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Comic-Moloch Gotham : Wer den Ausnahmezustand beherrscht

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In der Hitze der Stadt: Heath Ledger als Joker in Christopher Nolans „The Dark Knight“ (2008) Bild: Allstar Picture Library

Vor achtzig Jahren erschien der erste Comic über Gotham: Heimat von Batman, Symbol von Chaos und Korruption. Rechtshistorische Gedanken zum Mythos dieser Stadt, die uns nicht schlafen lässt, weil ihre Konflikte an unsere erinnern. Ein Gastbeitrag.

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          Wer sich nach mehr als einem Jahr Pandemienotstand am Ende der Kräfte wähnt, sei getröstet: In Gotham City dauert der Notstand noch viel länger an. Achtzig Jahre schon herrscht er in Batmans Heimatstadt – und die Welt schaut zu, die Welt im fast buchstäblichen Sinn. Erstmals erwähnt im DC-Comics-Heft „Batman No. 4“, Winter 1940/41, lesen bis heute Menschen auf allen Kontinenten vom Schicksal des fiktiven Millionen-Molochs. Das Publikum, das Anteil daran nimmt, ist noch einmal viel größer geworden, seitdem die Stadt auch auf der Leinwand präsent ist. Allein die beiden letzten Filme der „Dark Knight“-Trilogie von Christopher Nolan spielten weltweit jeweils mehr als eine Milliarde Dollar ein.

          Dass immer neuen Generationen das Schicksal der erfundenen Stadt Gotham so nahegeht und sie es auf unser Leben im Hier und Jetzt beziehen, liegt wohl auch an den zwei Gesichtern dieser Stadt: Sie ist einerseits ganz zeitgenössische Metropole, bevölkert von gewöhnlichen Bürgerinnen und Bürgern. Andererseits ist Gotham eben dann doch in einem Ausmaß ungewöhnlich und unzeitgemäß, dass es unsere Phantasie in Beschlag nimmt. Wir glauben, das alles zu kennen – und werden zugleich fortwährend überrascht, nie ganz sicher, ob die kunstvoll ersonnenen Katastrophen demnächst auch uns ereilen werden. Und was Katastrophen anbelangt, kann man gar nicht einfallsreich genug sein, wie die Realität der letzten Jahre gezeigt hat, die Corona-Pandemie ist da nur die aktuellste.

          „Gotham“ steht für den Ausnahmezustand in Permanenz, für die Herrschaft des Verbrechens, für unvorstellbares Staatsversagen. Aber es steht auch für den Triumph eines republikanischen Heroismus, wie ihn der prominenteste Bürger der Stadt, Bruce Wayne alias Batman, praktiziert. Stellt sich die Frage, was das spezielle Flair, was das Eigentümliche dieses Gemeinwesens Gotham ausmacht – und welche kollektiven Phobien es sind, die hier zum Ausdruck kommen.

          In der Antike signalisierte die Zerstörung, Beschädigung oder Entweihung kultischer Stätten nicht selten eine maximale Bedrohung für den Bestand von Staat und Gesellschaft. Was nahezu jede Maßnahme rechtfertigte – selbst wenn aus objektiver militärischer oder polizeilicher Perspektive die Tat gar nicht so bedeutend war. Sie wurde es allein aufgrund des symbolischen Wertes des gefährdeten Objekts.

          Die Welt des 20. und 21. Jahrhunderts liegt so gut wie die des Altertums in einem symbolischen Kraftfeld. Als im Januar dieses Jahres die Anhänger Donald Trumps das Kapitol in Washington stürmten, hielten sie die Vereinigten Staaten und die ganze Welt in Atem. Nicht die Schäden am Mobiliar und an Leib und Leben des Wachpersonals waren das Unerhörte, sondern der Vorgang als solcher: Das unautorisierte Eindringen lärmender Rowdys in das Allerheiligste der amerikanischen Demokratie, noch dazu in teils absonderlichen Kostümen.

          In Gotham sind es vor allem zwei ikonische Orte, die immer wieder in das Fadenkreuz von Kriminellen und Terroristen geraten: Blackgate Prison, die berüchtigte Strafanstalt. Und Arkham Asylum, die noch berüchtigtere städtische Psychiatrie, wo in den Comics seit 1974 Schurken wie der Joker und Two-Face verwahrt werden.

