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Alice Schwarzer im Interview : „Die Islamisten meinen es so ernst wie Hitler“

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Der Grund war ein Hilferuf von Frauen in Teheran an französische Intellektuelle. Dieser Hilferuf kam von Leuten, die selber gegen den Schah gekämpft und auf Chomeini gesetzt haben. Die glaubten, es ist gut, wenn die Perser im Zuge einer nationalen Selbstbesinnung „zu unseren Wurzeln“ zurückkehren - was immer das sein mag.

Und schon in diesen zwei Wochen hat sich herausgestellt, daß da irgendetwas nicht stimmt?

Ja, für die Frauen sofort! Sofort ging die Entrechtung los. Als wir ankamen, wir Schriftstellerinnen und Journalistinnen, war nicht klar, ob wir reingelassen werden. Die Stimmung auf den Straßen war noch euphorisch. Überall bärtige junge Männer mit Kalaschnikows, in denen Blumen steckten, und die uns freundlich begegneten. Wir haben in diesen Tagen alle Autoritäten gesehen, auch Chomeini. Zu dem sind allerdings nur drei Frauen aus unserer Gruppe gegangen, weil wir ein Kopftuch tragen sollten. Ich bin nicht mitgegangen, denn der Zwang zum Kopftuch war bereits zum Symbol der Entrechtung der Frauen geworden. Ich erinnere mich noch gut an eine ägyptische Filmemacherin in unserer Gruppe, die bat: „Ich flehe euch an, tut es nicht. Verratet uns nicht!“ Drei gingen dennoch zu Chomeini . . . Wir haben mit allen neuen Machthabern gesprochen, Frauen wie Männern, und sie haben uns offen gesagt, was sie vorhaben. Ich erinnere mich an die Tochter von Talegani. Sie hatte über Sartre promoviert, und sie erläuterte uns glühend das neue Recht: Steinigung der Frauen bei Ehebruch. Steinigung bei Homosexualität. Das steht so in der Scharia. Das Wort einer Frau gilt vor Gericht von nun an nur noch halb soviel wie das eines Mannes.

War Ihnen damals klar, was das für ein Vorgang ist? Daß damit eine Reislamisierung der Welt begann?

Mir war klar, daß die es ernst meinen. Ganz wie Hitler 1933. Auch bei ihm konnte man ja schon alles in „Mein Kampf“ lesen. Aber mir war in der Tat nicht klar, daß das der Beginn eines weltweiten Kreuzzuges war, unter Führung von Intellektuellen übrigens. Wir wissen ja schon lange, daß die führenden islamistischen Aktivisten Intellektuelle sind.

Selbst, wenn man dem Feminismus skeptisch gegenübersteht, könnte man argumentieren, er ist jetzt die einzige Waffe, um diese Bedrohung aufzubrechen.

Nicht ungestraft entrechtet man die Hälfte der Menschheit und lebt im engsten Familienzirkel die Tyrannei. Wie soll daraus Demokratie wachsen?

Wen weckt jemand wie Necla Kelek auf? Uns oder die türkischen Frauen?

Beide. Kelek versucht, die Deutschen in ihrer Ignoranz aufzurütteln - und ihren türkischen Schwestern Mut zu machen. Der Versuch, Necla Kelek als „zu radikal“ oder gar als „Verräterin“ zu isolieren, den finde ich aufschlußreich. Der erinnert mich an Reaktionen auf mich früher. Frauen wie Necla Kelek oder Ayaan Hirsi Ali wagen es, nicht nur die Omerta zu brechen, das Tabu des Schweigens, und den Islamismus zu kritisieren, sondern auch den Islam.

Durch den Islamismus bekommt die Frage der Emanzipation eine ganz andere Bedeutung. Unsere Gesellschaft wird eine sein, in der in den Großstädten die Mehrheit der Familiengenerationen aus Migrantenmilieus kommen.

Es heißt, daß 2010 jeder zweite Mensch in einer deutschen Großstadt einen Migrantenhintergrund haben wird.

Das heißt, die Einheimischen sind eine Minderheit unter Minderheiten. Schaffen wir es noch, prägende Kraft auszuüben?

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