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Amartya Sen : Das Gespenst des Kulturrelativismus

  • -Aktualisiert am

Wider die integralistische Einspurigkeit: Amartya Sen Bild: dpa

Der Nobelpreisträger Amartya Sen hat ein Buch über die „Identitätsfalle“ geschrieben. Seine These: Der Westen nimmt seinen eigenen Universalismus nicht ernst, versteht Multikulturalismus falsch und geht daran zugrunde.

          Kann es helfen, die Probleme mit Globalisierung und Integration probehalber einmal von außen anzuschauen? Was würde zum Beispiel ein Inder zur „Islamkonferenz“ sagen? Kürzlich kam unter dem Titel „Die Identitätsfalle“ ein Buch des Wirtschaftsnobelpreisträgers Amartya Sen auf Deutsch heraus, das eine ziemlich präzise Antwort auf diese Frage erlaubt. Professor Sen geht da zwar nicht auf die deutsche Innenpolitik ein, aber er lässt keinen Zweifel daran, dass er staatliche Religionsdialoge auf der Suche nach dem „gemäßigten Muslim“ generell nicht hilfreich findet.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Sen sieht in ihnen vielmehr eine riskante self-fulfilling prophecy: Man schließe die Bürger in einer einzigen kulturellen oder religiösen Identität - hier: der islamischen - ein und fördere damit genau die integralistische Einspurigkeit, die man doch überwinden will. Sitzen neben den religiösen Führern auch noch so viele religionskritische Führer am runden Tisch der „Islamkonferenz“, so bleibt der Leisten, über den alles geschlagen wird, doch die Religion.

          Überfordernde Globalisierung

          Für viel angemessener und aussichtsreicher hält Sen es, die Menschen in ihrer realen Vielfalt zu nehmen: als Wesen, die eben nicht nur, um hier im deutschen Kontext zu bleiben, Muslime sind, sondern auch, zum Beispiel, Arbeitslose, Mütter, Kurdischstämmige, Sozialdemokratinnen und Hip-Hop-Fans - Bürger auf jeden Fall, die sich an die Gesetze halten müssen. Das Leben jedes Menschen spiele sich nun einmal nicht nur in einer, sondern in vielen sozialen und geistigen Zugehörigkeiten ab, sagt Sen, und vor allen Zuschreibungen einer schicksalhaften Kultur („The Illusion of Destiny“ heißt der Untertitel des Buches im Original) habe er einen Anspruch darauf, als jemand respektiert zu werden, der seine kulturellen Entscheidungen selber trifft (oder wenigstens selber treffen sollte). Der säkulare Rechtsstaat biete für diesen Respekt und damit für die organische Selbstveränderung der Kulturen den bestmöglichen Rahmen - aber nur so lange, als er sich nicht zu Kulturkämpfen hinreißen lasse und dadurch sich selbst gefährde.

          Die leise, dann aber umso durchdringendere Pointe dieses Arguments erschließt sich, wenn man es über den Konflikt mit dem Islamismus hinaus auf Globalisierungsprobleme insgesamt anwendet. Dass die multikulturelle Weltgesellschaft nicht so romantisch und gemütlich sein wird, wie es das Attribut früher verhieß, ist mittlerweile bekannt. Was aber daraus folgt, steht nach wie vor in den Sternen. Überraschenderweise scheint die Globalisierung die westlichen Gesellschaften, unter deren Regie sie bislang weitgehend stattfand, kulturell zunehmend zu überfordern. Vielleicht deshalb, weil die Konfrontation mit anderen Gewohnheiten und Denkweisen jetzt nicht mehr bloß so stattfindet, dass der Westen diese ökonomisch, wissenschaftlich, künstlerisch oder touristisch konsumieren könnte, sondern so, dass er selbst in die Geschichten, Kämpfe und Traumata der anderen einbezogen wird. Das ist eine neue Situation, die den westlichen Universalismus auf eine ungewohnte Probe stellt.

