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Nach einem Semester : Abschied von Hongkong

  • -Aktualisiert am

Demonstranten am Donnerstag in Yuen Long, Hong Kong Bild: Reuters

Zuerst dachten wir, wir müssten uns nur fernhalten: Erinnerungen an den utopischen Glanz Hongkongs, den Lärm und das Leben, das zweifelhafte britische Erbe – und ein letzter Blick aus dem 17. Stock in Sheung Wan. Ein Gastbeitrag.

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          Ich schreibe diese Zeilen an meinem letzten Tag in Hongkong. Eigentlich wollten meine Familie und ich erst im Dezember abreisen. Aber die Lage hat sich drastisch verschlechtert. Im Hintergrund laufen die neuesten Nachrichten: Brennende Ziegelsteine. Wasserwerfer. Mit Pfeil und Bogen bewaffnete Vermummte. Polizisten prügeln sich mit einer Gruppe Protestierender, die Gasmasken, Ninja-Kluft und Regenschirme tragen.

          Meine Frau und meine Tochter haben bereits die Stadt verlassen. Ich bin noch einen Tag länger hier, wegen letzter Erledigungen. In den vergangenen zweieinhalb Monaten war meine Frau ein Semester lang Gastprofessorin an der Hong Kong University, während ich Vorträge gegeben und Lesungen gehalten habe. Die heftigsten Ausschreitungen seit langem finden nun gerade an den Universitäten statt. Die meisten Protestierenden sind Studenten. Einige von ihnen haben uns ihr frisch verfasstes Testament gezeigt. Sie sind fest entschlossen, für „die Sache“ ihr Leben zu geben.

          Ich hoffe, dass die Route zum Flughafen frei bleibt. Wenn ich Sirenen höre, sehe ich aus dem Fenster. Unsere Wohnung befindet sich im 17. Stock eines Hochhauses, umringt von anderen Betonriesen. Mehr Lichter als sonst brennen in den anderen Gebäuden. Die Leute bleiben zu Hause. Das habe ich in zehn Wochen nie so erlebt, nicht einmal an einem Sonntagabend. Vor unserem Gebäude befindet sich der Dried Fish Market. Dort ist eigentlich immer etwas los. Verkäufer preisen plattgedrückte Schildkröten und getrocknete Seepferdchen an. Die Tram, das charmanteste Fortbewegungsmittel Hongkongs und ein Überbleibsel aus längst vergangener Kolonialzeit, kündigt sich mit lautem Gebimmel und Donnern an. Selbst im 17. Stock entkommt man dieser Geräuschkulisse nicht. Normalerweise. Umso bedrückender ist die Stille heute.

          Niemand scheint sich daran zu stören

          Ich bedaure es sehr, der Stadt den Rücken kehren zu müssen. Noch vor wenigen Wochen schien die Situation relativ stabil. Meine Frau und ich stellten gleich nach unserer Ankunft fest: Wenn man sich von den Brennpunkten der Proteste fernhielt und keine Nachrichten schaute, schien die Stadt friedlich. Ich schickte beruhigende Botschaften an Familie und Freunde in der Ferne. Das Leben ging weiter. Wir lernten Hongkong kennen.

          Einen wesentlichen Teil meiner Zeit verbrachte ich auf den zahlreichen Spielplätzen der Stadt. Dort war ich als Vater stets in der Minderheit. Viele Kinder werden von ihren philippinischen Kindermädchen begleitet. Besonders an Wochenenden wird deutlich, dass Abertausende Philippinerinnen in der Stadt leben. Sie üben Tanzchoreographien, machen Karaoke mit Lautsprechern so groß wie Kühlschränke, breiten ihre Decken aus und picknicken an U-Bahn-Stationen, Treppenaufgängen, Denkmälern. Niemand scheint sich daran zu stören. Sie gehören zum Stadtbild wie die rüstigen Männer, die halbnackt in der Sommerhitze entlang des Victoria Harbour joggen, oder die Lieferanten mit ihren Metallkarren, die sich als Einzige nicht um Verkehrsregeln scheren.

          Schwesterstädte kolonialer Ausbeutung

          Trotz diesem Maß an Toleranz ist Hongkong nicht frei von Rassismus. Als weißer Mann hatte ich es oft einfacher. Ging meine Frau mit unserer Tochter zum Spielplatz, wurde sie wiederholt von anderen Eltern kaum wahrgenommen oder gar ignoriert. Aufgrund ihrer dunkleren Hautfarbe hielt man sie für ein Kindermädchen. Das koloniale Erbe durchdringt die Stadt. Die meisten Produkte in den Supermärkten sind aus Großbritannien und den Vereinigten Staaten importiert und dementsprechend teuer. Sechs Scheiben billiges Toastbrot kosten umgerechnet 3 Euro. Es herrscht ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Importen aus Festland-China. Wahre Qualität, heißt es immer wieder, sei nur im Ausland erhältlich.

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