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Joseph Ratzinger wird neunzig : Das theologische Gewissen

Ein Bruch, der sich nicht verkleistern lässt: der emeritierte Papst Joseph Ratzinger mit seinem Nachfolger, Papst Franziskus, im Juni 2016 im Vatikan Bild: Epa/L'Osservatore Romano / Handout

Nach dem Tod des polnischen Riesen war er der natürliche Kandidat für die Nachfolge. Heute schaut er der damnatio memoriae von Johannes Paul II. zu. Am Ostersonntag wird Joseph Ratzinger neunzig.

          Das Unheimliche des Papsttums wird in der Residenza Paolo VI sinnfällig. In diesem Hotel in Sicht-, ja Greifweite des Petersplatzes hängen im Treppenhaus die Gemälde diverser Heiliger Väter, auf jeder Etage eins, vom gegenwärtigen Bergoglio-Papst an rückwärts auf der genealogischen Linie bis hin zu Petrus, dem ersten Papst, dem Felsen. Jeder von ihnen war zu seiner Zeit die höchste Lehrautorität, seine Worte waren Gesetz. Doch nicht dies, die universale Machtfülle der Amtsinhaber, ist es, was dem Hotelgast treppauf, treppab beklommen, bestürzend oder beflügelnd zu Bewusstsein kommt, sondern im Gegenteil das völlige In-der-Versenkung-verschwunden-Sein dieser Männer, die einmal Galionsfiguren waren, die damnatio memoriae auch, mit der manche der Begnadeten heute als persona non grata dastehen, da hängen als gestürmte Bilder auf dem Weg zum Frühstücksei.

          Wer heute den Fischerring trägt, hat das Sagen, auch wenn es dem widersprechen sollte, was frühere Fischerringträger sagten. Diesem gehörigen Schuss Positivismus im Traditionsunternehmen der Cattolica entkommt man nicht, selbst wenn man im Treppenhaus der Residenza Paolo VI zwei Stufen auf einmal nimmt. Welcher Hahn kräht heute etwa noch nach Johannes Paul II., der ein Vierteljahrhundert lang die Ikonographie des Papsttums prägte, als eine einzige Entfaltung seiner philosophischen Antrittsenzyklika „Redemptor hominis“, in deren Koordinaten auch der Fall des Eisernen Vorhangs eingezeichnet war?

          Eine Hermeneutik der Spontanität

          Es ist dieses weitgespannte, ungeheuer wirkmächtige Pontifikat des polnischen Papstes, das für Joseph Ratzingers Aufstieg die Matrix war. Karol Wojtyla machte ihn zum Chef der Glaubenskongregation, vulgo zum Panzerkardinal und in gewisser Weise dann auch zu seinem unmittelbaren Nachfolger im Amt des Papstes. Denn nach dem Tod Wojtylas war man sich in der Kurie einig, dass jetzt erst einmal eine längere Übergangslösung gefunden werden musste, jemand, der die klaffende Leerstelle füllen konnte, ohne sie ausfüllen zu müssen. Joseph Ratzinger, Wojtylas theologisches Gewissen, war hier der natürliche Kandidat, jeder andere hätte neben dem polnischen Riesen wie ein zufällig hereinschneiender Zwerg ausgesehen, wie eine sich über die eigene Unterlegenheit hinwegtäuschende Amtsanmaßung.

          Selbst der bis heute Rätsel aufgebende Amtsverzicht Ratzingers als Benedikt XVI. lässt sich noch als eine Pointe des Vorgängerpapstes lesen: Ratzinger hätte demnach nur so lange Papst sein müssen, wie es brauchte, um das Kraftzentrum Wojtyla in den Hintergrund treten zu lassen. Deshalb glaubte Ratzinger erst 2013, acht Jahre nach Wojtylas Tod, sagen zu können: „Ich bin dann mal weg.“ Ratzingers Rolle ist heute im Wesentlichen die, von den Vatikanischen Gärten aus der damnatio memoriae von Johannes Paul II. als stummer Zeuge beizuwohnen. Dessen theologische Linien, die ja auf weiten Strecken Ratzingers eigene waren, haben sich pastoral verwirrt.

          Auf dem Stuhl Petri hat sich eine Hermeneutik der Spontanität breitgemacht. Darin liegt ein Bruch, der sich nicht verkleistern lässt. Die aktuelle päpstliche Verkündigung in den Zeichen von „Barmherzigkeit“ und „Zärtlichkeit“ verzichtet darauf, das Reformerische mit dem Traditionellen argumentativ zu vermitteln. Das hat nach dem ganzen Aufwand, mit dem in den Pontifikaten zuvor die Hermeneutik der Kontinuität mit den Quellen des Christentums betrieben wurde, in der Tat etwas Unheimliches. Auf seinem Gemälde in der Residenza Paolo VI lässt sich Joseph Ratzinger nichts anmerken. Am Ostersonntag ist schließlich sein Neunzigster.

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