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Kolumne „Import Export“ : Millionen Frauen unter dem Terror der Taliban

  • -Aktualisiert am

Was passiert jetzt mit den Frauen in Afghanistan? Bild: Reuters

Frauenrechte sind Menschenrechte. Sie sollten in Afghanistan nicht auf dem Scheiterhaufen des Kulturrelativismus und der Ignoranz geopfert werden. Der Westen hat die Frauen verraten.

          3 Min.

          Während ich schreibe, kommen minütlich neue Nachrichten, neue Bilder. Gehofft wurde die letzten Tage viel, dass sich die afghanische Armee, zahlenmäßig überlegen, aber durch Korruption zermürbt, erfolgreich den Taliban entgegenstellt. Dass die internationalen Truppen noch einmal umdrehen, zumindest ein Teil des Landes, zumindest Kabul vor den Taliban schützen, zumindest ihre Staatsbürger, Verbündete und Mitarbeiter in Sicherheit bringen. Als dann Kabul fiel, die Taliban im Präsidentenpalast waren, hoffte man, dass Racheakte ausbleiben. Als die erste Bundeswehrmaschine in Kabul landete, hoffte man wieder etwas mehr. Als es hieß, es wären nur sieben Leute an Bord, weil diese Hunderte Verzweifelten am Flughafen nicht auf den Listen standen, blieb einem die Spucke weg. Trotzdem wird weiter gehofft werden. Viele hoffen, das höre ich auch häufig, dass die Tyrannei der Taliban milder als früher sein wird. Nicht weil man ihren Beteuerungen glaubt, sondern um sich zu beschwichtigen, weil man sich schuldig fühlt, die Menschen im Stich gelassen zu haben.

          Dieses entsetzte Hoffen erinnert mich an 2014: als der IS Region für Region unter seine Kontrolle brachte und dabei kaum auf Widerstand stieß. Wie die Millionenstadt Mossul kampflos fiel, wie die schwarzen Flecken auf der Landkarte immer größer wurden. Wie die Menschen flohen, wie in den besetzten Gebieten die Scharia ausgerufen und Massaker verübt wurden. Wie die Frauen nicht mehr ohne Ehemann, Bruder, Vater das Haus verlassen durften und den Niqab tragen mussten, dieses Stück Anti-Mode, das jegliche Individualität ausradiert und das man schon nicht mehr als Kleidung bezeichnen kann, weil es nicht kleidet, sondern verhüllt. Ähnliche Bilder nun aus Afghanistan.

          Zwar hört man hier und dort, die Taliban von 2021 wären nicht mehr die Taliban vor 20 Jahren. Sie haben sich verändert, wollen politischer Partner sein. Aber außer Lippenbekenntnissen hat man von diesen geläuterten, progressiven Taliban bis jetzt nichts gesehen. Es heißt auch, dass es Auspeitschungen gebe, Frauen daran gehindert werden zu arbeiten, in die Uni zu gehen, dass Familien mit unverheirateten Töchtern ihre Häuser mit einem roten X markieren müssen, dass diese Töchter verschleppt und an Taliban-Kämpfer zwangsverheiratet werden. Bilder von Frauen werden übermalt, abgerissen. Die Taliban haben sich nicht im Geringsten verändert, sagen afghanische Menschenrechtsaktivistinnen.

          Die islamistische terroristische Hamas gratuliert den Taliban zu ihrem Sieg, ebenso die Terrormiliz Haiat Tahrir asch-Scham in Idlib. Irans Präsident Ebrahim Raisi sieht die Machtübernahme der Taliban als Chance. Der NATO-Partner Türkei nutzt die Zeit, um unbehelligt das jesidische Siedlungsgebiet Shingal im Irak zu bombardieren, darunter ein Krankenhaus, und freut sich über „die positiven Signale der Taliban“ aus dem „brüderlichen Afghanistan“. China hat schon mit Gesprächen begonnen.

          Zirka 38 Millionen Menschen leben in Afghanistan. Darunter ethnische und religiöse Minderheiten, queere Menschen, Aktivisten, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und internationalen Truppen, die jetzt um ihr Leben fürchten. 19 Millionen Frauen und Mädchen sind mit der Machtübernahme der Taliban Gefangene geworden, ihrer Freiheit und Rechte beraubt. Nichts an der islamistischen Ideologie ist feministisch, emanzipatorisch, nichts antikolonial. Im Gegenteil: Es ist die Kolonialisierung der Frau, ihre Auslöschung im öffentlichen Leben. Die Entrechtung der Frau unter Scharia-Gesetzen vollzieht sich auf vielen Ebenen. Die Burka ist nicht ihr einziges Problem. Eingeschränkte Mobilität, Ausschluss aus Bildung und Gesundheitswesen, soziale Isolation. Dazu kommen drakonische Strafen beim kleinsten Verstoß. Als die Taliban das letzte Mal an der Macht waren, konnten bereits lackierte Nägel zur Amputation der Fingerkuppen führen. Das ist totalitär und keine kulturelle Eigenart. Frauenrechte sind Menschenrechte und sollten nicht auf dem Scheiterhaufen des Kulturrelativismus und der Ignoranz geopfert werden. Sätze wie „Wir können den Menschen nicht unsere Vorstellung von Menschenrechten aufzwingen“ oder „Die Afghanen haben kein Interesse an Demokratie“ sind zynische und rassistische Evergreens, mit denen man sich vor allem der eigenen Verantwortung zu entziehen versucht. Der Westen hat diese Frauen im Stich gelassen, sie verraten. Die alleinige Schuld trägt er trotzdem nicht.

          Und jetzt? Manche pochen auf Gespräche, aber die haben in Doha schon nicht zu einem Erfolg geführt. Und diese Tyrannei darf auf keinen Fall durch di­plomatische Beziehungen normalisiert werden. Man darf sich nicht damit abfinden, nur Ausländer und ein paar Ortskräfte rauszuholen, wenn Millionen Frauen und Mädchen bleiben und unter dieser Terrorherrschaft werden leben müssen. Frauen wollen spazieren gehen, sie wollen arbeiten, studieren, mal mit Freundinnen ins Café, auf dem Balkon Zigarette rauchen, die Nägel lackieren oder in Ruhe ein Buch lesen. Ob in Masar-e-Scharif, Raqqa, Gaza oder Mossul, diese Rechte dürfen ihnen nicht verwehrt werden.

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