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Aktienkurse und Algorithmen : Das Herzkammerflimmern der Börse

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die irrwitzigen Schwankungen der Aktienkurse sind nicht so rätselhaft, wie oft behauptet wird. Wo die schnellsten Computer der Welt als Spekulanten agieren, gerät der Finanzmarkt ins Netz der räuberischen Algorithmen.

          Die letzten Tage waren verwirrend. Die Märkte spielten verrückt. Die Offiziellen suchten nach Erklärungen und fanden keine. Tausend Punkte minus im Dow Jones, und keiner weiß, warum. Wenn Sie sich für die Börse interessieren, dann ergeht es Ihnen sicher wie Alice im Wunderland - als sie den Kaninchenbau hinunterfiel. Womöglich haben Sie den Eindruck, dass die Dinge nicht mehr unter Kontrolle sind. Und diese Vorstellung gefällt Ihnen nicht.

          Sie haben die Wahl: Schlucken Sie die blaue Pille, dann bleibt die Welt für Sie so, wie sie immer schien. Nichts wird sich ändern. Nichts muss Sie beunruhigen. Sie werden die Märkte weiterhin erleben als einen Ort, an dem Menschen die Kontrolle haben; an dem die Kurse auf den Monitoren und tags darauf in den Zeitungsspalten so sind, wie sie sind, weil Männer und Frauen auf dem Parkett sich Angebot und Nachfrage aus dem Leib schreien. Richtige Menschen, aus Fleisch und Blut; die schwitzen und keuchen, fluchen und beten, verzweifeln und frohlocken; die Teil des Geschehens, um nicht zu sagen, der Markt selbst sind, mit jeder Faser ihres Körpers.

          Jeder Kauf und jeder Verkauf, jeder Preis, der aufleuchtet, um einige Sekunden lang den Lauf der kapitalistischen Welt zu verändern, verkörpert ihre Emotionen, ihren Sachverstand und ihre Erfahrung. Menschen, die über Intuition verfügen, die wissen, was geht und was nicht; die bei aller Konzentration auf Zehntel- und Hundertstelpunkte das große Ganze nicht aus den Augen verlieren. Menschen, die das System beherrschen. Das ist der Finanzmarkt, wie er sich uns tagtäglich in den Medien präsentiert: Hunderte Händler vor Hunderten Bildschirmen, Kurs um Kurs in das Tickerband stanzend wie Fließbandarbeiter, unermüdlich und laut, aber doch immer kalkulierend und reflektierend, bis zur Schlussglocke. Am deutschen Aktienmarkt leiht „Mister Dax“, Dirk Müller, diesen Menschen sein Gesicht. Jeder kennt es. Jeder kann darin lesen. Dirk Müller lacht mit der Rally und verzweifelt am Einbruch. Sein Mienenspiel sagt mehr als tausend Kurse. Dirk Müllers Gesicht ist das Reuters-Terminal des Kleinanlegers.

          Kein Interesse an Bilanzen, ökonomische Fundamentaldaten oder Charts

          Doch die Börse ist Dirk Müller nicht mehr. Schon lange nicht mehr. Die Börse von heute ist eine Maschine, die mit Maschinen kommuniziert. Es sind hochgerüstete Maschinen, die im Kampf um Zehntelprozentpunkte gegeneinander antreten, die mittels ausgefeilter Strategien sich und anderen auflauern und dann zuschlagen. Tausendmal pro Sekunde. Milliardenmal pro Tag. Speed ist alles in diesem Kampf, denn Speed bedeutet Rendite. Speed bedeutet Milliarden. Der eine gewinnt, der andere verliert. Tausendmal pro Sekunde. Menschen wie Dirk Müller können da nicht mithalten. Ihr Gehirn arbeitet nicht annähernd so schnell wie die parallel prozessierenden Chips dieser Computer. Sie stehen daher auf verlorenem Posten.

          Die Börse von heute gehört den High-Frequency-Tradern („HFTs“). Sie haben kein Gesicht. Sie lachen nicht wie Dirk Müller. Sie verzweifeln nicht wie Dirk Müller. Sie interessieren sich nicht für Bilanzen, ökonomische Fundamentaldaten oder Charts. Sie interessieren sich für Korrelationen und Abnormalitäten; in endlos langen Zahlenkolonnen aus Kauf- und Verkaufstransaktionen. Daten, mit denen sie ihre Rechner füttern. Der Börsensaal, in dem sie ihre Geschäfte abwickeln, hat keine Adresse: Er existiert lediglich im Hauptspeicher ihrer Supercomputer.

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