https://www.faz.net/-gqz-9b50s

Friedenspreis des Buchhandels : Ein Forscherpaar wie ein effektiver Superrechner

Aleida Assmann und Jan Assmann ergänzen sich, seit sie sich 1968 bei einer Ausgrabung in Theben kennenlernten. Bild: dpa

Aleida und Jan Assmann untersuchen die Bedingungen eines kulturellen Gedächtnisses. Für sie ist Geschichte niemals ein Vogelschiss – und ein offener Umgang mit der Vergangenheit Voraussetzung für ein friedliches Miteinander.

          Zum ersten Mal in seiner achtundsechzigjährigen Geschichte erhalten den Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels 2018 zwei Personen: das Wissenschaftler-Ehepaar Aleida und Jan Assmann. Die beiden Kulturwissenschaftler haben über Jahrzehnte hinweg an der Heidelberger Universität über die Bedingungen und Bedingtheiten eines kulturellen Gedächtnisses geforscht. Seit beide sich im Jahr 1968 auf einer Ausgrabung im oberägyptischen Theben kennenlernten und noch im selben Jahr heirateten, bilden sie ein dioskurisches Forscherpaar, einen selten effektiv synchronisierten Superrechner, der nichts vergisst und sich wechselseitig immer wieder liebevoll nachjustiert. So ist der von Beiden verfasste Eintrag zum Lemma „Mythos“ im Handwörterbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe auf einundzwanzig Seiten nicht nur von fast beispielloser Komplexität, es fiele auch schwer, die Anteile beider voneinander zu scheiden.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Die heute einundsiebzigjährige Aleida Assmann, von Haus aus Literaturwissenschaftlerin, wurde mit ihrem Forschungsschwerpunkt der Kulturanthropologie und mit ihren Studien zu Erinnerungskultur international bekannt. Unter anderem mit ihren Büchern „Arbeit am nationalen Gedächtnis. Eine kurze Geschichte der deutschen Bildungsidee“ aus dem Jahr 1993 und dem gemeinsam mit Geoffrey Hartman verfassten „Die Zukunft der Erinnerung und der Holocaust“ von 2012 hat sie hellsichtig Fiktionen, Konstruktionen wie auch Perspektiven in der Memorialkultur aufgezeigt. Für sie ist ein offener und ungeklitterter Umgang mit der Vergangenheit grundlegende Bedingung für ein friedliches Miteinander. Dass Geschichte niemals ein Vogelschiss ist, die Longue durée von Gedanken mithin nicht von der Dauer von Regierungen abhängt, hat Assmann angesichts wieder wachsender politischer Instrumentalisierungen von Geschichte – so auch der jüngeren deutschen – geradezu aufklärerisch in die Öffentlichkeit geschleudert. Sie ist damit selbst zu einem unverzichtbaren Teil unseres kulturellen Gedächtnisses geworden.

          Unschätzbares für das Verständnis früher Religionen

          Der neunundsiebzigjährige Jan Assmann wiederum revolutionierte als Ägyptologe das Fach mit seinen Publikationen zu Hieroglyphen und Religion, altägyptischen Zeitkonzepten, der Sintfluterzählung oder auch der Ägypten-Rezeption in Mozarts Zauberflöte. In seinem Text zu den Josephsromanen in der Großen Kommentierten Frankfurter Thomas-Mann-Ausgabe erschließt Assmann akribisch eine Fülle von kulturgeschichtlichen Quellen Manns, die dieser in die vier Bände seines zwischen 1933 und 1943 erschienenen Exilroman eingewoben hat. Mit diesen polyphonen „ägyptisch“-biblischen Quellen der Erzählung zeigt Assmann nur umso deutlicher, wie quer der Roman von Anfang an zur Nazi-Ideologie stand.

          Weit über sein Stammfach Ägyptologie hinaus aber wurde Assmann bekannt durch sein 1998 veröffentlichtes Buch „Moses der Ägypter. Entzifferung einer Gedächtnisspur“, das die Entstehung des Eingottglaubens als Absetzbewegung vom Polytheismus an den Auszug der Israeliten aus Ägypten gekoppelt sieht. Weil ein Monotheismus mit seinem absoluten Wahrheitsanspruch per definitionem konfliktträchtig gegenüber anderen Religionen ist, häufig Andersgläubige zu missionieren oder bekämpfen sucht, plädiert Assmann zudem für mehr Verständnis für diejenigen Kulturen, die dem Polytheismus anhängen. Für das Verständnis der komplexen Genese früher Religionen jedenfalls, ein momentan sehr intensiv erforschtes Feld, hat Assmann Unschätzbares beigetragen. Ebenso hat er mit dem Aufzeigen der überraschend vielen gemeinsamen kulturellen Wurzeln im östlichen Mittelmeerraum internationale Debatten zu den aktuellen kulturellen und religiösen Konflikten angestoßen.

          Das Ehepaar Assmann warnt immer wieder vor Geschichtsvergessenheit. Bei der Vergabe des mit 25.000 Euro dotierten Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, der implizit immer auch politisches Engagement würdigt, werden diese aktuellen Aufrüttelungen des Gedächtnisses sicherlich auch eine Rolle gespielt habe.

          Weitere Themen

          „Harri Pinter Drecksau“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Harri Pinter Drecksau“

          Jürgen Maurer spielt Harri Pinter, einen Mitvierziger, der von sich und seinem Auftritt mehr als überzeugt ist. Als seine Freundin ihn jedoch betrügt, gerät sein Selbstbild ins Wanken. Der österreichische Film läuft am 19.07.2019 um 20.15 Uhr auf arte.

          Im begehbaren Familienalbum

          Analoge Fotografie : Im begehbaren Familienalbum

          Warum beschäftigt sich der kanadische Künstler Michel Campeau mit einer scheinbar anachronistischen Fototechnik? Eine Frankfurter Ausstellung geht einer der größten Zäsuren in der Entwicklung der Fotografie nach.

          Topmeldungen

          Müssen sich auf Reformen einigen: Luigi Di Maio und Matteo Salvini im Februar in Rom

          Italiens Regierung : Salvini droht mit vorgezogenen Wahlen – mal wieder

          Italiens Innenminister steht wegen der Affäre um mögliche Parteispenden aus Russland unter Druck – und bedrängt nun seinen Koalitionspartner. Es sei noch genügend Zeit, das Parlament aufzulösen und nach der Sommerpause neu zu wählen.

          Bayern München : Die klare Botschaft des Manuel Neuer

          Dortmund hat kräftig aufgerüstet. Die Bayern indes kommen auf dem Transfermarkt nicht so richtig voran. Torwart Manuel Neuer sieht das gelassen – und verrät, welches besondere Ziel die Münchner antreibt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.