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Ägyptens Muslimbrüder : Die Masken sind gefallen

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Verbrannte Erde: der Raaba-Adawiya-Platz in Kairo nach der Räumung des Protestcamps der Muslimbrüder Bild: Giulio Piscitelli/contrasto/laif

Nach der Machtübernahme des Militärs steht Ägypten am Anfang eines Weges, der nicht für die Gründung eines Rechtsstaats geebnet ist. Bleiben am Ende nur Sehnsucht und Verlust?

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          Die Masken sind gefallen. Und viele Leute, die ich kenne, halten diese Demaskierung für einen äußerst wichtigen Schritt auf dem Weg zum Erfolg der ägyptischen Revolution. Die Ägypter haben während des vergangenen Monats jede politische Strömung sehr genau kennengelernt, ihre Konturen, ihre Stärke, ihre Ideologie, ihre Anhänger. Ganz deutlich ist das wahre Gesicht eines jeden politischen Akteurs, eines jeden Journalisten und Aktivisten erkennbar geworden. Alle wurden gezwungen, ihre Karten offenzulegen.

          Die Maske der Muslimbrüder, die ihnen das Aussehen einer nichtkonfessionellen, nicht den Anderen ausschließenden Gruppierung verleihen sollte, ist gefallen; die Maske derer, die angeblich an den demokratischen Staat glauben. Nun ist ihr wahres Gesicht zum Vorschein gekommen als eine religiöse Gruppierung, die nur sich selbst verherrlicht, die Ägypten verachtet und an der Errichtung eines islamischen Kalifatsstaats von Indonesien bis Marokko arbeitet. Zum Vorschein kam zum Beispiel auch die sogenannte fünfte Kolonne der Muslimbrüder. Und zum Vorschein kam Mohamed El Baradeis Gesicht, das viele seiner Parteianhänger enttäuschte.

          Ägypten ist von den Vereinigten Staaten kolonisiert

          In einer sehr alten und äußerst komplexen Gesellschaft wie der unseren war es eher unwahrscheinlich, dass diese Masken, die seit ewigen Zeiten getragen wurden, fallen könnten. Denn unsere Gesellschaft wird von jenen, die sie nicht kennen, für eine Gesellschaft von Lügnern, Heuchlern und Allzeitlächlern gehalten, und es bedarf eines scharfsinnigen Anthropologen, um zu erklären, wie ein so altes Volk verstanden werden kann.

          Auf internationaler Ebene haben die Ägypter jetzt die unverschleierte Bedeutung von ausländischer Einmischung kennengelernt. Viele reden offen darüber, dass Ägypten auf eine so dreiste Art von den Vereinigten Staaten kolonisiert ist, dass sie der britischen Kolonisation Ende des neunzehnten Jahrhunderts in nichts nachsteht, und dass Europa diese Kolonisation mit seiner althergebrachten Politik unterstützt. Noch vor wenigen Monaten sprachen die Ägypter nicht so. Auf den Demonstrationen von 2011 wurden Amerika und Europa überhaupt nicht erwähnt. Heute stellte ein Ägypter auf seiner Internetseite folgende Frage: „Wie lange würde es dauern, ein Fass, das mit einer amerikanischen Flagge bedeckt auf dem Tahrir-Platz steht, zu füllen, wenn wir von jedem Bürger, der mit der amerikanischen Politik gegenüber Ägypten unzufrieden ist, verlangen würden, hineinzuspucken?“

          Aus den Antworten ergab sich, dass dieses Fass die Quelle eines größeren Flusses als der Nil werden und in den Stillen Ozean münden würde. Denn jeden Tag werden von europäischen und amerikanischen Verantwortlichen aufgeregte Verlautbarungen für die Ägypter herausgegeben, und jede ist törichter als die andere.

          Das Bild Europas hat sich sehr verschlechtert

          Ich saß am 15. August im Zentrum von Kairo in einem Café, als der Nachrichtensprecher im Fernsehen verkündete, die italienische Außenministerin Emma Bonino halte es für wahrscheinlich, dass sich die Außenminister der EU in der kommenden Woche zusammensetzen würden, um über die Reaktion auf die Auflösung der Protestlager der Anhänger des ehemaligen Präsidenten Mohammed Mursi durch die ägyptischen Sicherheitskräfte am vergangenen Mittwoch zu beraten. Die Reaktionen der Kaffeehausbesucher waren aggressiv: „Was geht dich das denn an, du niederträchtiges Stück Vieh?“, „Wir werden die Kolonialmacht eigenhändig beenden!“, „Warum kommst du nicht her und lebst selbst in dem Viertel, in dem die bewaffneten Verbrecher einen Platz besetzen? Dann sehen wir ja, was du machen würdest!“

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