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Ägyptens Muslimbrüder : Die Masken sind gefallen

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Chalid al-Chamissi, geboren 1962, lebt in Kairo, von wo aus der Journalist und Schriftsteller seit 2011 regelmäßig für uns über die Entwicklung der ägyptischen Revolution schreibt. Zuletzt ist auf Deutsch sein Buch „Arche Noah“ erschienen (Lenos-Verlag).
Chalid al-Chamissi, geboren 1962, lebt in Kairo, von wo aus der Journalist und Schriftsteller seit 2011 regelmäßig für uns über die Entwicklung der ägyptischen Revolution schreibt. Zuletzt ist auf Deutsch sein Buch „Arche Noah“ erschienen (Lenos-Verlag). : Bild: Markus Kirchgessner

Und so weiter und so fort mit weitaus böseren Beschimpfungen, die zu protokollieren sich für den Schreiber dieser Zeilen nicht ziemt. Danach verkündete das Fernsehen, Diplomaten am Sitz der Vereinten Nationen hätten bekanntgegeben, Frankreich, Großbritannien und Australien hätten gemeinsam die Forderung aufgestellt, dass so bald wie möglich eine Sitzung des Sicherheitsrats zu Ägypten einberufen werde. Von überallher waren lauthals die schlimmsten Beschimpfungen dieser Staaten zu hören. Ganz offenkundig hat sich das Bild Europas in der ägyptischen Bevölkerung bis zum Tiefpunkt verschlechtert, und jeder Beschluss, den ein ägyptischer Politiker gegen die Vereinigten Staaten und Europa fasste, würde die Popularität eben dieses Politikers sofort erhöhen.

Eine stürmische Sehnsucht nach der Nasser-Ära

Trotz der Demaskierungen arbeitet die ägyptische lügnerische Medienmaschine mit höchster Fertigkeit. Jede politische Strömung ist sich darüber bewusst, dass sie die Menge davon überzeugen muss, im Recht zu sein. Deshalb werden die Ägypter mit Bildern und Nachrichten bombardiert, die mehrheitlich erstunken und erlogen sind. Diese Propagandaoperationen haben indes die nicht zu leugnenden Vorzüge, dass sie den Ägyptern einen Impfstoff gegen schmutzigste Methoden populärer Politik gewähren.

Besonders bemerkenswert bei diesen Medienkampagnen ist derzeit jene, in der eine stürmische Sehnsucht für die Ära Gamal Abdel Nassers zur Schau getragen wird. Die Lieder der Sechziger sind genauso wieder im Radio zu hören wie Sätze wie „unser geliebter Abdel Nasser ... er ist unter uns, um zu uns zu sprechen“. Das Volk reagierte auf diese Kampagne, und inzwischen sieht man überall in den Straßen Bilder von Nasser. Sogar der Karren des Bohnenverkäufers unter meiner Wohnung trägt ein Bild von ihm. In den Gesprächen wird Sisi, der Verteidigungsminister, mit Abdel Nasser in Zusammenhang gebracht. Und alle lachen über den Gedanken, dass wir ganz unvermittelt in die fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückgekehrt sind. England und Frankreich berufen eine Sitzung gegen Ägypten ein, und während sich die ägyptisch-amerikanischen Beziehungen verschlechtern, verbessern sich die Beziehungen zu Russland. Und das Radio spielt Lieder, in denen der „Führer“ verherrlicht wird.

Sind die Muslimbrüder eine Terrorgruppe oder eine Partei?

Was kommt nach dem Fall der Masken? Die Hauptfrage lautet: Kann der Schlag, den der sich auf die Sicherheitskräfte stützende Militärstaat gegen die reaktionären religiös-faschistischen Kräfte geführt hat, die ägyptische Revolution unterstützen, indem er einen Hauptfeind der Revolution schwächt, nämlich die Muslimbrüder? Oder wird dieser Schlag den reaktionären Staat der Sicherheitskräfte so sehr stärken, dass der Fortgang der Revolution, die gerade dabei ist, ihre Kader herauszubilden, in Gefahr gerät?

Die zweite Frage lautet: Ist es richtig, dass die Muslimbrüder als eine terroristische Gruppe betrachtet werden, die außerhalb des Gesetzes steht? So zumindest stellte es sich sehr deutlich am 14. und 15. August dar, als 52 ägyptische Kirchen, Dutzende von christlichen Instituten und Schulen, etliche Polizeistationen, Rathäuser und Ministerien angegriffen, in Brand gesetzt oder zerstört wurden, als Zivilisten gequält und getötet und 43 Polizisten ermordet wurden. Oder muss man sie als legitime politische Gruppierung betrachten, die sich am allgemeinen politischen Leben beteiligen sollte?

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