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Internetkonzern Alibaba an der Börse : Und die wollen Amazon Paroli bieten?

  • -Aktualisiert am

Wo sie hinschauen, ist oben: Alibaba-Angestellte am Samstag vor der New Yorker Börse. Bild: Reuters

Ein Geschenkeladen für jeden Anlass: Der chinesische Internetkonzern Alibaba erregt an der Börse gewaltiges Aufsehen, sein Sortiment aber irritiert.

          Der angekündigte Rekordkurs der Alibaba-Aktie wurde am ersten New Yorker Handelstag noch um 38 Prozent überboten. Jeder fühlt: Mit dem Börsengang dieses chinesischen Unternehmens Alibaba in New York geschieht etwas grundsätzlich Neues in der Welt. Aber was ist es genau? Die eigenartige Entscheiderstruktur der Firma hin, das Kleine-Leute-Ethos ihres Gründers Jack Ma her: Was Investoren in Europa und Amerika antreibt, Alibaba-Aktien zu kaufen, ist die Aussicht, damit einen Universalschlüssel für den chinesischen Markt und dessen fortgesetztes Wachstumsversprechen zu erwerben. Das aber ist noch die Fortsetzung des alten China-Traums, der ein ganz und gar westlicher war.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Seit der britische Emissär Lord Macartney 1793 beim chinesischen Kaiser Qianlong mit dem Vorschlag abblitzte, dauerhafte Handelsbeziehungen aufzunehmen („wir haben nicht die geringste Verwendung für die Erzeugnisse Ihres Landes“), ist China für Europa und später auch Amerika ein Objekt ihrer geschäftlichen Sehnsüchte, eine unfassbar große „Opportunity“, die sie, unterbrochen nur durch die maoistische Periode, mit mal kriminellen, mal legalen Mitteln wahrnahmen.

          Abhängig von einem autoritären System

          Doch mit Alibaba beginnt nun möglicherweise auch etwas anderes. „Im letzten Jahrzehnt haben wir uns daran gemessen, wie sehr wir China verändert haben“, schrieb Jack Ma potentiellen Investoren: „In der Zukunft werden wir danach beurteilt werden, wie viel Fortschritt wir der Welt bringen.“ Ist dies der Anfang einer Schubumkehr, mittels derer die bei den chinesischen Verbrauchern angesammelte Energie die übrige Welt und deren Märkte erfasst und verändert? Im lokalen Maßstab passiert das schon längst, wenn französische Lederboutiquen in Frankreich oder italienische Feinschmeckerrestaurants in Italien von Chinesen geführt werden.

          Doch Alibaba, das den chinesischen E-Commerce-Markt dominiert und zu großen Teilen überhaupt erst geschaffen hat, steht für etwas viel Universelleres: für die Organisation von durchs Internet abgewickelten Kaufbeziehungen überhaupt. Wenn es Alibaba ernst mit seiner erklärten Absicht ist, sein Geschäftsmodell auf die ganze Welt zu übertragen, dann wird sein eigentlicher Maßstab und Konkurrent niemand anderes als Amazon sein.

          Die Frage ist freilich, welchen Wettbewerbsvorteil Alibaba bei einer direkten Konfrontation ins Feld führen könnte. Erst einmal fällt nur ein riesiger Nachteil ins Auge: die Abhängigkeit von einem autoritären und im Zweifel unberechenbaren politischen System. „Was dich besiegen kann, ist manchmal nicht die Technologie, sondern einfach ein Dokument“, hatte Jack Ma selbst einmal auf einer Technologiekonferenz in Peking gesagt. Auch wenn das Unternehmen wie alle Firmen, die in China groß geworden sind, mit den relevanten Kreisen der Kommunistischen Partei bestens vernetzt ist, halten Marktbeobachter die noch unklaren Regulierungen des Internetfinanzwesens im Land für ein reales Risiko.

          Schönheitsmaschinen, Engelsflügel und Jungfrauenhaar

          Und was Alibaba auf dem notorisch intransparenten chinesischen Markt groß gemacht hat, sein für die Online-Bezahlung so essentielles Trust-System, stellt auf den institutionell viel stärker abgesicherten westlichen Märken keinen speziellen Anreiz dar.

          Die New Yorker Börse ist am 19. September geschmückt mir Alibaba-Firmenbannern.

          Eine nicht minder große Herausforderung könnte die Synchronisierung der verschiedenen Produktkulturwelten sein. Wer jetzt auf die Website german.alibaba.com klickt, auf der das Unternehmen seine Angebote in deutscher Sprache präsentiert, stößt schon auf den ersten Seiten auf lauter Produkte, von denen her einen weniger die dünne Luft einer Weltfirma als der strenge Geruch unaufgeräumter Billigläden anweht: Tätowiermaschinen, sexy türkische Dessous, Knoblauch.

          Eine „Schönheitsmaschine“, die wie ein Staubsauger aussieht, taugt sowohl für Haarentfernung, Hautverjüngung, Aknebehandlung als auch Pigmentkorrektur. Ein „schöner Engel-Flügel“ ist als Geschenk bei Gelegenheiten wie „Jahrestag, Hochzeit und Partei“ geeignet. Er kostet nur 1,29 Dollar, muss aber in einer Stückzahl von mindestens 100 abgenommen werden. Mehrmals annonciert wird unverarbeitetes Haar brasilianischer Jungfrauen, das eine Firma in Guangzhou offeriert, die, wie alle anderen Anbieter bei Alibaba, „vor Ort überprüft“ wurde.

          Große kulturelle Probleme

          Ein Grund für die eigentümliche Warenzusammenstellung könnte sein, dass sich Alibaba bei seinem Ausgreifen in die Welt zunächst auf die fünfzig Millionen Chinesen in der Diaspora stützen will und dass die Firmen, die es bisher für den Export gewinnen konnte, möglicherweise vor allem so etwas wie Asia-Großmärkte im Sinn haben.

          Doch die „frischen Perspektiven für den Dialog über die Globalisierung“, die Ma für den Börsengang versprach, könnten auch durch die Kommunikation selbst behindert werden. Alibaba macht auf seiner Website darauf aufmerksam, dass die Angebote mit Hilfe einer automatischen Übersetzungsmaschine ins Deutsche gebracht wurden und bittet um Mithilfe, die Sprache zu verbessern. In China trägt die Möglichkeit eines Online-Chats zwischen Kunden und Verkäufern entscheidend zur Attraktivität des Unternehmens bei.

          Doch wie sich das auf die Interaktion zwischen Kaufinteressenten in, sagen wir, Bielefeld und Anbietern in Wuhan übertragen lassen wird, ist nicht bloß eine Frage der Sprache. Es ist eines der größeren kulturellen Probleme, die Alibaba nach seinem Börsengang lösen müssen wird.

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