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Abschied von der Utopie : Die digitale Kränkung des Menschen

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Das ist doch übertrieben, den Fisch nimmt die Trockenlegung des Tümpels halt etwas mehr mit als die anderen Tiere im Wald, so lautet die naheliegende Entgegnung auf meine Klage. Ich glaube aber, dass meine Kränkung nur zu den ersten Ausläufern gehört. Es ist Teil meines Berufs und meiner Persönlichkeit, die Verwerfungen der digitalen Gesellschaft früher wahrzunehmen als andere. Das ist weniger avantgardig, als es sich anhört. Es bedeutet hauptsächlich, dass ich schon in Shitstorms auf Twitter geriet, bevor die meisten Leute auch nur den unseligen Begriff Shitstorm oder Twitter kannten.

Der Spähskandal betrifft alle

Die Kränkung, die ich verspüre, hat mich verstört und mit hilfloser Wut vergiftet. Sie hat mein digitales Gedankengebäude beschädigt, der Westflügel ist eingestürzt, weil er auf Sand gebaut war. Heul doch! Ja, danke, das tue ich. Aber um viel mehr als nur die Ernüchterung, dass mein wunderbares Internet von einem undemokratischen, bigotten Geheimapparat regiert wird. Denn die digitale Vernetzung prägt die Gesellschaft viel stärker, als die meisten Politiker, Journalisten und Fußgänger erkennen wollen oder können. Es gibt in Deutschland nur zwei Arten von Menschen, die, deren Leben das Internet verändert hat, und die, die nicht wissen, dass das Internet ihr Leben verändert hat.

Abgesehen von den Scheinen im Portemonnaie ist Geld bloß eine Zahl auf ein paar Servern, von denen niemand weiß, wo sie stehen, ähnlich verhält es sich mit Patientenakten, Konsum- und Finanzamtsdaten, digitale Ströme regeln die Welt. Auch der handkalligraphierte Brief auf selbstgeschöpftem Papier findet sein Ziel nur, weil er maschinengesteuert den Datenflüssen folgt. In den Vereinigten Staaten lassen die Behörden jeden Brief abfotografieren. In Deutschland tut das die Post auch, aus technischen Gründen, inklusive einer Kooperation mit den amerikanischen Behörden. Kaum jemand ahnt, wie weit die Digitalisierung und Durchprogrammierung der Welt vorangeschritten ist. In einem modernen Auto sind rund hundert Millionen Zeilen Programmiercode verbaut. Zum Vergleich: das Smartphone-Betriebssystem Android kommt auf zwölf Millionen Zeilen. Der genetische Code einer handelsüblichen Maus entspräche hundertzwanzig Millionen Programmzeilen.

Auch ohne E-Mail, soziale Netzwerke und Videostreaming ist die gesellschaftliche Abhängigkeit von der digitalen Sphäre total, und diese digitale Sphäre ist unumkehrbar auf dem Weg der radikalen Vernetzung und damit in die Krakenarme der Überwachungsmaschinerie. Auf Hunderte Server verteilt finden sich delikateste Daten über praktisch jede in Deutschland befindliche Person, deshalb betrifft der Spähskandal auch jene, die glauben, der Totalüberwachung zu entgehen, indem sie Facebook nicht benutzen. Wie bei den drei Menschheitskränkungen davor ist fraglich, wann das Gros der Bürger die schiere Größe der Kränkung nachvollziehen können wird. An entscheidenden Stellen aber ist sie bereits sichtbar geworden.

„Die zehn geheimsten Sätze aus Merkels Telefonaten“

Die Kränkung der Politik war schon erahnbar, als Anfang September 2013 auf Weisung von Kanzleramtschef Pofalla ein Hubschrauber der Bundespolizei im Tiefflug über das Frankfurter US-Konsulat flog. Mehrfach. Während die offizielle Linie noch aus plumper Beschwichtigung bestand. Unwahrscheinlich, dass so etwas ohne Merkels Zustimmung geschah. Dieses hubschraubernde Ballen des Regierungsfäustchens muss als hilfloseste Drohgebärde der Neuzeit betrachtet werden. Und damit als offenkundiges Zeichen des Gekränktseins. Das wahre Ausmaß der Kränkung der Politik aber ist seit Dezember erkennbar. Da wurde bekannt, dass Merkel zur Überwachung ihres Handys persönlich mit Obama telefoniert und dabei die NSA mit der Stasi verglichen hatte.

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