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Transgender-Bewegung : Die Überwindung des Fleisches

Der Begriff der Genderidentität - des empfundenen Geschlechts - soll nach dem Willen von Transaktivisten gesetzlich verankert werden Bild: Picture-Alliance

Die Transgender-Bewegung will das körperliche Geschlecht juristisch abschaffen. Über Risiken und Nebenwirkungen wird geschwiegen.

          5 Min.

          Ist Gender feministisch? Das wird in der Frauenbewegung kontrovers diskutiert. Wer den Begriff Frau zum „bloßen“ sozialen Konstrukt erklärt, kann nicht mehr für Frauenrechte kämpfen, sagen die Gegner. Gender-Vertreter sehen die Frau dagegen nur als Übergangserscheinung auf dem Weg zur fluiden Geschlechtlichkeit. Gender müsse nicht feministisch sein, hat Judith Butler, die Patronin der Genderbewegung, schon gesagt. Butler geht es um die Verwirrung von Geschlechterrollen. Das körperliche Geschlecht (sex) soll dabei im Unterschied zum sozialen Geschlecht (gender) keine Rolle spielen.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Weltweit unternehmen Transgender-Aktivisten derzeit Anstrengungen, die Trennung von Geschlecht und Körper in nationalen Gesetzen zu verankern. In Norwegen oder Argentinien ist ihnen das schon gelungen, in den Vereinigten Staaten fehlt der entsprechenden Novelle, dem Equality Act, noch der Segen des Senats. In seinem Strategiepapier „Adults only?“ benennt der internationale Transgender-Verband Iglyo das Ziel der Bemühungen: Der Geschlechtswechsel soll zum einfachen Sprechakt werden. Wo er mit operativen und hormonellen Eingriffen verbunden ist, sollen medizinische und rechtliche Hürden abgebaut werden, besonders bei Kindern und Jugendlichen. Minderjährige sollen so früh und spontan wie möglich – ohne medizinisches Gutachten, Eingewöhnungsphase und Zustimmung der Eltern – das Geschlecht wechseln können. Das Zauberwort lautet Selbstbestimmung. Jedem sein Wunschgeschlecht.

          Transrechte gegen Frauenrechte

          Hierzulande haben FDP und Grüne Entwürfe für ein Selbstbestimmungsgesetz vorgelegt, die über weite Strecken wirken, als wären sie von den Aktivisten selbst geschrieben. Mit vollendetem vierzehnten Lebensjahr soll jeder jährlich entscheiden können, ob er rechtlich als Mann oder Frau betrachtet wird. Körperliche Aspekte spielen dafür keine Rolle. Es reicht die Erklärung beim Standesamt.

          Frauenverbände wie die deutsche Sektion der Women’s Human Rights Campaign, die in „Trans“ und „Gender“ eine antifeministische Bewegung sehen, laufen gegen die Novelle Sturm, die, wie sie warnen, dem Schutz von Frauen vor Gewalt und Benachteiligung die Grundlage entzöge. Rein sprachlich zu Frauen verwandelte Männer könnten sich in Toiletten und Sammelduschen, Frauengefängnisse oder Frauenhäuser einschleichen, also gerade dorthin, wo Frauen vor Männern Zuflucht suchen. Jede Form der Frauenförderung würde obsolet, wenn sich ein Mann mit einem Satz zur Frau, vom Aufsichtsrat zur Aufsichtsrätin, umdefinieren könnte. Und wie viele weibliche Olympiateilnehmer würde es noch geben, wenn sich Männer in ihre Konkurrenz einschleusen könnten?

          Die Verwirrung kommt von dem in beiden Entwürfen zentralen Konzept der Gender-Identität, nach dem geschlechtliche Zuordnung allein Sache des Gefühls ist und das Geschlecht durch Sprache vollkommen verändert kann. Andererseits werden aber auch Verfügungen für operative und hormonelle Geschlechtswechsel getroffen. Der Körper kommt durch die Hintertür zurück – was möglichst verschwiegen werden soll.

          Experimente mit Kindern

          Das Iglyo-Papier gibt offen das Ziel aus, die Kampagne zu „demedikalisieren“, also die medizinischen Risiken und Folgen zu verschweigen. Der Geschlechtswechsel soll nicht als schmerzhafter und riskanter Eingriff erscheinen, an den sich Nachfolgeoperationen und lebenslange Hormonbehandlung anschließen, sondern als körperlich und psychisch folgenlose Wunscherfüllung. Vorarbeit leisten in Schulen und Kindergärten verteilte Broschüren, die Kindern den Geschlechtswechsel beispielsweise mit der gauklerischen Behauptung nahelegen, auch Männer könnten Kinder gebären.

          Nach dem Gesetzesentwurf der Grünen soll ein Kind mit vollendetem vierzehnten Lebensjahr, also noch vor dem Ende der Pubertät und des körperlichen Reifungsprozesses, selbst – ohne ärztliche Beratung und elterliche Einwilligung – über den hormonellen Geschlechtswechsel entscheiden. Dass es in der Lage ist, diese Entscheidung zu überblicken, bevor es die Gefühlswirren der Pubertät überwunden und den körperlichen Reifeprozess abgeschlossen hat, wird von Medizinverbänden bezweifelt, zumal es darüber nicht mehr informiert werden muss.

