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Alexandra Maria Lara und ihr Vater über die Flucht : Rumänien war nicht mehr zu ertragen

  • Aktualisiert am

„Wir sind beide Sturköpfe”: Alexandra Maria Lara und ihr Vater Valentin Platareanu Bild: Edith Held

Als Valentin Platareanu 1983 aus Rumänien geflohen ist, war der Schauspieler auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Mit seiner Tochter Alexandra Maria Lara, die damals vier war, spricht er über die Flucht, den harten Neuanfang und über Familienkräche.

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          Ein Sommertag in Berlin. Die Schauspielerin Alexandra Maria Lara, 31, hat mit Gérard Depardieu gerade die Dreharbeiten zu „Small World“ beendet, einem Film nach dem Roman von Martin Suter. Zusammen mit ihrem Vater sitzt sie in der Piano-Bar des Kempinski-Hotels: Valentin Platareanu, 73, war in seinem Heimatland Rumänien ein bedeutender Schauspieler und Theaterintendant, bevor er mit seiner Familie nach Deutschland kam und dort Anfang der neunziger Jahre die Schauspielschule Charlottenburg gründete.

          Jetzt hat er ein Buch über die Geschichte der Familie unter dem Regime Ceausescus geschrieben, über die Flucht in den Westen und den harten Neuanfang; ein Buch über die Freiheit und den Preis, den man für diese Freiheit zu zahlen bereit sein muss. Alexandra hat das Vorwort geschrieben und ihre eigene Geschichte durch die Erinnerungen des Vaters neu entdeckt. Die Platareanus lachen sehr viel und sprechen untereinander ein atemberaubend schnelles Rumänisch.

          Herr Platareanu, Sie sind 1983, da waren sie als Schauspieler und Direktor des Nationaltheaters in Bukarest auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere, mit Ihrer Familie aus Rumänien nach Deutschland geflohen. Sie haben für die Freiheit alles aufgegeben. War das eine plötzliche Entscheidung oder ein allmählicher Prozess?

          Es war eher so, dass mich die Schikanen der Behörden und der Securitate allmählich mürbegemacht haben. Bei der schauspielerischen Arbeit hatte das natürlich viel mit Zensur zu tun: Passagen mussten gestrichen werden, bestimmte Figuren durften auf der Bühne gar nicht dargestellt werden, weil sie der Bourgeoisie angehörten. Dann sitzt man mit einem Stück da, und es fehlt der Anfang und das Ende. Was macht man da? Als Intendant des Nationaltheaters ging es um das ganze Repertoire, immerzu gab es Anweisungen von oben, die schwer zu ertragen waren. Wie vermittelt man das den Schauspielern, wenn man selbst nicht daran glaubt? Die sagten: „Valentin, ich hab' es satt!“ Und ich musste sie überreden: „Mach es für mich!“ Zuletzt fehlte es an den einfachsten Dingen: Holz für die Bühne, Schminke, Geld für die Angestellten. Da kann man irgendwann nicht mehr.

          Bild: Edith Held

          Ihre Tochter, die damals vier Jahre alt war, war dann aber der ausschlaggebende Grund?

          Das würde ich so sagen, ja. Ich hatte auch eine Verantwortung als Vater. Meine Frau Doina und ich wollten, dass sie in Freiheit aufwächst. Sie müssen wissen, dass der Entscheidungsprozess auch deshalb ein langer war, weil Ceausescu anfangs als Führer durchaus interessant war. Dass er sich im Prager Frühling gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten aussprach, gab uns Hoffnung. Und er wurde überall im Westen empfangen. Es war, in den Anfängen, ein raffiniertes System.

          Haben Sie, Frau Lara, noch irgendwelche Erinnerungen an die Flucht? An das Auto? Die Reise? Daran, dass Sie zu niemandem etwas sagen durften?

          Meine Eltern haben mir damals auf der Rückbank unseres Ladas ein Schlafbett gemacht. Und ich erinnere mich noch genau an das Muster der Bettwäsche. Diese Bettwäsche werde ich niemals vergessen. In der Wohnung unserer Freundin in Berlin, in der wir ankamen, sind es dann vor allem Dinge wie Farbfernsehen und Cola. Als ich vierzehn war, sind wir das erste Mal wieder zusammen nach Rumänien gefahren, und eigentlich kamen erst da Erinnerungen wieder, weil ich zum Beispiel wusste, wo man langlaufen muss. Das war natürlich schön.

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