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Alltag in Syrien : Damaskus wird brennen

  • -Aktualisiert am

Noch haben die Kämpfe das Zentrum von Damaskus nicht erreicht: Feuergefecht im Umland der syrischen Hauptstadt Bild: dpa

In ganz Syrien wird gekämpft. Selbst in der eigenen Wohnung ist niemand sicher. Menschen werden gedemütigt, verschleppt, auf offener Straße getötet. Das ist Syriens Alltag.

          Das Wertvollste, was die Revolution den syrischen Schriftstellern und Intellektuellen gegeben hat, war das Gefühl, dass sie zum ersten Mal ein Teil jener Menschen wurden, über die sie immer geschrieben hatten. Nichts unterscheidet sie heute mehr von ihnen. Alle Menschen in Syrien teilen dasselbe Schicksal und erleben dieselben Gefahren: verdächtigt, verfolgt, verhaftet, erschossen zu werden. Und alle unterliegen im Alltag denselben Beschwernissen. In Damaskus allein wird man heute an 370 Kontrollpunkten durchsucht, und auf insgesamt neunzig Hochhäusern in der Stadt stehen Scharfschützen, denen man jederzeit zum Opfer fallen kann. Als Passant kann man an jeder Straßenecke in wilde Gefechte zwischen Regierungsmilizen oder Soldaten und Anhängern von Revolutionskomitees geraten und dabei zufällig von einer Kugel getroffen werden.

          Die Schriftsteller erwachen morgens genau wie alle anderen Bürger vom Lärm donnernder Artillerie und der Raketenwerfer. Was nicht heißt, dass nachts nicht gekämpft würde und man schlafen könnte. Irgendwann fällt man in Schlaf, trotz des Gefechtslärms, aber zu welcher Zeit man schlafen kann und wann man aufwacht, kann man nie wissen. Seit die Freie Syrische Armee das Umland von Damaskus kontrolliert und deren Kämpfer in die Randbereiche der Hauptstadt vordringen, sind Luftangriffe und Explosionen zu gewohnten Geräuschen geworden.

          An jedem Checkpoint stehen ihre Namen auf den Listen

          Anfangs schreckten die Damaszener noch in Panik auf, niemand wusste, ob er selbst gleich getroffen würde oder die Granaten über sein Haus hinwegfliegen würden, denn der Gipfel des Qasiyun-Berges über der Stadt ist zu einer Raketenabschussrampe umfunktioniert worden. Von hier schießt das Militär in Richtung der Vororte Mazze, Daraya, Muadhamiye und Jdeidet Artouz. Die Raketen sind so laut, dass man in der Stadt das Gefühl hat, sie flögen einem gleich durchs Fenster.

          Der Schriftsteller Fawwaz Haddad

          Diejenigen syrischen Schriftsteller, die sich zur Revolution bekannt haben, leben heute entweder in einem der befreiten Gebiete Syriens oder im Ausland. Die übrigen - auch wenn sie sich nicht öffentlich geäußert haben - sind still geworden und bewegen sich mit äußerster Vorsicht. Sie leben an geheimen Orten oder arbeiten im Untergrund mit Aktivisten der lokalen Koordinationsräte des jeweiligen Stadtteils oder Dorfes zusammen. Sie schreiben über die Revolution, manche unter ihrem wirklichen Namen, manche unter Pseudonym, sie beschreiben die unsäglichen Methoden, mit denen das Regime gegen die Menschen vorgeht. Einfach durch die Straßen laufen können sie nicht, denn an jedem Checkpoint stehen ihre Namen auf den Listen der gesuchten Personen.

          Das Regime setzt auf Freiwillige

          Der syrische Zweig der Arabischen Schriftstellerunion ist abgetaucht und irrelevant. Er hatte sich nie zu einem klaren Standpunkt bekannt, allenfalls zu Beginn noch schüchtern zu Waffenruhe und Dialog aufgerufen. Mittlerweile unterstützt die Schriftstellerunion offiziell die militärische Lösung. Diejenigen Kollegen, die sich öffentlich zum Regime bekannt haben, tun jetzt, was von ihnen verlangt wird: Sie verteidigen verbissen das Regime, indem sie mit einer Verschwörung aus dem Ausland argumentieren, die auf das säkulare, fortschrittliche, die Minderheiten beschützende System ziele.

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