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Ägyptische Kopten : Auf einmal sind sie Blutsbrüder

  • -Aktualisiert am

Ein koptischer Christ nach dem Kairoer Anschlag Bild: AFP

Nach dem Anschlag auf die Kopten wird in Ägypten die Einheit des Landes beschworen. Aber den ägyptischen Nationalismus begleiten seit hundert Jahren Forderungen nach konfessioneller Abgrenzung - auf beiden Seiten.

          Die Wortwahl der öffentlichen Bekundungen und Zeitungsartikel nach dem blutigen Neujahrsanschlag auf eine koptische Kirche wirkt so vertraut wie entlarvend. Dass die Attentäter es auf die „nationale Einheit“ des Landes abgesehen hätten, lautete die Formel, der sich Vertreter des gesamten politischen und religiösen Spektrums bedienten, von Ministern über Granden der Azhar-Moschee bis hin zu den islamistischen Muslimbrüdern. Der Terrorismus besitze im Gegensatz dazu „keine Nation und keine Religion“, verkündete Präsident Hosni Mubarak. Und sein Sohn und mutmaßlicher Thronfolger Gamal versicherte, Christen und Muslime in Ägypten teilten dieselbe Heimat und dieselbe Geschichte: „Nichts kann ihre Einheit beschädigen.“

          Wer die ägyptische Politik auch nur ein wenig kennt, weiß solche Phrasen leicht zu deuten. Jugendliche in Alexandria hätten nach den Anschlägen „Lang leben Halbmond und Kreuz“ skandiert, meldete eine Zeitung, während es zur selben Zeit überall im Land zu Demonstrationen aufgewühlter Christen kam. Die halbstaatliche „Al-Ahram“ machte in Krankenhäusern „Wellen von sowohl muslimischen als auch christlichen Blutspendern“ aus und erhob die beiden Religionen auf diese Weise sozusagen in den Stand der Blutsbrüderschaft. Dagegen berichteten nur wenige Blätter darüber, dass die koptischen Kirchenoberen in einer ersten Stellungnahme „konfessionelle Stimmungsmache“ mitverantwortlich für die Tragödie gemacht hatten.

          Ringen um die Einheit der Nation

          In der Tat: Unabhängig davon, ob nun die sprichwörtlichen „ausländischen Elemente“ - in diesem Fall Al Qaida - hinter dem Anschlag steckten oder doch Täter aus Ägypten, markieren die 21 Todesopfer von Sidi Bischr den vorläufigen Tiefpunkt einer sich über die vergangenen Jahre aufschaukelnden muslimisch-koptischen Krise. Die omnipräsente Beschwörung der „nationalen Einheit“ ist ein verlässlicher Indikator dafür, dass diese längst nicht mehr selbstverständlich scheint. Das wiederum setzt auch die politische Führung unter Druck: Nicht nur galten die Kopten und insbesondere ihr Papst Schenuda III. bisher als zuverlässige Parteigänger der regierenden NDP. Die Kopten als eine der ältesten christlichen Kirchen und Nachfahren der Pharaonen sind auch Ausweis für das Selbstverständnis Ägyptens als einer einheitlichen, durch Geschichte und Geographie geprägten Nation.

          Dieses Selbstverständnis, so hat die Neujahrsnacht wieder einmal deutlich gemacht, ist jedoch höchst fragil. Und zwar nicht erst seit der voranschreitenden Islamisierung des Landes unter den Präsidenten Sadat und Mubarak - aber auch nicht allein aufgrund vermeintlich ewiger Spannungen zwischen Islam und Christentum. Der Blick in die moderne Geschichte Ägyptens zeigt, wie eng die Religionsproblematik mit der Entstehung des Nationalismus verbunden ist.

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