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Das Virus als Algorithmenkönig : Wir sind aus- und wieder angeschaltet worden

  • -Aktualisiert am

Sie schreiben, lieber Giorgio Agamben, wir sollten uns weniger sorgen und mehr denken. Das Virus spiegelt uns unsere Intelligenz auf verrückte Weise. Wir bemerken Defizite unseres Denkens. Wir werden aufmerksam auf die Vielfalt, die in dem steckt, was wir menschliche Intelligenz nennen. Es gibt die akademische Intelligenz, die Rationalität, die Intelligenz der Zuspitzung, die des technischen Raffinements. Diese Intelligenz wird vermutlich den Impfstoff bringen. Sozusagen die Artillerie. Es gibt aber auch die plebejischen, robusteren Formen der Intelligenz, wie sie in den Vorstädten und in den Slums Geltung haben. Es gibt den „Mutterwitz“. Es gibt eintausend verschiedene Ausdrucksformen von dem, was wir Intelligenz nennen, in der „Intelligenz der Gefühle“. Die subjektive Seite ist reich. Hier liegt möglicherweise unsere Reserve in jeder Not.

Auffällig ist beim Virus die „Intelligenz ohne eigenen Kopf“. Zwischen der stochastischen „Levée en masse“ der Viren und der Umwelt, die auf deren permanente Mutationen antwortet, beobachten wir ein eigenartiges Verhältnis. Als Einzelne „denken“ die Viren nichts. Aber sie mutieren unaufhörlich. Sie verlieren Moleküle, bauen Fremdmaterial in sich ein. Und so entwickeln sie – als Zeitraffer der Natur – neue Varianten, Gruppen, Eliten: das, was der Biochemiker Manfred Eigen eine „Quasispezies“ nennt. Jeder dieser neuen Stämme, jede dieser mutierten Fraktionen lauert auf Bestätigung durch die Umwelt (zum Beispiel der des Wirts).

In einem kräftigen Stück Spucke, von einem infizierten Seemann auf das Straßenpflaster gespuckt, warten Milliarden Viren auf eine Antwort. Die „evolutionäre Intelligenz“ liegt dabei in der Lücke zwischen Virus, Virusmasse und Umfeld, sozusagen im Vakuum dazwischen, dem abarischen Punkt. Vermutlich lohnt es sich, eine solche fremde Intelligenz zu studieren und unsererseits so etwas, zusätzlich zu unserem tradierten Unterscheidungsvermögen, unserer Art der Intelligenz, zu „erlernen“. Das Virus jedenfalls, das zunächst an uns Menschen so ungeschickt herantrat, dass es viele seiner Wirte umbrachte, „lernt“ vermutlich – das ist wiederum O-Ton Karin Mölling – „freundlicher“ zu werden, wenn das der Multiplikation dient.

Ich werde gewiss nicht, lieber Giorgio Agamben, das Virus romantisieren. Aber dass wir beide im Dialog seiner Wahrnehmung näherkommen, allmählich das Narrativ, das ihm gerecht wird, finden, das, glaube ich, ist sicher nötig. Jedenfalls hat mich der Gedanke an die von Ihnen aufgeworfenen Fragen, schon seinerzeit in unserem langen Gespräch und jetzt in Ihren Artikeln, neugierig gemacht.

Wenn ein Stück Künstlicher Intelligenz, zum Beispiel ein digitales Gerät, nicht funktioniert, können wir es wohl kaum selbst reparieren, so wie ich es noch bei meinem Fahrrad vermochte. Man wird das Gerät „resetten“. In der Hoffnung, dass es dann wieder anfängt neu zu funktionieren. Das ist, was das Virus mit uns gemacht hat. Wir sind geschubst, wir sind einmal aus- und wieder eingeschaltet worden. Ich will hier nur mit Ihnen unseren Dialog fortsetzen. Keine raschen Ergebnisse, aber viele Fragen.

Und ich grüße herzlich nach Venedig.

Ihr Alexander Kluge

Der Autor, Produzent und Jurist Alexander Kluge veröffentlichte zuletzt 2020 bei Suhrkamp das Sachbuch „Russland-Kontainer“.

Weitere Beiträge zum Thema finden sich unter www.faz.net/europa-denken.

Goethe-Vigoni-Discorsi

Die Frankfurter Goethe-Universität konnte in diesem Jahr ihren traditionellen „Europasommer“ nicht ausrichten. Er sollte 2020 den Beziehungen Frankfurts zu seiner Partnerstadt Mailand und den Beziehungen Hessens zu seiner Partnerregion Emilia-Romagna gelten. Die Corona-Pandemie hat nicht nur die entsprechenden Veranstaltungen verhindert, sondern die deutsch-italienischen Beziehungen selbst auf eine besondere Bewährungs-, ja Belastungsprobe gestellt.

So kam der Gedanke auf, ersatzweise Angehörige unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen und gesellschaftlicher Felder zu bitten, in Essays überschaubarer Länge ihren Blick auf die Welt mit Corona festzuhalten. Zusammen mit der Hessischen Staatskanzlei, dem italienischen Generalkonsulat und der Villa Vigoni, dem Deutsch-Italienischen Zentrum für den Europäischen Dialog, soll so ein Gedankenaustausch organisiert werden – bevor im Sommer 2021 hoffentlich wieder deutsch-italienische Begegnungen auf dem Campus der Goethe-Universität möglich sein werden und das Fest nachgeholt wird.

Wir drucken in lockerer Folge Beiträge dieser „Goethe-Vigoni-Gespräche“ im Feuilleton der F.A.Z. und veröffentlichen sie im Internet. Den Anfang machte ein Text des Dalai-Lama, des einstigen Oberhaupts der tibetischen Exilregierung und geistlichen Oberhaupts der Tibeter. Es folgten ein Beitrag des ehemaligen österreichischen Bundesministers und EU-Kommissars Franz Fischler, einer des Dichters Durs Grünbein und einer des Filmregisseurs Volker Schlöndorff. Christian Sewing, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, setzte die Reihe fort, gefolgt von dem Philosophen Massimo Cacciari, von 1993 bis 2000 und von 2005 bis 2010 Bürgermeister von Venedig.

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