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Adoptivkinder : Im Schilfkörbchen

Schauspielerin Angelina Jolie - hier in Peshawar - hat zwei Adoptivkinder Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Fünftausend Kinder wurden im vorigen Jahr in Deutschland adoptiert. Geht etwas in der Erziehung von Adoptivkindern schief, ist eine archaische und hochmoderne Erklärung zur Hand: die Macht des Blutes.

          6 Min.

          Adoptivkinder faszinieren. Im Hause Gerhard Schröder lebt seit einem guten Jahr Viktoria aus Rußland. Das Mädchen erscheint vielen interessanter als seine Stiefschwester Klara, jenes Kind aus Doris Schröder-Köpfs erster Ehe, das doch seinerseits ein paar Rätsel umwittern - denn nicht der väterlich sich gebende Gerhard Schröder ist Klaras Vater. Viktoria aber ist gewissermaßen in einem Schilfkörbchen in die deutsche Öffentlichkeit geschippert, und so fragt diese gespannt: Wie wird sich das russische Mädchen in der Familie des ehemaligen Bundeskanzlers entwickeln?

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Im Hause Willi Bogner nahm sich vor einigen Wochen der aus Brasilien stammende siebzehn Jahre alte Adoptivsohn Bernhard das Leben. Die Öffentlichkeit fragte aufgewühlt: Hatte der Selbstmord etwas mit der Tatsache zu tun, daß Bernhard Bogner adoptiert war?

          Welche Gene beeinflussen sein Handeln?

          Um das Adoptivkind ist ein Geheimnis. Woher stammt das angenommene Kind, welche Gene beeinflussen sein Handeln, welche frühkindlichen Erfahrungen prägen es? Wo das Fremde voller Liebe und manchmal auch mit unbändiger Willenskraft zum Eigenen gemacht wird, vermuten Außenstehende immer auch Risse: biologische, geographische, biographische. Diese Risse fallen oft mehr auf als die Nähte, die angenommene Kinder mit ihren Adoptiveltern verbinden.

          Alle glücklichen Familien ähneln einander - aber die vermeintlich oder tatsächlich unglücklichen Adoptivfamilien scheinen auf ganz andere Art unglücklich zu sein als andere unglückliche Familien. Geht in Adoptivfamilien etwas schief, kann ein zugleich archaisches und hochmodernes Erklärungsmuster greifen, das mit Blick auf leibliche Kinder nicht zur Verfügung steht: Das Kind sei eben nicht vom Fleisch und Blut der Eltern. Renate und Günther B. (alle Namen geändert) kennen diesen Satz gut: Als der Adoptivsohn mit fünfzehn anfing zu stehlen und die Adoptivtochter ein paar Jahre später im selben Alter schwanger wurde, sprachen ihn Freunde, Nachbarn und Menschen aus der Kirchengemeinde fast beruhigend aus, so, als nähme er den Eltern die Verantwortung für die Fehler ihrer Kinder, die sie doch als ihre eigenen angenommen hatten.

          Hohe Anpassungsgabe und Teamfähigkeit

          Obwohl sich der Paradigmenstreit des neunzehnten Jahrhunderts über Erbe und Umwelt, über Biologismus und Soziologismus längst zu einem Geflecht der Mischansätze verheddert hat, wird lebhaft über die vermeintliche Andersartigkeit adoptierter Kinder diskutiert und spekuliert. „Da werden spektakuläre Einzelfälle zur Generalthese vom zwangsläufigen Scheitern von Adoption aufgebauscht“, sagt der Sozialwissenschaftler Claus Leggewie, Mitautor eines Buchs über Adoptivkinder und selbst Adoptivvater. Sprechen die einen von psychischen Störungen, der Neigung zu Straftaten und früher Geschlechtsreife, verweisen andere auf die angeblich überdurchschnittliche Zahl von Adoptivkindern unter Olympiasiegern und loben die Anpassungsgabe und Teamfähigkeit dieser Kinder im späteren Beruf. Denn schließlich hätten sie nichts mehr gelernt als das: schnell mit ungewohnten Umweltbedingungen zurechtzukommen.

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