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Das Virus als Algorithmenkönig : Wir sind aus- und wieder angeschaltet worden

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Titelbild des Leviathan (1651)
Titelbild des Leviathan (1651) : Bild: Picture-Alliance

Sie mögen anfangs sehr einfache, aber doch autonome Gebilde gewesen sein. Sie wurden dann zu Zellparasiten, die immer einen Wirt brauchen. Manche sprechen davon, dass wir etwa zwei Kilo davon allein in unserem Darmtrakt tragen. Dort nicht genau unterscheidbar oder zählbar gegenüber den Bakterien, Phagen und Pilzen unseres Mikrobioms. Wenn man sagt, dass parallel zum Kopf auch unser Darm „denkt“, dann nehmen Viren an diesem Denken teil.

Überläufer aus dem Reich der Viren

In unserem Genom, dem Erbgut, das sich in jeder unserer Zellen wiederholt, so geht die Erzählung von Karin Mölling weiter, existieren Überläufer aus dem Reich der Viren. Sie sind vor Jahrtausenden in dieses Erbgut eingedrungen und haben sich zu Patrioten unserer Spezies gewandelt. So wie aus Hugenotten, die aus Frankreich flüchteten, preußische Patrioten wurden, Kameralisten, Generale, Verteidiger des neuen Vaterlands, in das sie einwanderten. Diese Archaeviren haben sich, noch ehe es überhaupt moderne Menschen gab, schon in das Erbgut unserer Vorfahren eingebaut. Diese Überläufer verteidigen uns bis heute. Als ob sie träumten, kämpfen sie virtuell gegen längst ausgestorbene Viren und Bakterien, die uns oder unsere Vorfahren einst bedrohten. Das sind atavistische, quasi „erinnerte“ Kämpfe, so wie Heldensagen oder die Geschichten vom Kampf um Troja in Büchern bis heute überwintern.

Es kann durchaus sein, dass in Form dieser in uns vorhandenen Archaeviren Ärzte, Engel oder Retter bereitstehen, nur dass wir sie nicht rufen und uns nicht mit ihnen verständigen können. Es ist so, dass wir längst eine unspezifische, allgemeine Immunität besitzen. Nur kann sie nicht auf die Gegenwart zielen. Mich haben diese Aussagen der Virologin verblüfft. Deshalb lege ich sie Ihnen, lieber Giorgio Agamben, zum weiteren Dialog vor.

Das Virus Sars-CoV-2, wie alle Viren, hat vier robuste Eigenschaften. Es kann schneiden, kleben, mutieren und sich vermehren. Es hat in kürzester Zeit (es ist ja den menschlichen Lungenbläschen erst vor kurzem begegnet) gelernt, sich zu maskieren. So wie der listige Odysseus zum Riesen Polyphem sagt: Ich heiße Niemand. (Er spricht seinen Namen Odysseus vernuschelt aus, das klingt dann wie „oudeis“, was dem griechischen „Niemand“ entspricht. Daraufhin hält der Riese ihn für ungefährlich.) Oder wie die mehlbepuderte Hand des Wolfs im Märchen „Der Wolf und die sieben Geißlein“, die bewirkt, dass die Geißlein ihn mit der Mutter verwechseln und ins Haus einlassen. So täuscht Sars-CoV-2 die menschlichen Lungenzellen, und die lassen das Virus, weil es sich als das „Lieblingsmolekül der Lunge“ tarnt, bereitwillig in die Zelle ein, wo es sein Verwüstungswerk verrichtet – und längst nicht nur dort. Nicht ohne dass das Virus hinter sich die Zelle dichtmacht, eine Mauer baut, damit nicht andere Viren nachrücken und das wunderbar eroberte Milieu stören. So, wie wir Europäer den Zuzug von Flüchtlingen aus Afrika nach Europa an der EU-Grenze abwehren.

Ein Wesen ohne Ehrgeiz

Das alles hat Sars-CoV-2 in, gemessen an evolutionärer Zeit, blitzartiger Geschwindigkeit „gelernt“. Merkwürdig, dass ein Wesen aus totem Material (die Viren haben platonische Körper wie die Kristalle) und lebendiger Funktion in den Millionen Jahren seiner Vorzeit nie seine robuste Kleinheit wesentlich verändert hat. Viren sind nie Elefanten geworden. Sie haben nie Ehrgeiz gezeigt. Sie sind wie der Warenfetisch fast unsichtbar und omnipotent. Darin liegt Macht.

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