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Akademie der Künste : Das Amt und sein Preis

Schwere Aufgabe für Klaus Staeck Bild: AP

Die Berliner Akademie der Künste hat den Politgrafiker Klaus Staeck zu ihrem neuen Präsidenten gewählt. Wird es ihm gelingen, die altehrwürdige Institution aus ihrer Lethargie zu befreien?

          4 Min.

          Diese Akademie mit ihren knapp vierhundert Mitgliedern, von Pina Bausch und Pierre Boulez bis Martin Walser und Wim Wenders - was ist sie? Ein Debattierklub? Ein Künstlerverein mit Vereinshaus am Brandenburger Tor? Ein Institut zur Pflege des eigenen Nachlasses?

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das alles ist die Berliner Akademie der Künste gewesen, und sie soll es auch weiter sein, schon deshalb, weil ihr rasant wachsendes Archiv und ihre glanzvolle Geschichte eine eigene Schwerkraft besitzen, ein Gewicht jenseits aller Tagesaktualität. Aber das ist nicht genug, bei weitem nicht. Würde sich die Akademie mit diesen Aufgaben begnügen, könnte sie getrost in ihr altes Domizil am Hanseatenweg im Tiergarten zurückziehen, und die Wahl ihres neuen Präsidenten wäre ein Thema für die Berliner Regionalzeitungen. Aber so ist es nicht, und so wird es auch nie wieder sein.

          Der politische Kopf

          Daß die Akademiemitglieder ihre neue Lage begriffen haben, zeigt ihre Entscheidung vom vergangenen Samstag. Sie haben den Grafiker und Verleger Klaus Staeck zum Präsidenten gewählt - und nicht den Komponisten Udo Zimmermann, der ebenfalls zur Wahl stand; den politischen Kopf, nicht den Künstler. Auch die Filmregisseure Volker Schlöndorff und Frank Beyer sowie der Publizist Friedrich Dieckmann waren im Vorfeld als Kandidaten genannt worden, aber Schlöndorff hatte bereits einige Tage vor der Abstimmung erklärt, er stehe nicht zur Verfügung, weil er lieber in Ruhe seine künstlerische Arbeit machen wolle. Anderen Bewerbern mag es ebenso gegangen sein.

          Es spricht für Staecks politische Klugheit, daß er in ersten Äußerungen nach seiner Wahl deren Tragweite kleinzureden versuchte. Man dürfe das Präsidentenamt „nicht mehr so hoch hängen“, erklärte er am Samstag abend und dann noch einmal am nächsten Morgen vor Berliner Journalisten. Der Präsident sei nicht alles, statt dessen komme es darauf an, die verschiedenen Talente und Wünsche in der Akademie „zum Klingen zu bringen“. Und ein „Politruk-Zentrum“ am Pariser Platz werde mit ihm gewiß nicht entstehen, sondern ein Stück öffentlicher Raum, in dem man „Demokratie üben“ könne.

          Gegen die Klubhausmentalität

          Das hört sich gut an, aber es wird Klaus Staeck dennoch nicht viel helfen. Denn selbstverständlich muß er das Präsidentenamt hoch hängen, so hoch, wie es nur irgend geht - damit er mit den natürlichen Verbündeten und Partnern der Akademie, dem Kulturstaatsminister und den Direktoren anderer nationaler und internationaler Kulturinstitute, und ihren unvermeidlichen Widersachern, den Kulturprovinzialisten jeglicher Couleur, auf Augenhöhe verhandeln und ihnen im Streitfall Paroli bieten kann. Staeck wird das Amt des Akademiepräsidenten ganz neu durchsetzen müssen, gegen die Vertreter des Prinzips Hanseatenweg, gegen die Klubhausmentalität jener Mitglieder, denen die eigene Haut näher ist als der öffentliche Raum. Das ist eine ehrbare Haltung, aber sie paßt weder in das neue, verschwenderisch mit Räumen und Perspektiven spielende Akademiegebäude in Blicknähe des Reichstags noch in eine Zeit, in welcher der „Kampf der Kulturen“ kein Schlagwort mehr ist, sondern tägliche, beunruhigende, in vielem noch unbegriffene Realität.

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