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Amerikanische „Bootcamps“ : Weich heißt die Lösung

  • -Aktualisiert am

Ein Studie spricht dem militärischen Drill die Wirkung ab Bild: AP

Taugen die amerikanischen „Bootcamps“, um die Jugendkriminalität in Deutschland in den Griff zu bekommen? In ihrem Ursprungsland sind die Erziehungslager in Verruf geraten, seit Misshandlungen, Verletzungen und Todesfälle bekannt geworden sind.

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          Die deutsche Debatte über die Jugendkriminalität hat die amerikanischen Medien erreicht. Die „New York Times“ schreibt von einem „brutalen Krieg der Worte“, der zwischen den beiden größten politischen Parteien ausgebrochen sei. Wie es dazu kommen konnte, weiß die Zeitung sich nicht zu erklären. Deutschland habe zwar Schwierigkeiten mit seinen „eingewanderten Bewohnern“, aber rohe Konflikte wie anderswo, zumal in Frankreich, kenne es nicht. Die Nazi-Vergangenheit und der daraus abgeleitete Eifer aller etablierten Politiker, selbst den Anschein nationalistischer Regungen zu meiden, hätten die Art der Debatte, wie sie in Europa andernorts von rechtsextremen Parteien angezettelt wurde, bisher verhindert. Dies aber könne sich jetzt ändern.

          Doch nur keine Panik, das „Wall Street Journal“ macht uns wieder Mut. Auch unter Rupert Murdoch, noch unerschüttert in seinem radikal ökonomischen Denken, vermag es Lösungen anzubieten: Kulturelle Barrieren seien am besten mit guten Schulen zu überwinden, und während Immigranten sich selbstkritisch mit ihren Versäumnissen auseinanderzusetzen hätten, müssten Regierungsprogramme die Integration fördern. Die Hoffnung bestehe darin, dass das Ergebnis der Debatte gleichermaßen zu mehr gesellschaftlicher Durchlässigkeit wie zum Ende des „rampant welfarism“, der Exzesse des Wohlfahrtsstaats, führe.

          Das Heilversprechen ist ausgereizt

          Roland Koch würde sicher lieber das „Journal“ als die „Times“ aufschlagen. Was er sonst aus Amerika zu hören bekäme, gefiele ihm wohl weniger. Mit Erziehungslagern für jugendliche Straftäter, den „Bootcamps“, ist in deren Ursprungsland kein Staat mehr zu machen. Ihr Heilsversprechen ist ausgereizt, wenn nicht widerlegt. Erst vor einem Vierteljahr veröffentlichte nicht irgendeine pazifistisch-linksliberale Interessengruppe, sondern das Government Accountability Office (G.A.O.), die Untersuchungsbehörde des amerikanischen Kongresses, eine ernüchternde Studie, die Bootcamps und ihrem militärischen Drill jede Eignung absprach, kriminelle Jugendliche zurück auf den Weg der Tugend zu bringen.

          Erziehungscamp in Kalifornien: Himmelschreiende Skandale

          Ganz im Gegenteil könnten die umstrittenen Umpolungslager das Problem noch verschlimmern. Ebenso trügen strengere Gesetze, die Teenager juristisch wie Erwachsene behandelten, nur zur Verschärfung des Übels bei. Nach einer Haft mit volljährigen Tätern neigten Jugendliche dazu, rabiater zu sein. Ähnliches gelte für Bootcamps, wo gewalttätige Minderjährige vereint seien und einander anstacheln könnten. Solche Erziehungsstätten, so das G.A.O., haben auch keine abschreckende Wirkung. „Tough love“, Angstmacherei und Taktiken, die auf Furcht und Schrecken abzielen, laufen ins Leere.

          Mehrere Todesfälle - und ein glänzendes Geschäft

          Nicht erst die vom Kongress in Auftrag gegebene Untersuchung deckte himmelschreiende Skandale auf. Seiten über Seiten sind gefüllt mit Berichten über Misshandlungen, Verletzungen und Todesfälle. In den praktisch unregulierten Anstalten kam es vor, dass Teenager zur Strafe keine Nahrung erhielten, dafür ihr Erbrochenes wieder herunterwürgen und in ihren Exkrementen liegen mussten. Ein dehydrierter Junge verschlang Erde, weil er nichts zu trinken bekam. Mehrere Todesfälle haben die Öffentlichkeit aufgeschreckt, und wie in Amerika üblich blieben Schadenersatzklagen nicht aus. Der Bundesstaat Florida zahlte 2007 einer Familie, deren vierzehn Jahre alter Sohn in einem vom lokalen Sheriff geleiteten Bootcamp umkam, fünf Millionen Dollar.

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