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Geschichte der Vortragskunst : Als Bürger leben, als Gott sprechen

  • -Aktualisiert am

Seid ihr alle da? Der Schriftsteller Saša Stanišić bei seiner online übertragenen „Wohnzimmerlesung“ im März Bild: Foto YouTube/Verlagsgruppe Random House/Screenshot F.A.Z.

Zwischen Klopstock und Cloudrap: Beim Blick in die Geschichte des literarischen Vortragens kann man immer wieder streiten, was Kunst ist und was nicht. Eine ihrer zentralen Fragen lautet: Wie hältst Du’s mit dem Pathos?

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          Hand aufs Herz: Hätten Sie gewusst, was Aoiden sind? Als solche (sprich: „Aöden“) bezeichnete man in der griechischen Antike Dichtersänger, die ihr eigenes Material vortrugen, während der Wechsel zur Schriftlichkeit die Rhapsoden hervorbrachte, die vorgefundene Lieder oder Epen mündlich interpretierten. Ihnen folgten die Tragöden, die das Theaterspiel begründeten.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Aoiden sind also Sappho, Leonard Cohen und zumindest per definitionem auch die Poetry-Slammerin Julia Engelmann. Rhapsoden sind Joe Cocker und Oskar Werner, im schlechteren Fall die Teilnehmer von „The Voice of Germany“. Und Tragöden sind heute im schlechtesten Fall deutsche „Tatort“-Schauspieler. Wobei einige von diesen sich auch als Rhapsoden versuchen, manche sogar als Aoiden.

          Aber heißt, einen gewissen Verfall zu beklagen, auch gleichzeitig, sich eine antiquierte Form des Vortrags zurückzuwünschen? Gerade nicht. Denn die Geschichte der literarischen Vortragskunst ist selbst eine des Schwankens zwischen hohem Ton und naturalistischem Bestreben, zwischen Elitismus und Demokratisierung, zwischen schulmäßigem Erlernen eines Stils und dem autonomen Hervorbringen eines solchen. Um zwei Extreme zu nennen: Hofmannsthals vor Erhabenheit fast platzende Gedichtrezitation „Manche freilich müssen drunten sterben“, aufgezeichnet 1907 im Wiener Phonogrammarchiv, und das schnoddrige Call-and-Response-Stück „Bass“ des Cloudrappers Rin von 2017, in dem es heißt „Ich esse Butter-Chicken, Bitch, ich kann jetzt kochen (kein Aldi)“ – beides ist Vortragskunst, wenn auch ganz unterschiedlich bewertete.

          Eine spezifische Ästhetik dieser Kunst entsteht im achtzehnten Jahrhundert mit Klopstock, der sie in Abgrenzung vom Schauspiel und anderen Redegattungen begründet: „Mit Klopstock kehrten die Aoiden zurück, allerdings unter den Bedingungen der christlichen Moderne. . . Bei allen Praktiken der ,Sprechung‘ bzw. ,Deklamation‘ war er treibende Kraft und wirkte durch sein Beispiel“, schreibt Reinhart Meyer-Kalkus. Der in Potsdam lehrende Germanist hat gerade eine zweibändige, mehr als tausendseitige Geschichte der literarischen Vortragskunst vorgelegt, die von Klopstock über Rilke bis zu Ingeborg Bachmann, von Sulzers Sprachschule über die Sprechplatte bis zu Poetry-Slam und Rap reicht und ein beeindruckendes Lebenswerk darstellt, wie man lange keines gesehen hat.

          Selten in den vergangenen Jahren wirkte Literaturwissenschaft so instruktiv und leicht verständlich, ohne dass es dabei an Tiefe fehlte. Besonders triftig wird die Studie durch ihre Verankerung in Nachbardisziplinen, etwa der linguistischen Sprechakttheorie und der Musikästhetik.

          Essentiell zur Erfassung literarischer Vortragskunst ist die Erkenntnis, dass es sich bei ihr um ein etabliertes Sprachspiel handelt, in dem auch die Rezipienten ihre Rolle haben. Wer in diesem Spiel vorträgt, schafft mehr als nur den nachempfindenden Ausdruck von etwas schon Bestehendem, nämlich ein ganz neues literarisches Kunstwerk; und wer zuhört, schafft, im Sinne der Rezeptionsästhetik, für sich ebenfalls ein solches Kunstwerk.

          Dies zeigt sich historisch, betrachtet man etwa die tumultösen Aufführungen von Klaus Kinskis Rezitation „Jesus Christus Erlöser“, aber auch heute: Wer einen Auftritt des Schriftstellers Saša Stanišić erlebt, dem kann die sehr besondere Interaktion mit dem Publikum nicht entgehen. Bei einer online übertragenen „Wohnzimmerlesung“ von diesem März etwa sieht man, wie gestische Lesung, Paratext und Publikumsansprache einhergehen, wenn der Autor einmal sogar kasperlehaft fragt: „Seid ihr noch da?“

          Die beiden von Meyer-Kalkus postulierten Grundformen des Zuhörens – ein sozial verbindendes und ein gezielt ästhetisches – lassen sich freilich nicht immer sauber trennen. Am Beispiel Stanišićs etwa merkt man schnell, dass auch beides gleichzeitig möglich ist. Aber interessant ist gerade, wie die Vortragskunst sich mal in Abgrenzung von der einen, mal in Abgrenzung von der anderen Variante weiterentwickelt hat: Stefan Georges „ästhetischer Katholizimus“ etwa machte den Dichtervortrag zu einem exklusiven Ritual, das anderen später als „Vergewaltigung des sprecherischen Vorgangs“ erschien.

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