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Philosophie des Alleinseins : Wie umgehen mit der Einsamkeit?

  • -Aktualisiert am

Wer die Corona-Krise mit Netflix zu überstehen versucht, hat sich mit der Auslagerung des Denkens und Fühlens schon abgefunden. Ein Plädoyer, die Chancen der nur mit sich selbst verbrachten Zeit zu nutzen.

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          Kann das sein: Die allgemeine Bewegungsfreiheit ist gerade erst eingeschränkt – und keineswegs suspendiert –, aber es herrscht schon Lagerkoller? Was sagt das über eine Gesellschaft aus? Dass die Medien jetzt kaum noch andere Themen kennen, ist begreiflich; dass viele von ihnen aber dazu übergehen, den Leuten Ratschläge zu erteilen, wie man sich am besten die Zeit vertreibt, stimmt nachdenklich. Sind wir denn alle Kinder, denen man sagen muss: „Geh doch mal raus, spielen, oder lies ein Buch?“ Es bedurfte dieses weiteren Beweises für die immer noch fortschreitende Infantilisierung der Gesellschaft wahrlich nicht mehr; man nimmt ihn bloß mit Irritation zur Kenntnis.

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Lage ist für niemanden ein Spaß. Wenn es man aber für einen Moment absehen darf von all den ernsthaft bedrohten Menschen, den Alten, den Schwachen und sowieso schon Kranken; absehen auch von den wirtschaftlichen Folgen, die wiederum soziale haben werden – was bleibt dann noch als Problem? Es ist auf jeden Fall eines, von dem zumindest die vernetzte Gesellschaft wohl glaubte, ihm enthoben zu sein: Einsamkeit. Sie ist zuvörderst ein großes soziales Problem und nicht kleinzureden; die ehemalige britische Premierministerin Theresa May hatte nicht zufällig die Idee, ein eigenes Ministerium für beziehungsweise gegen Einsamkeit einzurichten. So etwas kann keinem Land schaden.

          Doch hier ist Einsamkeit zu begreifen als ein Zurückgeworfensein auf sich selbst, das nicht notwendig eine Verlegenheit oder gar ein Leiden nach sich zieht. Sie ist, wie alle grundlegenden Empfindungen und Zustände, wie Glück oder Schmerz, Definitionssache und kaum objektivierbar. „Einsamkeit“, heißt es ganz richtig in dem gleichnamigen Schlager des österreichischen Sängers Christian Anders, „hat viele Namen“. Jeder kennt im Grunde nur seine. Sie ist, wie praktisch die gesamte Kulturgeschichte, die sogenannte E- und die U-Kultur, zeigt, einer dieser kleinsten gemeinsamen Nenner, auf den man sich schnell verständigt, ohne dass man schon wüsste, wie dem anderen dabei zumute ist, vage, aber niemandem streitig zu machen. Manche kokettieren oder spielen damit; für andere ist sie eine ernste, mitunter gefährliche Sache. „Wer sich der Einsamkeit ergibt, ach!, der ist bald allein“, schrieb Goethe.

          Konsumtipps gegen Langeweile

          Obwohl man Einsamkeit nie unterschätzen sollte, haben die unerbetenen Freizeittipps, mit denen besonders der Kulturjournalismus sich jetzt hervortut, etwas Komisches an sich: Während man dem Publikum sonst das stunden-, tage-, ja bisweilen wochenlange Anschauen all dieser Serien mit ihren kein Ende nehmenden Staffeln als erstrebenswerte Lebensform einredet, macht man sich auf einmal Gedanken darüber, was die Leute jetzt, wo sie erst recht Zeit für so etwas haben, damit wohl anfangen könnten, als hätten Netflix und Amazon auch schon Corona.

          Abgesehen davon, wirken diese Tipps, indem sie sich ja vor allem an jene wenden, die über einen ausreichenden Vorrat an „Kultur“, an Büchern, Filmen, Musik und so weiter, also über reichlich Mittel zum Zeitvertreib verfügen, wie ein Hohn auf die „wirkliche“ Einsamkeit derer, die nichts davon haben oder vielleicht auch gar nichts damit anzufangen wissen. Aber der Kulturjournalismus will halt auch mal das Gefühl haben, er müsse einer nicht nur finanziell bedrohlichen Lage Sinn abgewinnen, und nimmt die Gelegenheit gerne wahr, Einsamkeit herbeizureden.

          Ist man denn schon einsam, wenn Kneipen und Kinos, Museen und Theater geschlossen sind? Schlimm ist das doch nur für diejenigen, die ihren Lebensunterhalt damit bestreiten. Die, wenn man sie einmal so nennen darf, Kulturindustrie will den Menschen vor allem in Gestalt der Informationstechnologie weismachen, dass sich das Leben noch an den unmöglichsten oder belanglosesten Stellen verbessern, sich insgesamt optimieren lasse; und die Medizin arbeitet, mit allerdings nachweislichem Erfolg, daran, dass es sich verlängern lasse. Und auf einmal scheint uns ein böser Geist, der die Gestalt eines klitzekleinen Virus angenommen hat, zuzurufen: „Ihr wollt das ewige Leben? Ihr langweilt euch doch schon an einem Tag.“

          Es ist begreiflich, dass Menschen, die von dieser Industrie immer weiter zu Kunden abgerichtet werden, Schwierigkeiten damit haben, wenn sie plötzlich auf sich selbst zurückgeworfen sind. Zwar wird kein Gerät vom Virus lahmgelegt: aber das Gefühl der Vereinzelung scheint derzeit dermaßen ausgeprägt zu sein, dass es die Kanäle der gewohnten Kommunikation gleichsam überspringt und Ratlosigkeit hinterlässt. Wer hätte das gedacht: Die Frage, was man auf eine einsame Insel mitnehmen würde, erfährt nun Relevanz.