          Kulturelle Freiheit anerkennen

          Die Angst vor einem Kulturrelativismus geht um, der den eigenen Prinzipien die Widerstandsfähigkeit nehmen könnte. So scheint durch die Auseinandersetzung mit fremden Fundamentalismen die Sehnsucht im Westen nach einer ganz ähnlich gelagerten Komplexitätsreduktion zu wachsen, nach einem Zurückschrauben der gelungenen Differenzierungen, nach einer Welt, die sich aus eindeutig fixierten Kultur- und Religionssystemen heraus verstehen lässt. Eine Gesellschaft wie die deutsche soll schon ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn sich ihr Profil nicht auf den klar zugeschnittenen Nenner einer „Leitkultur“ bringen lässt.

          Das Bestechende am vermeintlich so schlichten Argument Amartya Sens ist nun, dass es implizit und ohne diese Terminologie zu gebrauchen, der westlichen Sorge vor Kulturrelativismus vorhält, die universalistischen Prinzipien selbst nicht ernst genug zu nehmen. Aus der Feststellung, dass die Menschen auf nicht nur eine, sondern „auf mannigfaltige Weise verschieden“ seien, leitet er ein doppeltes Gebot ab: Man soll die verschiedenen Kulturen anerkennen, aber auch die kulturelle Freiheit, also das Recht jedes Menschen, sich selber für und auch gegen eine kulturelle Zugehörigkeit zu entscheiden. Die multikulturelle Perspektive hat da einen harten resistenten Kern: das an keine Kultur veräußerliche Recht des Menschen, über sich selbst zu bestimmen.

          Olympische Souveränität

          Der Witz ist, dass Sen dies keineswegs für ein bloß westliches Prinzip hält, sondern dessen Wurzeln ebenso wie die von Toleranz, Demokratie und moderner Wissenschaft auch in anderen Kulturen auffindet. Es ist also ein Universalismus, der radikaler ist als der, den der Westen gewohnt ist, ein Universalismus, der sich von seiner westlichen Befangenheit frei gemacht hat. Erst eine solche Position hätte die nötige Autorität, die Achtung der Menschenrechte überall, ohne Ansehen der Kultur einzufordern - weil sie auch vom Westen verlangt, über den Schatten seiner Kultur zu springen und den kulturell begründeten Hegemonieanspruch aufzugeben.

          Vielleicht muss man ein aus vielen Kulturen zusammengesetztes Leben wie Amartya Sen geführt haben, um Unterscheidungen mit solch olympischer Souveränität treffen zu können. Er wuchs in einem Gelehrtenhaushalt in Westbengalen auf, studierte am Trinity College in Cambridge und lehrte später in Kalkutta, Cambridge, Oxford und Harvard. So konnte er sowohl die Forderung nach „Verwestlichung“ wie den ressentimentgeladenen Widerstand dagegen als bloß „reaktive Werte“ erkennen, Produkte eines nach wie vor kolonialisierten Geistes, der den Westen für den Dreh- und Angelpunkt aller Beziehungen hält. Und der die Verschiedenheit der Kulturen sowohl über- wie unterschätzt: Ihre Anerkennung ist die notwendige, aber nicht die hinreichende Bedingung für das Zusammenleben im multikulturellen Zeitalter.

          Chronische Überlegenheit als Manko

          Es versteht sich von selbst, dass eine solche Perspektive allein noch keines der Probleme löst, durch welche Kulturen erstarren und Gebräuche sich zu Zeitbomben verfestigen können. Es bedarf der Anstrengungen, die globalisierten Märkte gerecht zu machen, sich um internationale Verfahrensregeln, Eigentumsformen und Ressourcenzugänge zu kümmern. Aber für die dazu nötige Empathie ist die Relativierung der Kultur ein erster Schritt. Vielleicht macht es dem Westen jetzt ausgerechnet seine jahrhundertelange Vorherrschaft schwer, mit dieser Herausforderung zurechtzukommen.

          Die Erfahrungen, die heute wichtig wären, konnte er aufgrund seiner chronischen Überlegenheit bisher nicht machen: die Konfrontation mit einer fremden Lebensweise, der man nicht ausweichen kann; das Erlebnis, dass man sich mit Ressentiments genauso wie mit Anpassung schaden kann; die Beobachtung, wie universelle Werte und partikulare Interessen auseinanderklaffen können, selbst wenn jene in deren Namen verfolgt werden. Das aber sind die Erfahrungen der einstmals kolonialisierten Länder, und es könnte sein, dass sich der Mittelpunkt des Nachdenkens über unsere multikulturelle Zukunft demnächst in diese Länder verlagert.

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