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Das Virus als Algorithmenkönig : Wir sind aus- und wieder angeschaltet worden

  • -Aktualisiert am

Eine Macht, die uns auseinander hält: Das Virus Bild: AFP

Wir teilen Erfahrungen unserer ältesten Vorfahren: Alexander Kluge schreibt an Giorgio Agamben über das Virus als Algorithmenkönig, der unsere Gewohnheiten völlig neu ordnet. Ein philosophischer Briefwechsel.

          6 Min.

          Lieber Giorgio Agamben,

          Sie werden sich noch an unser langes Gespräch in Venedig erinnern, das unter dem Titel „Uscita – die Nachricht vom Ausweg“ zu einer Sendung in einem meiner Kulturmagazine wurde. Es ging damals um die Frage, warum wir keine Theorie des Terrors haben. Das war ein Gespräch noch in relativ ruhigen Zeiten.

          Inzwischen leben wir in Novemberzeit, ich deutlich nördlicher als Sie und in der Zeit eines zweiten Lockdowns. Wir machen Erfahrungen, wie sie Robinson auf seiner Insel kannte, und teilen Erfahrungen unserer ältesten Vorfahren.

          Unsere Vorfahren waren Prärietiere und Höhlenmenschen zugleich. Wir sitzen derzeit vorwiegend in unseren Höhlenwohnungen. Im Grunde ist eine solche Situation für schreibende Menschen nur zur Hälfte neu. Sie hatten mich schon zu Anfang der Corona-Zeit mit Ihrer These „Wir sollten uns weniger sorgen und mehr denken“ verblüfft. Sie schrieben: „Wie konnte es so weit kommen, dass angesichts einer Krankheit, deren Schwere ich nicht beurteilen kann, die aber bestimmt keine Pest ist, eine ganze Gesellschaft das Bedürfnis verspürte, sich verpestet oder verseucht zu fühlen, sich in den Häusern zu isolieren und die normalen Lebensbedingungen zu suspendieren?“

          Ihre Formulierungen haben eine Debatte hervorgerufen. Zu Anfang der Corona-Zeit waren es Bilder aus Norditalien, die mir ans Gemüt gingen. Ich meine die Bilder, die den Transport der Särge auf Militärlastwagen zeigten. Solche Bilder haben den Realitätskokon, in dem wir uns gewohnheitsmäßig wie in einem Glashaus einrichten, durchschlagen. Ich habe bei diesen Bildern an unser Gespräch gedacht. Und es liegt mir daran, Ihnen aus Anlass des Dialogs Frankfurt/Mailand (das bindet Venedig ein) zu schreiben.

          Der Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge auf der Berlinale im Februar 2020
          Der Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge auf der Berlinale im Februar 2020 : Bild: dpa

          Wie Sie erstaunt es mich, dass der Algorithmenkönig, als den sich das Virus darstellt, unsere menschliche Algorithmenwelt, unsere Üblichkeiten und Umgangsformen, so rasch durcheinanderbrachte, so dass wir tatsächlich einige unserer Gewohnheiten und zumindest unser Verhältnis von Nähe und Distanz änderten. In der lebhaften Kommunikation, die diesen Vorgang begleitete, blieb der Gegenstand selbst, das Virus, die Gegenwirklichkeit, die das Virus Sars-CoV-2 verglichen mit unserer Lebenswelt, darstellt, verblüffend unscharf. Was ist das für ein „Menschenfeind“? Es stammt aus einer Parallelevolution und lebte, getrennt von der Geschichte der Menschen und ihrer Vorfahren, vermutlich schon lange Zeit in seiner Heimat, in den Fledermäusen. Ein fremdes Lebewesen klopft an unsere Tür.

          Einige Politiker haben in dieser Sache von Kriegsführung gesprochen, einem Bürgerkrieg zwischen der Natur der Menschen und der Natur dieser hybriden Kleinlebewesen. Mit Ihrer publizistischen Intervention in der „Neuen Zürcher Zeitung“ vom 7. April 2020 korrespondierte ein Bild des Leviathans, des Frontispizes von Thomas Hobbes’ gleichnamiger Abhandlung von 1651, in der es um die Verhinderung von Bürgerkriegen durch die Macht des Souveräns geht. Ein Kampf des Erdenbürgers Sars-CoV-2 (der nie als Individuum, sondern stets als Masse von Milliarden oder Billionen auftritt) gegen den Erdenbürger Mensch? Ist das richtig gesehen? Nach Carl von Clausewitz’ „Vom Kriege“ ist die Kenntnis des Gegners für jeden Kampf elementar. Diese Kenntnis steht am Anfang jeder Kriegs- und Friedenskunst. Politik und Wissen sind bei Clausewitz gleichrangig. Ich denke, lieber Giorgio Agamben, an meine Skype-Gespräche während der Quarantäne mit der führenden Virologin Karin Mölling, die übrigens auch eine ausgezeichnete Erzählerin ist. Sie berichtete mir, wie extrem viel älter als wir die Welt der Viren ist. Sie existierten möglicherweise schon vor mehreren Milliarden Jahren.

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