für die Spezifik des Pariser Platzes, die den Botschaftsbau nicht zeitlos unauffällig, sondern beleidigend billig und kraftlos wirken lassen.

          Architektur gewordenes Reader's Digest

          Das beginnt mit dem S-förmig geschwungenen Baldachin über dem Zugang, dessen Metallstreben so plump und dessen Schwünge so zickig sind, dass er für einen Drogerie- oder Baumarkt gemacht scheint, und endet mit der leicht zurückgesetzten, fenster- und dekorlosen Attika, die die hermetisch abgeschotteten Warenhauswürfel der siebziger Jahre assoziieren lässt. Steht man dann an der Ebertstrasse hinter dem Brandenburger Tor, erscheint die regelmäßig befensterte Breitseite der Botschaft wie die Fassade eines Mietshauses für den Mittelstand, dem allerdings metallene Vorsprünge über jedem Fenster einen Anflug Alcatraz verleihen, womit wiederum der graumetallene Zylinder eines inneren Treppenhauses grotesk harmoniert, der vom Innenhof her die Baumasse überragt.

          Die dem Holocaust-Mahnmal gegenüber gelegene Rückseite wiederholt das Mietshausschema, schließt hier allerdings wie in einem verzweifelten Versuch von Lässigkeit mit einem schmalen gläsernen Vierkant an den Gehry-Bau an. Was soll man anfangen mit einem solchen Gebäude an einer solchen Stelle?

          Vom Tiergarten her erringt es im Fernblick für einen Moment die Wucht einer Festung. Doch hat selbst der martialische Würfel, den Kaiser Karl V. einst brachial gegen die Geschmeidigkeit der Alhambra setzen ließ, mehr Eleganz als dieser Klotz. Nein, ob man die Kehr- oder die Schauseite der neuen Amerikanischen Botschaft betrachtet, sie ist Architektur gewordenes Reader's Digest. Ob die Innenräume, deren bisher publizierte Entwurfs- und Designzeichnungen gleiche Güte verhießen, während der Bau- und Einrichtungsarbeiten Eigenart und Prägnanz gewonnen haben, wird die Eröffnungsfeier zeigen. Wir wagen kaum zu hoffen.

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