          Verstörend wirken diese Gebäude, weil sie die latente, von Gerüchten und Mutmaßungen befeuerte Angst vor den sozial entwurzelten Insassen repräsentieren – und ebenso das schlechte Gewissen einer Bürgerschaft, die sich der Integrität ihrer Justiz nicht sicher ist. Es sind toxische Orte im Herzen einer labilen Republik. Versagen die Schutzvorrichtungen, die Herrschende und Ausgestoßene voneinander trennen, kommt es zur ultimativen Katastrophe.

          Der psychologische Effekt, der mit einem plötzlichen Kontrollverlust einhergeht, hat schon mehrfach Weltgeschichte geschrieben: Man denke nur an den Sturm auf die Festung Bastille am 14. Juli 1789 oder die Eroberung des Kresty-Gefängnisses in St. Petersburg während der Februarrevolution 1917.

          Was Batman und seine Feinde gleichermaßen kennzeichnet, das ist, wie sie die gängige Symbolik von Gut und Böse zurückweisen beziehungsweise umkehren: Batman, der wohltätige, gute Ritter, trägt schwarz, während der Joker seine Untaten als weiß-rot geschminkter Clown verübt. Aber vielleicht noch auffälliger und prägender als die Camouflage ist die systematische symbolische Inversion von Architektur und urbanen Erlebniswelten.

          Anschläge auf zivile Rückzugsräume

          Die Superschurken wählen für ihre Anschläge gezielt solche öffentlichen Räume aus, die den von Gewalt und sozialer Misere geplagten Bürgern Gothams als innerstädtische Oasen und Rückzugsräume dienen, die es ihnen erlauben, einige unbeschwerte Stunden Auszeit von den Zumutungen des Alltags zu nehmen: Zoo, Zirkus, Stadion, Museum, botanischer Garten.

          Man platziert das Grauen ausgerechnet im innersten Sperrbezirk der Unschuld, in dem unantastbaren, tabuisierten Kernbereich, dem heiligen Hain kultivierter Geselligkeit, oft weil die Täter, wie der Joker, in ihrer gewalttätigen Kindheit solche Räume nicht kannten und entbehren mussten. Bis hierher und nicht weiter, möchte man den Bösen zurufen: Wenn ihr Kasernen, Bars, Tankstellen, Bahnhofstoiletten oder Fabrikhallen zur Bühne eurer Verbrechen machen wollt, ist das schlimm genug, aber verschont die Herzkammern der Humanität! Es gibt Grenzen, die auch ihr beachten müsst, respektiert den stillschweigenden Minimalkonsens der zivilisierten Völker!

          Doch ein Gewissen haben die Schurken nicht, nur einen hoch entwickelten Sinn für die Logik der Eskalation. Also stürmen sie die geweihten Tempel, verunstalten Kunstwerke von unschätzbarem Wert, als wären es verrostete Mülltonnen und werfen zur Weihnachtszeit Handgranaten in Spielwarengeschäfte. Ihre Taten tragen nur eine Botschaft in sich: Vergesst die lächerliche Kriminalität auf euren Straßen, das hier, erst das hier, ist der Ausnahmezustand!

          Die Opfer als Täter

          Und als sei das alles noch nicht genug, droht Gotham in regelmäßigen Abständen die totale Vernichtung. Entweder durch die Atombomben der Ra’s-al-Ghul-Jünger, die Eiskanone des Mr. Freeze oder sonstige Höllenmaschinen. Der Mythen- und Legendenschatz der westlichen Zivilisation ist reich an Berichten über das gewaltsame Ende großer urbaner Zentren. Die Verwüstung Sodoms und Gomorras, der Untergang Babylons und Trojas, die Vernichtung Karthagos und Jerusalems, schließlich der Kampf um Rom in der Spätantike: Wer sich die Fälle vergegenwärtigt, wird aber feststellen, dass diejenigen, die das Unglück erleiden, fast immer im Ruf stehen, weit eher Täter als Opfer zu sein. An ihnen statuieren Gott oder die Götter, das Schicksal, die Geschichte, der Weltgeist ein Exempel, nehmen blutige Rache für Ungehorsam, Verkommenheit, Frevel. Ein Fanal soll von der Katastrophe ausgehen, späteren Generationen zur Warnung.

