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Affenbande : Der Schimpanse als Lebensabschnittspartner

Ein Affenbild von „Congo” - für 20.000 Euro versteigert Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Schimpansen und Menschen teilen nicht nur viele Gene, sie haben auch eine gemeinsame Gattungsgeschichte. Das erhärten jüngste Forschungsergebnisse. Zeit für eine Rehabilitation des Menschenaffen.

          3 Min.

          Mit welcher Wucht der Affe inzwischen über die Artgrenze drängt und Einlaß sucht in die Schicksalsgemeinschaft der Enthaarten, der Gattung Homo, dieser Drang zur Humanisierung des Äffischen bekommt allmählich betörende Züge.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Pan troglodytes, „der in Höhlen Kriechende“, klopft an unsere Schlafzimmertür. Seitdem uns in dieser Woche amerikanische Genomforscher mit der Enthüllung von „Hybridisierungen“ zwischen unseren kleinwüchsigen, krummbuckeligen Gattungsgründern und den Vorfahren unseres nächsten Vetters nahelegten, seitdem haben wir unsere evolutionär Verflossenen endgültig wiedergefunden.

          Schmutzige Wäsche

          Die pikante Affäre dauerte wohl an die vier Millionen Jahre, legt zumindest der Vergleich von ein paar hunderttausend Genabschnitten im Erbgut nahe. Speziell im X-Chromosom, das unser Geschlecht festlegt, haben die Wissenschaftler auf einigen Abschnitten offenbar eine so bizarre Häufung von Gemeinsamkeiten gefunden, daß die altbekannten achtundneunzigeinhalb Prozent gesamtgenetischer Übereinstimmung den wahren Verwandtschaftsgrad zwischen Schimpanse und Mensch geradezu verschleiert. In Wirklichkeit nämlich muß der Schimpanse über eine beträchtliche Zeitspanne für einige größere Urmenschenpopulationen der arche- und idealtypische Lebenspartner geblieben sein.

          Wer nun in dieser freizügigen afrikanischen Episode wessen Liebesdiener war, ist noch nicht verbrieft. Aber das tut in der Debatte um die Gattungszugehörigkeit eigentlich auch nichts zur Sache. Auch so ließ sich da stets allerhand vorstellen und manch schmutzige Wäsche waschen, wie bei jedem ordentlichen Techtelmechtel halt.

          Transsexuelle Szenarien in der Literatur

          Gustave Flaubert etwa spielte in seinem Jugendwerk „Quidquid volueris“ von 1837 noch etwas verschämt mit dem transsexuellen Szenario, als er das Experiment der Kreuzung einer schwarzen Sklavin mit einem Menschenaffen aufschrieb. Auch Peter Hoeg konstruierte in „Die Frau und der Affe“ eine - diesmal glückliche - Liaison einer alkoholsüchtigen Zoologengattin mit einem einfühlsamen Primaten. Aber die Literatur hatte da, wie gesagt, über die mehr als zweihundert Jahre hinweg, seitdem Johann F. Gmelin die Gattung Pan gründete und damit den Schimpansen hinter die Speziesbarrieren katapultierte, keine schöpferischen Präferenzen. Die seinerseits übermannten Mitte der zwanziger Jahre Stalin, als ihm in den Sinn kam, die Kreuzung von Affe und Mensch zu veranlassen, um so neue schmerzresistente und willfährige „Kampfmaschinen“ zu kreieren. Entsprechende Anweisungen an die Wissenschaftsakademie und den Biologen Ilija Iwanow hatte man in den Moskauer Archiven ausfindig gemacht. Die Kreuzungsversuche schlugen fehl.

          Das dürfte daran gelegen haben, daß die bei der Artbildung im Tier- wie im Pflanzenreich keineswegs untypische Bastardisierung genetisch nur für eine begrenzte Zeit möglich ist. Sobald sich zwei Kernpopulationen genügend weit auseinander entwickelt haben, was bei der Mensch-Schimpansen-Speziation vor fünf bis sechs Millionen Jahren als offenkundig „sehr komplexer Prozeß“, wie die Forscher schreiben, begann, erlischt die Flamme der Leidenschaften unwiderruflich. Die Populationen werden genetisch inkompatibel. Das ist dann auch das Ende für die „freiwillige Fortpflanzungsgemeinschaft“, als die der jüngst verstorbene deutsche Evolutionsbiologe Ernst Mayr die Schicksalsgemeinschaft einer biologischen Art wegweisend definiert hatte.

          Mit Schimpansen auf mentaler Zeitreise

          Was aber, so fragten sich bald immer lauter die populären Primatenforscher wie Diane Fossey, Jane Goodall oder Frans de Waal, hindert uns daran, wenigstens unsere nächsten Verwandten unter das gemeinsame Dach derselben Gattung zu bitten. Goodall hatte in den sechziger Jahren den ersten handwerklich begabten Vetter entdeckt, der sich über einen Termitenhügel beugte und genüßlich mit einem Grashalm nach den Krabbeltierchen fischte. Von da an gab es weit über die Primaten- und Artenschutzszene hinaus kein Halten mehr für die Rehabilitation des Genossen Affe. Die großen Menschenaffen wurden als „Kulturwesen“ bestaunt und gefördert. Ihr humanistisches Verhaltensrepertoire entwickelte sich jenseits aller genetischen Gemeinsamkeiten zu einem schlagkräftigen Argument für die geforderte Aufnahme unserer Vettern in die Menschenrechtskonvention. Insbesondere Schimpansen mit ihren Fähigkeiten, soziale und handwerkliche Traditionen an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben, in den Gesichtern von anderen zu lesen, Altruismus ausüben und, wie jetzt von Max-Planck-Forschern aus Leipzig gezeigt wurde, „mentale Zeitreisen“ vornehmen und Absichten vorausplanen zu können, hat der Transhumanisierung des Affen zusehends Auftrieb gegeben.

          Das letzte Wort dürften da zwar weder die Verhaltensforscher noch die Genetiker haben. Aber letztere waren es immerhin, die in den zurückliegenden drei Jahren mindestens drei grundlegende Studien und damit durchaus schwergewichtige Indizien für einen Gattungswechsel vorgelegt haben. Oder sollten gemeinsame Familiengründungen etwa kein willkommenes Argument mehr sein? Der Neanderthaler jedenfalls hatte es viel später nicht mehr soweit gebracht. Ihm blieb zwar stets seine Mitgliedschaft in der Menschenlinie erhalten. Aber seine lange diskutierten Liebschaften mit dem modernen Menschen gelten heute allesamt nur noch als schmutzige Phantasien.

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