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Alice Schwarzer im Interview : „Die Islamisten meinen es so ernst wie Hitler“

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Familie ist wichtig. Aber überschätzen Sie nicht den Stellenwert der Familie. Ein Kind ist sehr vielen Einflüssen ausgesetzt. Immer wichtiger wird das Fernsehen, das verdummt und brutalisiert - und das von Jungen in muslimischen Familien vielfach höher konsumiert wird als von Mädchen oder Deutschen. Der eklatanteste Denkfehler von Philip Longman, dem amerikanischen Propagandisten des Patriarchats, ist übrigens auch, daß er glaubt, das Patriarchat wird triumphieren, weil patriarchale Familien die meisten Kinder kriegen und die dann wie ihre Väter und Mütter werden. Dabei wissen wir nur zu gut, daß das keineswegs immer so funktioniert.

Fehlt in unserer Wertediskussion nicht die Überlegung: Wie schaffen wir es, unsere eigene Gesellschaft zu erhalten, auch quantitativ?

Ich würde eher von den durch unsere Gesellschaft errungenen Werten reden: Aufklärung, Gleichberechtigung, Demokratie. Mit der Vermittlung dieser Werte müssen wir früh anfangen. Auch dazu brauchen wir Ganztagskindergärten und Ganztagsschulen. Ich glaube, daß auch die christlichen Institutionen in unserem Lande sehr gut beraten wären, ihre Privilegien bis zu einem gewissen Punkt aufzugeben - und für eine klare Trennung zwischen Staat und Religion einzutreten.

Kelek schreibt jetzt ein Buch, das hat vielleicht eine Auflage von siebzigtausend. Was wäre der nächste Schritt, um diese Milieus besser zu erreichen?

In Frankreich geht eine Minderheit von mutigen Frauen seit einigen Jahren in den Vorstädten in die Offensive und artikuliert sich. Hier sind es bisher nur einzelne. Noch. Es gibt Basisarbeit, Mädchenhäuser, Frauentreffs, die müssen gefördert werden. Gleichzeitig muß man auf der Ebene der Männer wirken, die in patriarchalen Kulturen das Gesetz machen. Wir dürfen nie vergessen: Musliminnen und Muslime sind die ersten Opfer der Islamisten. Dann kommen die Juden. Der Rest steht in der dritten Reihe.

Wir im F.A.Z.-Feuilleton haben gegen den Irak-Krieg geschrieben. Wenn ich mir nun die Situation in Afghanistan anschaue, sehe ich, daß es auch dort nicht besser, sondern eher schlechter wird. Aber für die Frauen ist die Intervention, soweit man es hört, gut gewesen.

Das höre ich anders. Die Talibane sind wieder im Vormarsch - und Frauen verhüllen sich weiterhin aus Angst. Und im Irak hat es vor dem Krieg mehr Studentinnen als Studenten gegeben. Ich bin auch gegen den Irak-Krieg gewesen, weil mir völlig klar war, daß der Irak - bei allen Problemen mit dem Tyrannen Saddam Hussein - eine weltliche Bastion gegen diese ganzen Gottesstaaten war. Man kann Saddam Hussein viel vorwerfen, nur, fundamentalistisch war er nie. Nun ist Irak zum Tummelplatz der Islamisten geworden. Ganz davon abgesehen, daß man davon ausgehen muß, daß es der Mehrheit der Menschen im Irak heute bedeutend schlechter geht als unter Saddam Hussein. Ich bin mir ganz sicher, daß auch der Irak nun ein fundamentalistischer Staat wird.

Jemen hatte im Jahr 1952 drei Millionen Einwohner, jetzt sind es etwa zwanzig Millionen, und irgendwann werden es siebzig Millionen sein. Und achtzig Prozent werden unter achtzehn sein.

Auch das ist eine Frage des Grades der Gleichberechtigung der Frauen. Je emanzipierter die Frauen sind, desto weniger kriegen sie ungewollte Kinder. Der Faktor Emanzipation verändert die demographische Entwicklung.

Meine Generation ist großgeworden mit einer Aversion gegen Quotenregelungen.

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