https://www.faz.net/-gqz-7goup

Ägyptens Muslimbrüder : Die Masken sind gefallen

  • -Aktualisiert am

Verbrannte Erde: der Raaba-Adawiya-Platz in Kairo nach der Räumung des Protestcamps der Muslimbrüder Bild: Giulio Piscitelli/contrasto/laif

Nach der Machtübernahme des Militärs steht Ägypten am Anfang eines Weges, der nicht für die Gründung eines Rechtsstaats geebnet ist. Bleiben am Ende nur Sehnsucht und Verlust?

          6 Min.

          Die Masken sind gefallen. Und viele Leute, die ich kenne, halten diese Demaskierung für einen äußerst wichtigen Schritt auf dem Weg zum Erfolg der ägyptischen Revolution. Die Ägypter haben während des vergangenen Monats jede politische Strömung sehr genau kennengelernt, ihre Konturen, ihre Stärke, ihre Ideologie, ihre Anhänger. Ganz deutlich ist das wahre Gesicht eines jeden politischen Akteurs, eines jeden Journalisten und Aktivisten erkennbar geworden. Alle wurden gezwungen, ihre Karten offenzulegen.

          Die Maske der Muslimbrüder, die ihnen das Aussehen einer nichtkonfessionellen, nicht den Anderen ausschließenden Gruppierung verleihen sollte, ist gefallen; die Maske derer, die angeblich an den demokratischen Staat glauben. Nun ist ihr wahres Gesicht zum Vorschein gekommen als eine religiöse Gruppierung, die nur sich selbst verherrlicht, die Ägypten verachtet und an der Errichtung eines islamischen Kalifatsstaats von Indonesien bis Marokko arbeitet. Zum Vorschein kam zum Beispiel auch die sogenannte fünfte Kolonne der Muslimbrüder. Und zum Vorschein kam Mohamed El Baradeis Gesicht, das viele seiner Parteianhänger enttäuschte.

          Ägypten ist von den Vereinigten Staaten kolonisiert

          In einer sehr alten und äußerst komplexen Gesellschaft wie der unseren war es eher unwahrscheinlich, dass diese Masken, die seit ewigen Zeiten getragen wurden, fallen könnten. Denn unsere Gesellschaft wird von jenen, die sie nicht kennen, für eine Gesellschaft von Lügnern, Heuchlern und Allzeitlächlern gehalten, und es bedarf eines scharfsinnigen Anthropologen, um zu erklären, wie ein so altes Volk verstanden werden kann.

          Auf internationaler Ebene haben die Ägypter jetzt die unverschleierte Bedeutung von ausländischer Einmischung kennengelernt. Viele reden offen darüber, dass Ägypten auf eine so dreiste Art von den Vereinigten Staaten kolonisiert ist, dass sie der britischen Kolonisation Ende des neunzehnten Jahrhunderts in nichts nachsteht, und dass Europa diese Kolonisation mit seiner althergebrachten Politik unterstützt. Noch vor wenigen Monaten sprachen die Ägypter nicht so. Auf den Demonstrationen von 2011 wurden Amerika und Europa überhaupt nicht erwähnt. Heute stellte ein Ägypter auf seiner Internetseite folgende Frage: „Wie lange würde es dauern, ein Fass, das mit einer amerikanischen Flagge bedeckt auf dem Tahrir-Platz steht, zu füllen, wenn wir von jedem Bürger, der mit der amerikanischen Politik gegenüber Ägypten unzufrieden ist, verlangen würden, hineinzuspucken?“

          Aus den Antworten ergab sich, dass dieses Fass die Quelle eines größeren Flusses als der Nil werden und in den Stillen Ozean münden würde. Denn jeden Tag werden von europäischen und amerikanischen Verantwortlichen aufgeregte Verlautbarungen für die Ägypter herausgegeben, und jede ist törichter als die andere.

          Das Bild Europas hat sich sehr verschlechtert

          Ich saß am 15. August im Zentrum von Kairo in einem Café, als der Nachrichtensprecher im Fernsehen verkündete, die italienische Außenministerin Emma Bonino halte es für wahrscheinlich, dass sich die Außenminister der EU in der kommenden Woche zusammensetzen würden, um über die Reaktion auf die Auflösung der Protestlager der Anhänger des ehemaligen Präsidenten Mohammed Mursi durch die ägyptischen Sicherheitskräfte am vergangenen Mittwoch zu beraten. Die Reaktionen der Kaffeehausbesucher waren aggressiv: „Was geht dich das denn an, du niederträchtiges Stück Vieh?“, „Wir werden die Kolonialmacht eigenhändig beenden!“, „Warum kommst du nicht her und lebst selbst in dem Viertel, in dem die bewaffneten Verbrecher einen Platz besetzen? Dann sehen wir ja, was du machen würdest!“

          Weitere Themen

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Topmeldungen

          Raus mit dem giftigen Schlamm: In diesem Hotel in Altenahr packen Freiwillige vom Helfer-Shuttle und Bundeswehrsoldaten gemeinsam an.

          Als Helfer im Flutgebiet : Wer hier war, findet keine Ruhe mehr

          Keller trocken legen, Müll wegschaffen und immer dieser Schlamm: Anstatt in den Urlaub zu fahren, ist unser Autor ins Ahrtal gereist. Freiwillige Helfer werden dort nach wie vor gebraucht. Aber es gibt auch Spannungen – mit der Polizei.
          Knöllchen werden in Innenstädten deutlich teurer.

          Hanks Welt : Knöllchen dürfen wehtun, nicht aber arm machen

          Der neue Bußgeldkatalog wird Falschparkern das Leben künftig zur Geldbeutel-Hölle machen. In den Städten wird es jetzt nämlich richtig teuer. Doch was sollte ein Knöllchen überhaupt kosten?
          Wer bekommt was vom großen Kuchen? Der Oetker-Konzern wird aufgeteilt.

          Familienstreit : Dr. Oetker lässt sich scheiden

          Der zerstrittene Oetker-Clan aus Bielefeld spaltet den Familienkonzern auf. Die Geschichte einer milliardenschweren Fehde in Ostwestfalen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.