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Alltag in Afghanistan : Die Rückkehr der Schreckensmänner

Während wir uns am Straßenrand unterhalten, donnert eine Patrouille vorbei. Die afghanischen Soldaten fahren in ungepanzerten Fahrzeugen vorneweg und hinterdrein, mitten im Konvoi, drei gepanzerte amerikanische Humvees mit aufgepflanzten Maschinengewehren. Sie sollen Stärke demonstrieren, doch sie zeigen bloß, wie verwundbar und ängstlich die fremden Soldaten sind. Sie hetzen durchs Land, drängen den übrigen Verkehr an die Seite und sind doch ein leichtes Ziel für Minenleger und Autobombenattentäter. Auf der Fahrt von Kabul nach Dschalalabad, der Hauptstadt der südöstlich gelegenen Provinz Nangarhar, sehen wir am Horizont eine schwarze Rauchsäule aufsteigen. Es ist abermals ein Selbstmordattentat auf einen Militärkonvoi. Zwei amerikanische Soldaten sterben. Die Afghanen wissen längst, wie gefährlich es ist, auch nur in die Nähe der fremden Soldaten zu kommen. Entweder werden sie von ihnen beschossen oder fliegen mit ihnen in die Luft.

„We hate the Americans“

Mit dem früheren afghanischen Polizeigeneral Sidique Noor fahren wir in Kabul zu der Ausfallstraße, an der Anfang Juni ein amerikanischer Militärlaster, bei dem angeblich die Bremsen versagten, in parkende Autos gerast ist. Die Angaben über die Toten und Verletzten, die es bei diesem Unfall und der anschließenden Schießerei gab, schwanken. Von siebzehn Toten und bis zu sechzig Verletzten ist zumeist die Rede. Die Untersuchung des Vorfalls, der Unruhen in ganz Kabul nach sich zog, dauert an. Die afghanische Polizei will dazu einen Bericht vorlegen, die amerikanische Armee auch. Die Händler, die ihre Geschäfte an dieser abschüssigen, zweispurigen Schnellstraße haben, wissen vor allem eins: „We hate the Americans.“ So habe sich die Sache zugetragen: Die Amerikaner waren zu schnell und hielten nach dem Unfall nicht an. Niemand habe sich um die Verletzten gekümmert.

Ansonsten aber sei in Kabul alles ruhig, sagt Sidique Noor, der mit seiner Familie Anfang der achtziger Jahre vor den Kommunisten nach Deutschland floh. Er hat für das Landeskriminalamt in Bremen und in Berlin gearbeitet, seit vier Jahren ist er beim deutschen „Projektbüro Polizei“ in Kabul. Die Unruhen für einen Tag, der Mob, der durch die Straßen zog, Autos und Guest Houses in Brand setzte und plünderte, hat die Kabulis jedoch verunsichert. Manche Ausländer fühlen sich auch hier nicht mehr sicher. „Als Amerikaner bist du immer ein Ziel“, sagt ein ziviler Mitarbeiter der Armee. Sein aus dem Libanon stammender Kollege, der schon seit anderthalb Jahren in Afghanistan arbeitet und, wie er sagt, im Baugeschäft tätig ist, lenkt den Blick lieber auf den Fortschritt, der sich in ganz kleinen Schritten zeige, etwa im Aufbau der Infrastruktur. Und von einem, sagt er, hätten alle Afghanen genug - vom Krieg. Der sechsjährige Ahmed, der uns später auf Kabuls Touristeneinkaufsstraße, der „Chicken Street“, nachgelaufen ist, hat sich - für einen Dollar - ganz verschmitzt als Begleitschutz empfohlen. „I am your bodyguard, Mister!“ An dem Tag, da wir Kabul Richtung Dscha-lalabad verlassen, wird gemeldet, drei Attentäter hätten sich in einer Moschee in die Luft gesprengt. Die Bombe, die sie bastelten, ging vorzeitig hoch.

Nicht der Mohn blüht, sondern das Getreide

Das größte Problem Afghanistans, sagt der Gouverneur der Provinz Nangarhar, seien die Mullahs. Man dürfe nicht die Taliban im ganzen Land Koranschulen bauen lassen, es müßten vielmehr „weltliche“ Schulen für angehende Prediger her. Der Gouverneur ist ein bulliger und volkstümlicher Mann, nach seinem letzten Posten im umkämpften Kandahar muß ihm die Versetzung in den - zur Zeit - ruhigeren Osten wie eine Sommerfrische erscheinen. Er regiert in einer Stadt, die über kein Wassersystem und eine nur stunden- und straßenweise funktionierende Elektrizität verfügt. Um die größten Probleme der Leute kennenzulernen, hat sich Gul Agha Scherzai vor zehn Monaten, als er in Dschalalabad antrat, inkognito auf den Markt begeben und die Leute gefragt, was sie von dem neuen Provinzherrscher denn hielten. Nichts, bekam er zur Antwort, der Neue werde auch nicht weniger unfähig als seine Vorgänger sein. Das stachelte den Gouverneur um so mehr an.

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