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Politguru Alexander Dugin : Auf diesen Mann hört Putin

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Gesellschaft über dem Willen des Individuums

Alexander Dugin, promovierter Philosoph und Politikwissenschaftler, ist Professor an der soziologischen Fakultät der Moskauer Staatsuniversität, offizieller Berater des Duma-Vorsitzenden Sergej Naryschkin und gilt als Putins geheimer Favorit. Im Gegensatz zum Präsidenten liebt Dugin das spirituelle Abenteuer. Mit Hilfe seiner imponierenden Bildung und Eloquenz drehte er die verschiedensten esoterischen Schrauben, um die Geschichte aufzumischen. In seinem bewegten Leben war Dugin Mitglied der nationalpatriotischen Front „Pamjat“ und eines okkulten „schwarzen SS-Ordens“, er gründete die Partei der Nationalbolschewiken, war Verschwörungstheorielehrer beim Generalstab, propagierte diverse Religionen. Vor allem aber holte er das „Eurasiertum“ russischer Emigranten, die im Pariser und Berliner Exil Stalin zum „roten Zaren“ umdeuteten, aus der literaturwissenschaftlichen Mottenkiste und wertete es auf zu einer vermeintlich zukunftsfähigen russischen Reichslehre.

Professor Dugin empfängt in einem schlauchförmigen Zimmer im vierten Stock eines stalinistischen Universitätspalastes. Eine riesige Weltkarte schmückt die hohe Wand, auf Regalen und am Boden stapeln sich Dugins Bücher: „Philosophie der Politik“, „Die absolute Heimat“, „Russlands Geopolitik“, „Konspirologie“. Wir sind seit den neunziger Jahren miteinander bekannt, als er die obskure Zeitschrift „Elementy - Eurasische Rundschau“ herausgab. Darin erfuhr man anhand von Halford Mackinders Theorie des kontinentalen „Herzlands“, wie verhängnisvoll die Zerstückelung des sowjetrussischen Imperiums war, und wurde durch Texte von Carl Schmitt, Karl Haushofer, Arthur Möller van den Bruck in die Ideen der Konservativen Revolution eingeführt. Damals fand Dugin manches Gute am deutschen Nationalsozialismus und begeisterte sich mit Arnim Mohler für den Faschismus als radikalen Stil. Publizistische Alarmrufe gegen sich schienen ihn zu amüsieren.

Jetzt ist Alexander Geljewitsch eine Kultfigur und wägt seine Worte. Faschistisch und totalitär sei in Wirklichkeit der westliche Liberalismus, belehrt er mich zur Begrüßung, offenbar zornig, dass die meisten Europäer das nicht begreifen. Die Todsünde des Westens sei, dass er die eigenen Werte, Demokratie und Menschenrechte, Individualismus und Marktwirtschaft, für universal halte und anderen aufdränge, erklärt der blasse Denker mit dem Patriarchenbart. Das sei rassistisch. Ich komme nicht mit. Etwas dreht sich mir im Kopf. Dugin hilft mir: Menschliche Rassen seien kulturelle Kategorien. Annahmen, wonach genetische Faktoren sie bestimmten, seien widerlegt. So wird die Menschenrechtsdeklaration rassenspezifisch. Er habe übrigens gar nichts gegen bärtige Frauen in Österreich, merkt er jovial an. Die Genderlehre habe darin recht, dass das Geschlecht nicht biologisch determiniert sei. Doch statt durch den Willen des Individuums wie im Westen entscheide in Eurasien die Gesellschaft über jemandes Geschlecht. Als Beispiel erinnert er an den historischen Brauch, Sklaven zum Zeichen ihrer Nichtmännlichkeit Röcke anzuziehen.

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