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Abschied vom „Turbo-Abitur“ : Warum ist G8 gescheitert?

Vielleicht wurde diese Chance vielerorts vertan, und womöglich liegt hier ein Grund dafür, dass die Reform heute so sehr kritisiert wird. Denn dass die Schulzeitverkürzung überhastet und planlos begonnen worden sei, beklagen viele Bildungsforscher ebenso wie den Anspruch, in acht Jahren dieselben Inhalte vermitteln zu wollen wie zuvor in neun. „Man hätte sicher schon in der Einführungsphase von G8 mehr Zeit investieren müssen, um die Curricula auch entsprechend zu entschlacken“, sagt Isabell van Ackeren.

Unerwartete Dauer und Heftigkeit der Kritik

Unter den Bedingungen von G9 waren 265 Wochenstunden bis zum Abitur vorgeschrieben. Bei dieser Zahl blieb es auch bei G8. Allerdings wurden die Stunden nun in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich auf die Jahrgangsstufen verteilt - mal war die Belastung in der Mittelstufe größer als zuvor, mal in der Oberstufe. Doch insgesamt wurde der Lehrstoff von oben nach unten verschoben, so dass etwa Sechstklässler lernten, was früher Siebtklässlern vorbehalten war. Und natürlich wurden die Schultage länger, weil insgesamt mehr Unterricht pro Woche statt fand.

Daher war es nicht überraschend, dass G8 nicht überall auf Zustimmung stoßen würde. Die Dauer und Heftigkeit der Kritik dagegen schon. „Man hätte erwarten können, dass sich nach so langer Zeit mit G8 die Dinge zurechtgerüttelt hätten“, sagt van Ackeren, „so wie bei der Einführung des Zentralabiturs in einigen Bundesländern, wo in den ersten ein, zwei Jahren zahlreiche kritische Diskussionen stattfanden und sich dann die Lage doch sehr beruhigt hat. Bei der Schulzeit ist das anders.“

Die attraktive Rückkehr zu G9

Die wichtigsten Kritikpunkte an G8, schreibt der Bildungsforscher Klaus Klemm, sei die Sorge um schlechtere Bildungsergebnisse, mangelnde Studierfähigkeit der Abiturienten, dass der Stoff nur noch gepaukt und nicht mehr verstanden werde - und dass die Schüler vor lauter Stress zu nichts anderem mehr kämen als dem Lernen, was Sportvereine und Musikschulen zu spüren bekämen.

Fragt man heute Eltern, ob sie sich für ihre Kinder G8 oder G9 wünschen, dann ziehen etwa 80 Prozent von ihnen die längere Schulzeit vor. Und wo sie vor Ort die Wahl haben, da schicken sie ihre Kinder bevorzugt auf Gymnasien, die G9 anbieten, fand van Ackerens Arbeitsgruppe heraus. Gerade bei insgesamt sinkenden Schülerzahlen ist es für Gymnasien demnach attraktiv, zu G9 zurückzukehren - und zwar ist diese Bereitschaft umso ausgeprägter, je mehr Schulen an einem Ort vorhanden sind, je größer also die Konkurrenz ist.

Teil einer „gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung“

„Warum Eltern G9 so dringend nachfragen, darüber kann ich nur mutmaßen“, sagt van Ackeren. Denn Studien, die von ihrer Arbeitsgruppe und anderen Bildungsforschern an Schulen durchgeführt worden sind, lassen nicht erkennen, dass die Sorgen der Eltern begründet sind. Weder schneiden G8-Schüler im Vergleich schlechter ab, noch berichten die befragten Schüler insgesamt signifikant häufiger über Stress - und ihr Engagement in Vereinen oder im Instrumentalunterricht steht dem der G9-Schüler auch nicht nach. In manchen Bereichen engagieren sie sich sogar mehr.

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