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Abschied vom „Turbo-Abitur“ : Warum ist G8 gescheitert?

Der Wunsch der Eltern nach G9, sagt van Ackeren, habe möglicherweise mit einer „gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung“ zu tun - „Beschleunigung und Stress in der Arbeitswelt, Mobilitätsdruck, Berufstätigkeit beider Elternteile und die Herausforderung, unterschiedliche Lebensbereiche unter zunehmendem Zeitdruck miteinander zu vereinbaren. Möglicherweise verknüpft sich dies mit der Wahrnehmung von Schule als Einrichtung, in der Bildung immer mehr verdichtet und standardisiert wird.“

Im Sog der Pisa-Ergebnisse

Van Ackerens Studienergebnisse laufen offensichtlich dem zuwider, was viele Eltern und auch Lehrer im persönlichen Umfeld wahrnehmen. Natürlich fragt es sich, ob denn der beklagte „Dauerstress“ nicht auch mit neueren Steuerungselementen wie Zentralabitur oder flächendeckenden Leistungsvergleichen zu tun haben könnte. Und mit den Anforderungen einer immer komplexeren Welt. Das träfe G8- und G9-Schüler gleichermaßen. Aber spricht nicht genau das für eine längere Schulzeit?

Von ihrer anfänglichen Begeisterung für G8 ist Karin Hechler längst abgekommen - und auch von dem Sog der Pisa-Ergebnisse: „Heute denke ich, dass ich mich damit zu wenig kritisch auseinandergesetzt habe. Denn in England kann man mit nur vier Fächern das Abitur machen, in anderen Ländern wird eine ganz frühe Spezialisierung betrieben, und in China oder Korea gibt es diese Wahnsinnsdrillanstalten.“

Verlorene Jahre auf Kosten der Schüler?

Ihrer Erfahrung nach ist die Kritik an G8 berechtigt, besonders was die mangelnde Vertiefung beim Lernen angeht. Paradoxerweise hätte man das aber den Ergebnissen gar nicht angesehen: „Wir haben die Noten, die Wiederholerquoten und die Ergebnisse in den Abiturprüfungen über die Jahre sehr genau verfolgt“, sagt Hechler. Demnach blieben im System G8 weniger Schüler sitzen, die Noten waren gut, und beim Abitur schnitten die G8-Schüler in manchen Fächern sogar minimal besser ab als diejenigen, die dreizehn Jahre zur Schule gegangen waren. „Vom Erscheinungsbild her sprach also gar nichts gegen G8“, sagt Hechler: „Aber als wir genauer hingeschaut haben, stellten wir fest, dass unsere Fehlertoleranz bei G8 einfach viel größer geworden ist“ - mit anderen Worten: Für dieselbe Leistung gab es bessere Noten.

Entscheidend für die jetzige Umstellung auf G9 sei aber die „angespannte Atmosphäre“ in der Schule gewesen, die sich auch zehn Jahre nach der Einführung von G8 nicht aufgelöst hätte.

Mag sein, dass G8 im Osten Deutschlands weiter die Regel ist und sich im Westen als Auslaufmodell erweist. Bedeutet das zehn verlorene Jahre auf Kosten der betroffenen Schüler? Einiges, was man auch unter den Bedingungen von G8 entwickelt hat, sollte man sich genauer anschauen - die längeren Schulstunden und Pausen, die Angebote am Nachmittag, die Hausaufgabenbetreuung. Vielleicht verdankt man G8 auch das gewachsene Bewusstsein dafür, dass der Belastbarkeit von Schulkindern Grenzen gesteckt sind. Und dass der mittlerweile weggefallene Wehrdienst und die Reformen an den Universitäten ohnehin die jüngste Absolventengeneration seit sehr langer Zeit hervorgebracht haben.

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