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Social Shaming in der Pandemie : Warum wir unsere Mitmenschen an den Pranger stellen

  • -Aktualisiert am

Wie macht man es richtig? Abstandsregeln und Maskenpflicht dürfen nicht zu Instrumenten sozialer Kontrolle werden. Bild: Cabrera Rojas, Diana

Auf die Einschränkung des Alltags im Kampf gegen die Pandemie reagieren viele Menschen mit übertriebener sozialer Kontrolle. Dagegen hilft nur eines: Anstand.

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          Es gibt einen neuen Volkssport. Im Englischen heißt er „social distancing shaming“, auf Deutsch könnte man ihn Abstandsscham nennen. Das Phänomen wird in Zeitungen beschrieben, in Blogs kommentiert und auf Twitter geteilt. Es ist das alte Lied im neuen Gewand: Menschen stellen Mitmenschen bloß, die sich ihrer Meinung nach nicht an Regeln halten, um auf diese Weise Konformität zu erzwingen. Der Beschämte soll sich schämen und sein Verhalten ändern.

          Meistens geht es um den Regelabstand von zwei Metern, den wir in der Öffentlichkeit einhalten sollen, um eine Tröpfcheninfektion mit dem Coronavirus zu vermeiden. Viele richten sich danach, und insgesamt gehen Bürgerinnen und Bürger beeindruckend diszipliniert mit den staatlichen Vorgaben um. Aber es gibt, wie immer, schwarze Schafe. Sie werden von anderen, die stets alles richtig machen, öffentlich zur Rede gestellt – und manchmal auch an den Pranger.

          Die Beispiele sind bereits jetzt Legion. Manche Zeitgenossen schimpfen und keifen, einige nehmen das Messband heraus oder finden andere ausdrucksstarke Wege, das zu rügen, was sie als Gefährdungsverhalten wahrnehmen. Eltern, die ihre Kinder nicht an der Leine führen, werden vorwurfsvoll zurechtgewiesen, am liebsten von älteren Spaziergängern mit Hund. Jogger ernten böse Blicke und harte Worte, wenn sie Passanten nicht weiträumig ausweichen. Manche Nachbarn und Eltern unterrichten einander auf Internetplattformen, wer sich wieder mal daneben benommen hat, oder hängen entsprechende Informationen plakativ ins Fenster. In den Dörfern der Müritz und an der deutschen Ostseeküste spielen Bürger Polizei und verscheuchen jene, die ihren ersten Wohnsitz woanders haben.

          Im Prinzip steht jeder unter Verdacht

          Im Prinzip steht jeder und jede unter Verdacht: Wie oft geht sie einkaufen? Wie häufig führt er den Hund aus? Muss sie jeden zweiten Tag joggen? Befinden sich Personen in seiner Wohnung, die dort nicht hingehören? Bekommt der alte Vater Geburtstagsbesuch von Kindern oder Enkeln? Alle beobachten einander, manche häufiger und genauer als andere. Und sie nutzen das Internet und die sozialen Medien, um ihre Beobachtungen weiträumig mitzuteilen.

          Ein solches Verhalten ist nicht neu. In den letzten Jahren hat sich das, was im Englischen „social shaming“ genannt wird, verbreitet und ausgedehnt. Wer in den Augen der Mitmenschen zu dick ist, als Frau zu viele sexuelle Kontakte hat, die falsche Kleidung trägt, zu schnell auf der Autobahn fährt oder trotz Wassermangel den Rasen sprüht, wird öffentlich vorgeführt. 2019, als die Klimadebatte an Fahrt aufnahm, sind „Flugscham“, „Plastikscham“, „Fleischscham“, „Autoscham“ oder „Kinderscham“ hinzugekommen. Bilder, auf denen man die Objekte der Verachtung bloßstellt, werden auf Facebook und Online-Plattformen gepostet.

          Oft steht Schadenfreude dahinter, die schiere Lust an der Demütigung anderer, die die eigenen Mängel und Versagensängste vergessen macht. Immer häufiger aber wirft sich Beschämung ein politisch-moralisches Mäntelchen über. Oder besser: Sie hüllt sich in den Königsmantel der überlegenen Moral. Im vergangenen Jahr war es die drohende Klimakatastrophe, die alle Formen öffentlicher Beschämung rechtfertigte. Wer zu viel CO2 verursachte, ob als SUV-Fahrerin, Fluggast, Nicht-Vegetarier oder Paar mit Elternwunsch, bekam die Missbilligung der Klimaschützer hautnah zu spüren. Heute ist es der Schutz der Gesundheit, der den moralischen Zeigefinger wachsamer Mitbürgerinnen und Mitbürger adelt.

          Der Pranger als soziale Dimension der Strafe

          Was ist daran falsch und anstößig? Haben Wachsamkeit und „finger pointing“ nicht auch ihr Gutes? Zeugen sie nicht geradezu von einer aktiven Zivilgesellschaft, die ihre Belange selber in die Hand nimmt, statt sie dem Staat und der Polizei zu überantworten? Ist nicht jeder, der einen anderen auf sein Fehlverhalten hinweist, ein guter Bürger, der das Gemeinwohl vor Schaden bewahrt?