          Und wenn man nun aber gar nichts mitnehmen kann, nur sich selbst? Es zeigt sich jetzt, wie leicht die freiheitlichen, keinen staatlichen Eingriffen, auch keinen Disziplinierungsmaßnahmen unterworfenen Gesellschaften, die es so sehr mit der Autonomie und der Menschenwürde haben, zu verunsichern, ja zu erschüttern sind, und zwar noch diesseits von Sorgen um Leib und Leben. Kaum ist der Konsum gedrosselt, muss man ihnen schon sagen, was sie stattdessen machen sollen.

          Nimmt man Stichworte wie „Innehalten“ oder „zur Ruhe kommen“ auf unalltägliche Weise ernst, so ergibt sich, dass Einsamkeit eine Lebensform sein kann und als solche die Bedingung zum Nachdenken, eigentlich schon: die Bedingung von Philosophie. Dass und wie Erkenntnis, von der Welt, von anderen Menschen und von uns selbst, im Austausch und Zusammensein mit anderen, also dialogisch entstehen kann, hat jeder auf seine eigene Weise erfahren und war für den einflussreichsten Zweig antiker Philosophie, den Platonismus, der zu maßgeblichen Teilen aus Dialogen entsteht, prägend. Mittelalterliche Philosophie wurde betrieben im Hinblick auf theologische Autoritäten und stand sozusagen im Dialog mit der Bibel.

          Zu weit von den Menschen entfernt

          Erst die Neuzeit kennt, einsetzend mit Descartes, das, was wir Subjektphilosophie nennen: nicht mehr die Suche nach dem Wesen von den Dingen an sich, sondern die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis, also die Frage, welche Beschaffenheit der menschliche Erkenntnisapparat und welchen Anteil dieser an sogenannten Wahrheiten hat, inwiefern er sie also mitprägt, „einfärbt“. Die Philosophie, könnte man sagen, wurde immer subjektiver, spezieller, die Philosophen wurde immer einsamer.

          Versucht man, das cartesische Cogito ergo sum („Ich denke, also bin ich“), als die erste und letzte Selbstgewissheit, so ernst zu nehmen wie möglich, dann ließe sich daraus wenn schon nicht die Verpflichtung, so doch wenigstens die Möglichkeit zu einem geistigen Dasein ableiten, die wahrscheinlich nicht so schnell wiederkommt. Einsamkeit als die nur mit sich selbst verbrachte Zeit ist in diesem Lichte kein Problem, sondern eine Chance, philosophisch gesprochen: die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis. Als solche ist sie für jeden Gelehrten ein hohes, immer knapper werdendes Gut.

          Nicht die unbedeutendsten Philosophen pflegten die Einsamkeit, mit begreiflicherweise zwiespältigen Empfindungen, als Lebensform, die auch Auswirkungen auf ihr Denken hatte: Schopenhauer, Nietzsche, Kierkegaard, die ebendeshalb genau wussten, was es bedeutet und erfordert, wenn man es mit sich selbst aushalten will, nicht nur für ein paar Wochen, sondern in Form einer Lebensperspektive. Am weitesten hat es in dieser Kunst, mit bisweilen prekären Resultaten, Nietzsche gebracht, von dem Jacob Burckhardt deshalb auch sagte, er habe sich buchstäblich verstiegen, sich zu weit von den Menschen, ja vom Leben entfernt, so dass es irgendwann weder vorwärts noch zurück ging. Von ihm können wir lernen, dass Einsamkeit, weit davon entfernt, zwangsläufig zur Langeweile oder gar zur Verzweiflung zu führen, unsere Gedanken größer, deutlicher, tiefer machen kann.

          Im „Zarathustra“ heißt es: „Des einen Einsamkeit ist die Flucht des Kranken; des Andern Einsamkeit die Flucht vor den Kranken.“ Es versteht sich, dass Nietzsche am liebsten nur die zweite Aussage für sich reklamierte; nicht umsonst spielt eine höhere, durch vielerlei Leiden, darunter auch Einsamkeit, gegangene Gesundheit bei ihm eine so große Rolle, die nicht Selbstzufriedenheit, sondern eine im Bewusstsein inneren Reichtums verspürte Selbstgenügsamkeit ist.

          Es ist offensichtlich, dass die Zeit für diesen Neunzehntes-Jahrhundert-Heroismus nicht erst gestern abgelaufen ist. Aber wie wäre es, wenn wir uns wenigstens einmal probehalber als Einsame begriffen? Das ist für Leute, die sich die Auslagerung ihres Denkens und Fühlens an die Informationstechnologie haben gefallen lassen und infolgedessen von sofortiger Resonanz geradezu abhängig sind und dabei nichts so sehr fürchten wie das Schweigen, schwer genug. Und doch glaubt wohl jeder, mit der Frage, die Lichtenberg in seinen „Sudelbüchern“ stellt, nicht gemeint zu sein: „Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?“ Wagen wir diesen Crash und haben keine Angst vor dem Geräusch.

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