https://www.faz.net/-gqz-usxk

Amartya Sen : Das Gespenst des Kulturrelativismus

  • -Aktualisiert am

Das Bestechende am vermeintlich so schlichten Argument Amartya Sens ist nun, dass es implizit und ohne diese Terminologie zu gebrauchen, der westlichen Sorge vor Kulturrelativismus vorhält, die universalistischen Prinzipien selbst nicht ernst genug zu nehmen. Aus der Feststellung, dass die Menschen auf nicht nur eine, sondern „auf mannigfaltige Weise verschieden“ seien, leitet er ein doppeltes Gebot ab: Man soll die verschiedenen Kulturen anerkennen, aber auch die kulturelle Freiheit, also das Recht jedes Menschen, sich selber für und auch gegen eine kulturelle Zugehörigkeit zu entscheiden. Die multikulturelle Perspektive hat da einen harten resistenten Kern: das an keine Kultur veräußerliche Recht des Menschen, über sich selbst zu bestimmen.

Olympische Souveränität

Der Witz ist, dass Sen dies keineswegs für ein bloß westliches Prinzip hält, sondern dessen Wurzeln ebenso wie die von Toleranz, Demokratie und moderner Wissenschaft auch in anderen Kulturen auffindet. Es ist also ein Universalismus, der radikaler ist als der, den der Westen gewohnt ist, ein Universalismus, der sich von seiner westlichen Befangenheit frei gemacht hat. Erst eine solche Position hätte die nötige Autorität, die Achtung der Menschenrechte überall, ohne Ansehen der Kultur einzufordern - weil sie auch vom Westen verlangt, über den Schatten seiner Kultur zu springen und den kulturell begründeten Hegemonieanspruch aufzugeben.

Vielleicht muss man ein aus vielen Kulturen zusammengesetztes Leben wie Amartya Sen geführt haben, um Unterscheidungen mit solch olympischer Souveränität treffen zu können. Er wuchs in einem Gelehrtenhaushalt in Westbengalen auf, studierte am Trinity College in Cambridge und lehrte später in Kalkutta, Cambridge, Oxford und Harvard. So konnte er sowohl die Forderung nach „Verwestlichung“ wie den ressentimentgeladenen Widerstand dagegen als bloß „reaktive Werte“ erkennen, Produkte eines nach wie vor kolonialisierten Geistes, der den Westen für den Dreh- und Angelpunkt aller Beziehungen hält. Und der die Verschiedenheit der Kulturen sowohl über- wie unterschätzt: Ihre Anerkennung ist die notwendige, aber nicht die hinreichende Bedingung für das Zusammenleben im multikulturellen Zeitalter.

Chronische Überlegenheit als Manko

Es versteht sich von selbst, dass eine solche Perspektive allein noch keines der Probleme löst, durch welche Kulturen erstarren und Gebräuche sich zu Zeitbomben verfestigen können. Es bedarf der Anstrengungen, die globalisierten Märkte gerecht zu machen, sich um internationale Verfahrensregeln, Eigentumsformen und Ressourcenzugänge zu kümmern. Aber für die dazu nötige Empathie ist die Relativierung der Kultur ein erster Schritt. Vielleicht macht es dem Westen jetzt ausgerechnet seine jahrhundertelange Vorherrschaft schwer, mit dieser Herausforderung zurechtzukommen.

Die Erfahrungen, die heute wichtig wären, konnte er aufgrund seiner chronischen Überlegenheit bisher nicht machen: die Konfrontation mit einer fremden Lebensweise, der man nicht ausweichen kann; das Erlebnis, dass man sich mit Ressentiments genauso wie mit Anpassung schaden kann; die Beobachtung, wie universelle Werte und partikulare Interessen auseinanderklaffen können, selbst wenn jene in deren Namen verfolgt werden. Das aber sind die Erfahrungen der einstmals kolonialisierten Länder, und es könnte sein, dass sich der Mittelpunkt des Nachdenkens über unsere multikulturelle Zukunft demnächst in diese Länder verlagert.

Weitere Themen

Topmeldungen

Aktuell gibt es in Deutschland nur einen Bruchteil der bis 2020 anvisierten 100.000 Ladestellen.

Elektromobilität : Strom-Tankstellen auf Staatskosten

Im Kanzleramt findet gerade ein Autogipfel statt. Ein Thema: Elektro-Autos. Sie sind für die Industrie das nächste Milliardengeschäft. Doch die Ladesäulen soll der Staat bezahlen – mit bis zu einer Milliarde Euro. Aber muss das sein?
Demonstranten in Cottbus im Mai 2018

Sicherheitsbehörden und AfD : Ist Frust die Ursache?

Es gilt, alle rechtsstaatlichen Mittel anzuwenden, um Reichsbürger aus dem Sicherheitsapparat auszuschließen. Es hilft aber nicht, allen Mitgliedern der Sicherheitsbehörden pauschal ein blindes rechtes Auge zu unterstellen. Eine Analyse.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.