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Abschied von der Utopie : Die digitale Kränkung des Menschen

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Eine ostdeutsche, sich hyperrational gebende Machtkanzlerin, Vorsitzende einer traditionell transatlantisch orientierten, konservativen Partei schleudert einem US-Präsidenten erbost einen Stasi-Vergleich ins Ohr. Da ist keine Steigerung mehr möglich. Das allein ist Ausweis einer kaum zu überschätzenden Kränkung der Politik. In Demokratien bedeutet Politik, Macht auszuüben durch Verhandlung. Diese Macht hat sich rückwirkend als beschädigt herausgestellt, die Verhandlungen als Farce, weil die Gegenseite morning briefings hatte oder hätte haben können, „Die zehn geheimsten Sätze aus Merkels Telefonaten“.

Eine perverse Situation, in der man als Staatsbürger hoffen muss, dass Merkel am Handy nie etwas sagte, was sie erpressbar macht. In dunklen Momenten bleibt ein Zweifel: Was, wenn Merkels Beschwichtigungen des Spähskandals so zustande gekommen wären? Stets habe ich hart gegen Verschwörungstheoretiker argumentiert, und jetzt lässt sich eine eventuelle Erpressbarkeit der jahrelang abgehörten Bundeskanzlerin nicht mehr als absurd ausschließen. Was für unglaublichen Pfosten bin ich im Netz begegnet, und aus heutiger Sicht war ihre Position zur Überwachung näher an der Realität als meine.

Die tiefste Kränkung hat die Netzgemeinde erfahren

Die Kränkung der Wirtschaft besteht in der Aushöhlung ihrer Erfolgsversprechen. Leistung! Geistiges Eigentum! Innovation! Deren Essenz ist ein Wissensvorsprung, und diesen vermeintlichen Vorteil hat die Spähmaschinerie in den luftleeren Raum der Unsicherheit befördert. Zum gesetzlichen Auftrag der britischen Geheimdienste gehört explizit das „economic well-being“ der heimischen Wirtschaft, auch die US-Dienste bekennen sich zur „Sammlung von Wirtschaftsinformationen“.

Geheimdienste betreiben entgegen vieler Beteuerungen gezielte Wirtschaftsspionage. Schon das Wissen darum, im Zweifel kein Geschäftsgeheimnis bewahren zu können, kränkt. Und es schürt ökonomisch destruktives Misstrauen. Eine internationale Ausschreibung ist nicht mehr das Gleiche, wenn Instrumente existieren, die fast jede Sicherheitsmaßnahme aushebeln können und einige Konzerne zumindest viel näher an diesen Instrumenten dran sind. Wie sehr dürfte eine Reihe europäischer Unternehmer schmerzen, dass sie ihre IT-Systeme auf praktische, hocheffiziente, billige Cloudlösungen umgestellt haben, über die sie jetzt in der Zeitung lesen, was sie niemals lesen wollten. Weil Kränkungen stets eine Position der Schwäche offenbaren, waren sie zudem wirtschaftshistorisch oft Vorzeichen einer Abkopplung. Tatsächlich verpasst die hiesige Wirtschaft im Netz den Anschluss. Audi etwa plant, Googles Android zum Autobetriebssystem zu machen. Durchaus eine Parallele zur fatalen IBM-Entscheidung von 1980, Microsoft die Kontrolle über das in Auftrag gegebene Betriebssystem MS-DOS zu lassen. Der damals führende Hardware-Hersteller hatte die Macht der Software unterschätzt, so wie jetzt die Macht der Vernetzung unterschätzt wird.

Die Kränkung, das Bewusstsein, dass man hintergangen wurde und Fehlentscheidungen getroffen hat, wird sich weiter durch die Gesellschaft fressen. Die tiefste Kränkung aber hat eine Gruppe erfahren, der ich angehöre: die Netzgemeinde, die Hobby-Lobby für das freie und offene Internet, vielleicht dreißigtausend Leute in Deutschland. Sie ist nicht zufällig entstanden, eher aus Notwehr, weil über Jahre das Ausmaß des Internetunfugs kaum auszuhalten war, sowohl in der Politik wie auch in vielen traditionellen Medien. Bei aller Diffusität liefert die Netzgemeinde einen nicht unwichtigen Teil des digitalen Diskurses. Weniger über die eigene Reichweite, sehr wohl aber per Agenda-Setting: Die Netzgemeinde kann Themen setzen, über die dann massenmedial berichtet wird.

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