          Dekadenz ist ein so unvermeidlicher Bestandteil jeder Untergangserzählung, dass für eine Metropole, die sich mit Angriffen auf ihre wichtigsten Bauten konfrontiert sieht, unendlich mehr auf dem Spiel steht als das nackte Dasein. Eine Stadt, die gegen ihre Zerstörung kämpft, kämpft auch immer für ihren Platz in der Geschichte, für ihre Legitimation, ihre Existenzberechtigung damals und heute, für das Recht, als Ort gelungenen Lebens in Erinnerung zu bleiben. Eine Stadt, die sich zerstören lässt, setzt sich und rückwirkend alle, die sie je bewohnten, ins Unrecht. Das steigert den Einsatz ins Unermessliche.

          Die Bürger Gothams brauchen also das, was man heute Resilienz nennt, und Institutionen, die sie vor dem Schlimmsten bewahren. Denn von außen ist Hilfe kaum zu erwarten.

          Zwar gehört die Stadt Gotham, nach gängiger Lesart, rechtlich zu den Vereinigten Staaten, und auf ihren Straßen finden sich Menschen aus allen Ländern. Aber nationale oder internationale Solidarität, wenn es eng wird in Gotham, bleibt aus. Ein Stadtplan, den der Comic-Zeichner Eliot R. Brown im Jahr 1998 entworfen hat, weist Gotham in Anlehnung an New York zudem als Insel(gruppe) aus, wie Platons Atlantis und Mores Utopia, mit der charakteristischen „insularen“ Selbstbezogenheit. Bei Bedarf lassen sich zudem die Tunnel und Brücken sprengen, die Gotham mit dem Festland verbinden, damit auch noch der Letzte kapiert, dass wir es mit einem Stadtstaat geradezu klassischen Zuschnitts zu tun haben.

          Christian Bale verkörpert Bruce Wayne als Batman in einer Szene von „The Dark Knight Rises.“
          Christian Bale verkörpert Bruce Wayne als Batman in einer Szene von „The Dark Knight Rises.“ : Bild: dapd

          Wer soll, wer kann in dieser auf sich selbst gestellten Republik in Notlagen das Heft in die Hand nehmen? Gothams reguläre Institutionen jedenfalls nicht. Sie geben ein jämmerliches Bild ab. Die Polizei wird noch nicht einmal mit der normalen Kriminalität fertig, erst recht nicht mit intellektuell und materiell überlegenen Superschurken. Politik und Verwaltung, soweit durch innere Konflikte nicht ohnehin gelähmt, müssen sich in komplizierten Verfahren mühsam abstimmen und reagieren folglich auf Bedrohungen meistens viel zu spät.

          Die Lage stellt sich in etwa so dar, wie sie Machiavelli mit Blick auf die Republiken des Altertums und der Renaissance beschrieb. Der gewöhnliche Gang der Geschäfte sei zu langsam, klagte er, so entstehe die größte Gefahr, wenn man einer Sache abhelfen müsse, die keinen Aufschub dulde. Daher empfahl der Florentiner, für solche Eilfälle in der Verfassung die Diktatur vorzusehen.

          Diktatur für sechs Monate

          Wobei er darunter das gleichnamige Institut des römischen Rechts verstand und nicht das, was wir heute gewöhnlich darunter verstehen, nicht Tyrannis, nicht Despotie, nicht Cäsarismus. Die Diktatur gehörte in Rom zu den Obermagistraturen. Die Ernennung zum Diktator kam nur unter bestimmten Voraussetzungen in Betracht, insbesondere im Krieg und bei inneren Unruhen. Die Dauer war auf sechs Monate begrenzt.

          Und Gotham tut in Gefahr genau das, was Machiavelli als Gegenmaßnahme, als „römische“ Lösung empfiehlt: Der Magistrat bestimmt einen vertrauenswürdigen, fähigen Bürger der Stadt zum Retter des Vaterlandes, der in Zeiten der Not die zur Überwindung der Not erforderlichen Maßnahmen ergreift. Das geschieht, indem ein Repräsentant der Bürgerschaft auf das Dach des Polizeipräsidiums steigt, dort einen Scheinwerfer betätigt und so, per Lichtspiel, der Fledermaus einen Hilferuf und damit den Auftrag Gothams übermittelt.

          Nach getaner Arbeit zieht sich der Retter Batman blitzschnell wieder zurück. Entledigt sich der Rüstung und aller Bürden und lebt als Privatier Bruce Wayne auf seinem weitläufigen Anwesen am Stadtrand.