          So praktizierten es schon die Dorfgemeinschaften der Frühen Neuzeit, die sich das Recht herausnahmen, Einwohner, die gegen die guten Sitten verstießen, öffentlich zu tadeln. So sahen es auch die Gewerkschaften des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts, die Streikbrecher an den Pranger stellten oder missliebige Bosse an den symbolischen Galgen wünschten. Nazis trieben Liebespaare durch die Straßen, die angeblich die „deutsche Ehre“ beschmutzten. Die RAF schließlich demütigte 1977 Hanns Martin Schleyer, indem sie dem Arbeitgeberpräsidenten durch ein Schild als „Gefangenen“ auswies, dem ein revolutionärer Urteilsspruch bevorstand – ausgesprochen von der militanten Avantgarde des vom Kapitalismus geknechteten Volkes.

          Solche Praktiken in Volkes Namen bedienten sich bei den klassischen Schand- und Ehrenstrafen. Pranger, Auspeitschungen und Brandmarkungen gehörten seit dem späten Mittelalter zum Strafarsenal der Obrigkeit. Sie ergänzten das materielle Strafmaß und fügten ihm eine soziale Dimension hinzu, die die Einheit von Obrigkeit und Volk demonstrieren sollte. Dass Übeltäter vor allen Augen gerichtet wurden, ließ das Volk an diesem Gericht teilhaben und bestärkte die Geltung der verletzten Normen, Regeln und Gesetze. Einer ähnlichen Logik folgte die Kirchenbuße, die gleichfalls mit Praktiken sozialer Beschämung und Bloßstellung arbeitete.

          Wenn solche Praktiken aus der Hand des Staates und der Kirchen in die Hände ganz normaler Männer und Frauen übergingen und Instrumente der „Volksjustiz“ wurden, könnte das als Ausdruck ihrer Demokratisierung erscheinen. In der Tat gibt es Stimmen, die öffentliche Beschämungen als bürgerschaftliche Gegenwehr gegen jene empfehlen, die dem Gesamtinteresse schaden. „Bring on the shame“, forderte jüngst ein kanadischer Journalist. Es gehe schließlich um Leben und Tod, und wer nicht hören wolle, müsse eben fühlen.

          Aber das Argument hat seine Tücken – und kam in der Leserschaft auch nicht gut an. Die sich zu selbsternannten Richtern über das Verhalten anderer machen, kultivieren eine denunziatorische Blockwartmentalität, die einer demokratischen Gesellschaft unwürdig ist. Denn Demokratie beruht nicht auf Misstrauen und der Beobachtung aller durch alle, sondern auf dem wechselseitigen Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger. Anstand spielt dabei eine große Rolle und übersetzt sich in höfliche Rücksichtnahme und Unschuldsvermutung. Das ist das genaue Gegenteil dessen, was Heinrich Hoffmanns Bilderbuch von 1845 predigte: „Sieh einmal, hier steht er, Pfui! der Struwwelpeter!“ Mit ausgestrecktem Finger auf andere zu zeigen, wird Kindern heute nicht mehr als Tugend beigebracht, sondern gilt als Übergriff.

          Auf Beschämung reagieren die meisten mit Trotz

          Das schließt nicht aus, Kritik zu üben. Wem ein bestimmtes Verhalten im öffentlichen Raum unangenehm auffällt, der kann den Verursacher darauf hinweisen. Das mögen urinierende Männer sein oder distanzlose Teenager. Kritik ist möglich und sinnvoll, aber sie soll freundlich und zurückhaltend vorgebracht werden. Und sie soll unter vier Augen stattfinden, ohne Publikum. Damit verliert sie die Beschämungsqualität, die jeder öffentlichen Zurechtweisung eigen ist, und gewinnt an Eindringlichkeit. Denn auf Beschämung reagieren die meisten nicht mit einer Änderung ihres Verhaltens, sondern trotzig und abwehrend. Wer mit Anstand Abstand einfordert, kommt seinem Ziel näher als jemand, der sich als Retter der Volksgesundheit in die Brust wirft und lautstark jene anklagt, die sie vorgeblich gefährden.

          Im „Dritten Reich“, aber auch in der frühen DDR rief man schamlos zur Denunziation von „Volksschädlingen“ auf. Darüber sollten Demokraten erhaben sein – auch in der jetzigen Krise, die, wie immerzu betont wird, alles je Dagewesene in den Schatten stellt. In der Tat verlangt sie ein hohes Maß an Verzicht und Selbstbeschränkung. Dass Menschen auf diesen Zwang auch zwanghaft reagieren, ist nicht verwunderlich. Woran ich mich selber halten muss, das soll gefälligst auch anderen zur Richtschnur dienen. Die ungewohnten Umstände, verbunden mit viel freier Zeit, fördern eine Überwachungsmentalität, die Frustration mit Bestrafungsphantasien koppelt. Das ist die andere, hässlichere Seite der auf Disziplin, Eigenkontrolle und Solidarität setzenden Bürgerlichkeit, die wir in Zeiten der Pandemie einüben und weitgehend erfolgreich praktizieren. Dagegen hilft nur eines: Anstand. Manche nennen es Zivilisation.

          Ute Frevert ist Direktorin des Forschungsbereichs „Geschichte der Gefühle“ am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

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