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AfD in Talkshows : Krokodil oder Großmutter?

Anne Will und ihre Gäste: Sahra Wagenknecht (Die Linke), Alice Weidel (AfD), Wolfgang Kubicki (FDP), Peter Altmaier (CDU), Melanie Amann (Leiterin des „Spiegel“-Hauptstadtbüros) und Kevin Kühnert (SPD) Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Wer rechte Parolen zum Verstummen bringen will, muss nicht aufhören, mit Rechten zu reden. Die Gespräche müssen sich verbessern – doch die AfD fährt ihre eigene Strategie.

          6 Min.

          Es war, selbst für die Vorstellungen, die man mittlerweile von Politikern der AfD gewohnt ist, ein relativ verhaltensauffälliger Auftritt, den die AfD-Politikerin Alice Weidel am vergangenen Sonntag in der Sendung von Anne Will hinlegte. Rhetorisch gab es nicht viel Neues zu sehen, ordnungsgemäß führte Weidel die Standards der bekannten Talkshow-Strategie der Partei auf, fläzte bequem in der Opferrolle herum, sagte kurz den Refrain von der demokratisch gewählten bürgerlich-konservativen Partei auf, der bei keinem AfD-Gig vor großem Publikum fehlen darf, schmuggelte schnell noch die Beleidigung „Relotiuspresse“ ein und kam nur, als es um ihre durchschaubar opportunistische Haltung zum Parteischreck Björn Höcke ging, dank der hartnäckigen Rückfragen von „Spiegel“-Journalistin Melanie Amann kurz ins Stottern, bevor sie sich auf die bewährte Ablenkungstaktik besann und sich darüber erregte, mit welchen Begriffen man sie selbst überhaupt beschimpfen dürfe, ungestraft. Nur für einen neuen Tabubruch hatte sie zu wenig Zeit.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Performativ aber stellte dieser Auftritt eine bemerkenswerte neue Stufe dar: Zur verbreiteten These, dass die AfD in öffentlichen Diskussionen, vor allem im engen Korsett der üblichen Fernsehtalkshows, automatisch als Gewinner hervorgeht, egal wie lächerlich sich ihre Vertreter machen, wie schwach sie argumentieren oder wie sehr sie sich selbst widersprechen, zu dieser These lieferte Weidel nun auch die passende Choreographie: Spöttisch lehnte sie sich zurück, hörte grinsend den anderen Gästen beim Streiten zu und nörgelte ein paarmal kommentierend das Wort „unglaublich“ in die Runde, als nehme sie gerade gar nicht selbst daran teil, sondern sitze allein und abgehängt vor dem Fernseher und schimpfe bei einem Gläschen Eierlikör ihrem Dackel vor, wie „die da oben“ schon wieder die AfD ausgrenzen.

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