          Eine Schlüsselszene der „Dark Knight“-Trilogie stützt diese Interpretation: Im Streitgespräch zwischen dem Bezirksstaatsanwalt Harvey Dent und seiner Freundin Rachel zweifelt die Batmans demokratische Legitimation an. Dent hingegen nimmt entschieden Partei für den dunklen Ritter und stellt ihn ausdrücklich in die Tradition der altrömischen Diktatur.

          Aus amerikanischer Perspektive ist ein solches Bekenntnis weit weniger überraschend als es den Anschein hat. George Washington, der sofort nach dem Ende des Unabhängigkeitskriegs den Oberbefehl über die Kontinentalarmee abgab und sich auf sein Landgut Mount Vernon zurückzog, galt als eine Art Wiedergänger des Cincinnatus: Das war eine von Legenden umwölkte altrepublikanische Lichtgestalt aus dem 5. Jahrhundert vor Christus. Auf seinem Acker jenseits des Tibers zum Diktator berufen, erledigte Cincinnatus die ihm übertragene Aufgabe in der Rekordzeit von sechzehn Tagen und blieb keine Stunde länger im Amt. Die Cincinnatus-Washington-Folklore ist bis heute in den Vereinigten Staaten präsent.

          Die Pflichten des Republikanismus

          Der so verstandene Republikanismus stellt eher die Pflichten als die Rechte des Einzelnen in den Mittelpunkt. Er propagiert als Leitbild den engagierten Bürger, der sich in die Angelegenheiten des Staates einmischt, wenn es darauf ankommt. Sieht in Korruption, Gier und Machtmissbrauch die größten Laster und in Verantwortungsbewusstsein, Unbestechlichkeit und Selbstbeschränkung die größten Tugenden. Überhaupt sind es Tugend und persönliche Tüchtigkeit, die griechische Arete, die römische virtus, die florentinische virtù, um die sich alles dreht. Der Republikanismus steht damit zwar nicht in einem direkten Gegensatz zum Liberalismus, setzt aber andere Akzente.

          Ihn schon deshalb als reaktionär zu verdammen oder erst gar nicht zur Kenntnis zu nehmen, wäre ein Fehler. Der amerikanische Philosoph Robert Pippin hat vor einiger Zeit die berechtigte Frage gestellt, ob es die Gegenwart mit ihrem Faible für Legitimationsprobleme nicht etwas übertreibe und darüber das Geschäft der politischen Psychologie vernachlässige. Welche politischen Regime und Staatsformen welche seelische Konstitution erfordern, sollte uns auch heute interessieren.

          Jake Angeli erstürmt das Capitol von Washington, 6. Januar 2021
          Jake Angeli erstürmt das Capitol von Washington, 6. Januar 2021 : Bild: dpa

          Die Schwachstelle des republikanischen Heroismus darf allerdings dadurch nicht aus dem Blick geraten. Mit dem freiwilligen Rückzug nach getaner Arbeit ist es nämlich so eine Sache. Nicht nur, dass dieser Rückzug dem siegreichen Helden das Eingeständnis abverlangt, nunmehr überflüssig zu sein. Wenn die Bürgerschaft Gefallen an ihrer Machtlosigkeit gefunden und sich behaglich in diesem Zustand eingerichtet hat, wird sie ebenfalls nur allzu gerne die Dinge laufen lassen.

          Doch das ist keine Option. Wer sich nur als Spielball von Göttern und Superhelden begreift, stellt eine der wichtigsten Errungenschaften der griechischen und römischen Antike zur Disposition: die Entdeckung der Politik als selbstbestimmtes Handeln.

          Hoffen wir also, dass Batmans Mitbürgerinnen und Mitbürger immer wieder einen Weg hinausfinden aus dem Labyrinth der Selbstentmündigung. Hoffen wir, dass der Wille zum Ausnahmezustand, der offenkundig auch die Anhänger des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten bei der Erstürmung des Kapitols beseelt hat, sich nicht noch weiter verselbständigt. Und mit ihm die Versuchung, die Voraussetzungen eines Notstands erst zu schaffen, den man zu verhindern vorgibt. Gotham City soll ja auch die nächsten achtzig Jahre noch weiter in Schönheit untergehen können.

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