          Ein riskanter, ja gefährlicher Schritt. Denn der hormonelle Geschlechtswechsel führt nach einer britischen Studie fast immer zur späteren Geschlechtsoperation (98 Prozent). Kinder, die keine Hormone einnehmen, geben den Wunsch zum Geschlechtswechsel dagegen nach Langzeitstudien zu neunzig Prozent nach der Pubertät auf. Mit anderen Worten: Pubertätsblocker fördern der Wunsch nach Geschlechtswechsel. Nach einem Urteil des Hohen Londoner Gerichts ist ihr Einsatz ein experimenteller Akt an Kindern, dem sich mit hoher Wahrscheinlichkeit Eingriffe in den kindlichen Körper anschließen wie die Amputation von Brust oder Penis, die den Verlust der Fortpflanzungsfähigkeit und die Verminderung sexuellen Erlebens bis hin zur Anorgasmie zur Folge haben. Warum nehmen die Gesetzesinitiatoren diese Risiken schweigend in Kauf?

          Die Reformpläne laufen vor dem Hintergrund eines dramatischen Anstiegs von Geschlechtsumwandlungen ab. Seit 2013 hat sich die Zahl der Jugendlichen, die sich im falschen Körper fühlen oder ihr Geschlecht operativ ändern lassen wollen, mehr als verfünffacht. Besonders betroffen sind Mädchen. „Mit großer Sorge und tief bestürzt blickt der Sachverständige auf die wachsende Zahl von – körperlich gesunden – jugendlichen Mädchen mit pubertätstypischen Altersrollenkonflikten oder Körperbildstörungen ..., denen bereits im Alter von 14, 15, 16 Jahren nicht nur die Brüste amputiert, sondern auch Gebärmutter und Eierstöcke entfernt werden“, schreibt der Kinder- und Jugendpsychiater Alexander Korte von der Ludwig-Maximilians-Universität München.

          Was dabei tief empfundener Wunsch zum Geschlechtswechsel und was Mode ist, lässt sich auch deshalb so schwer einschätzen, weil die Transgender-Gemeinde mit derart aggressiven Methoden eine offene Debatte verhindert, dass man an ihrem liberalen Charakter zweifeln muss. Kritiker werden mit Drohungen und Denunziationen überzogen, Verlage unter Druck gesetzt, kritische Bücher und unwillkommene Studien aus dem Programm zu nehmen. Kritik richtet sich nicht gegen inhaltliche Argumente, sondern gegen die Person, die als transphob stigmatisiert wird.

          Antiquiertheit des Körpers

          Die Iglyo-Kampagne gibt sogar offen zu, die Öffentlichkeit über ihre Ziele täuschen zu wollen. Hängen Sie sich an eine populäre Reform, rät das Strategiepapier, um „unter deren Deckmantel“ (!) Ihr eigentliches Ziel durchzusetzen. Unter der Überschrift „Vermeiden Sie exzessive Berichterstattung“ wird empfohlen, sich mit weit ausgearbeiteten Plänen an einzelne Politiker zu wenden, um die Meinungsbildung vorwegzunehmen. Danach soll mit gesetzlichen Sanktionen verhindert werden, dass Kritik an dem streitbaren Konzept der Gender-Identität geäußert wird. Der Gesetzesentwurf der Grünen kommt dem nah: Er sieht Sanktionen bis 2500 Euro vor, wenn das frühere Geschlecht einer Person genannt wird. Nun spricht jemand, der das im Hinblick auf die Vergangenheit tut, nichts anderes als die Wahrheit aus. Ein Staat, der das unter Strafe stellt, fordert seine Bürger zum Schweigen oder zur Lüge auf. Praktiken, die diktatorischen Regimen vorbehalten waren, werden plötzlich von einer liberalen Partei vertreten.

          Nun kann man mit guten Gründen bezweifeln, dass jemand allein durch einen Sprechakt das Geschlecht wechseln kann, ohne dass der Geschlechtsbegriff sinnentleert wird. Zumal das der Gender-Theorie entnommene Konzept der (gefühlten) Geschlechtsidentität in der Praxis zu Widersprüchen führt. Denn auch die körperlich durchaus realen Operationen und Hormongaben nähern den Betroffenen dem Wunschgeschlecht nur an. Sie ändern nichts an Chromosomen, Ei- und Samenzellen, auch die Hormone des Wunschgeschlechts müssen lebenslang künstlich zugeführt werden.

          Transhumanistische Visionen

          Profitabel ist das für den noch überschaubaren, aber wachsenden Markt der Gender-Kliniken und Biopharma-Unternehmen. Transgender ist keine Graswurzelbewegung, sondern eine wirtschaftliche Macht. Welche Utopien sich daran anschließen, wird an der Transfrau Martine Rothblatt deutlich, die als Vorstandsvorsitzende des Pharmaunternehmens United Therapeutics an der Gendermedizin verdient. „Transgender“, schreibt die bekennende Transhumanistin, „ist die Auffahrtsrampe zur Überwindung des Fleisches. Menschen, die sich weigern, als männlich oder weiblich bezeichnet zu werden, sind die Pioniere einer Menschheit, die nicht durch irgendein Substrat begrenzt ist. Es gibt eine Entwicklungslinie von transgender zu transhuman.“

          Wieder einmal geht es um die Überwindung des sterblichen Körpers, diesmal nicht durch einen Gott, sondern durch Technik und Sprachverwirrung. Man entlastet sich von der politischen Verantwortung, für gesellschaftliche Verhältnisse zu sorgen, in der geschlechtliche Rollen nicht als Zumutung oder Nachteil empfunden werden. Stattdessen soll das Unbehagen an sozialen Rollen durch Modifikation des Selbst beseitigt werden. Das alles wird weitgehend so hingenommen, weil man Gender und Trans für irgendwie progressiv und feministisch hält. In der Form, in der sie gesetzlich festgeschrieben werden sollen, sind sie aber nicht die logische Fortsetzung des Feminismus, sondern dessen Auflösung – zugunsten flexibler Subjekte, die ihren Körper für eine Einbildung halten.

          Frankfurter Allgemeine Zeitung

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