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Abbau von Literaturfakultäten : Kultureller Vandalismus?

Der britische Bildungsminister Nadhim Zahawi Bild: Reuters

Einerseits soll der Literaturkanon an Schulen erweitert werden, andererseits verschwinden Studiengänge für englische Literatur: In England vermengt sich interventionistische Hochschulpolitik mit den Interessen der Wirtschaft.

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          Der britische Bildungsminister Nadhim Zahawi meldete sich rasch zu Wort, als eine Prüfungskommission dieser Tage verkündete, mehr Vielfalt in den Lehrplan für den Abschluss der mittleren Schulbildung in englischer Literatur zu bringen. Gedichte toter weißer Männer wie John Keats, Thomas Hardy, Wilfred Owen, Philip Larkin und Seamus Heaney werden in der Lyrik-Anthologie durch „aufregende und vielfältige“ Stimmen ersetzt. Von den fünfzehn zeitgenössischen und etablierten Dichtern, deren Werke die Lyrik-Anthologie auffrischen sollen, sind vierzehn „People of Colour“, darunter sechs schwarze Frauen, und ein Autor ist südasiatischer Abstammung.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Es war, als habe die Kommission es mit ihrem Jargon darauf abgesehen, die Reflexe in der polarisierten Debatte um die Kultur zu aktivieren. Denn anders, als die Schlagzeilen glauben machen, geht es bei der neuen Zusammenstellung der Anthologie nicht um eine Ausmerzung der Klassiker. Diese sind mit Keats, Byron, Wordsworth, Browning, Hardy und anderen Größen weiterhin unter den 44 Gedichten vertreten. Vielmehr hat die Kommission eine Aktualisierung vorgenommen.

          Was bringt ein Studium?

          Zahawi rannte mit seiner Kritik freilich offene Türen ein. Der in Bagdad geborene irakische Kurde, der als Neunjähriger mit seinen Eltern nach England flüchtete, erzählte, wie viel er aus Larkins Gedichten etwa über seine neue Heimat gelernt habe: „Wir dürfen künftigen Schülern weder die Chance vorenthalten, ähnlich starke Verbindungen zu einem großen britischen Autor zu knüpfen, noch ihnen die Freude entgehen lassen, sein Werk zu kennen“, kritisierte der Minister bei Twitter die Entfernung von Larkin und Owen als kulturellen Vandalismus.

          Als ebendieser Begriff wenige Tage später auf die Entscheidung einer Universität angewandt wurde, den Studiengang für englische Literatur zu suspendieren, erklärte das Bildungsministerium lediglich, dass Kurse, die nicht zum Berufseinstieg oder zur Weiterbildung führten, sowohl Studenten im Stich ließen, die Zeit und Mühe investierten, als auch den Steuerzahler. Dabei hatte Zahawi gerade erst den Wert der Literatur hervorgehoben.

          Sein Ministerium scheint taub zu sein für das Argument, dass das Studium mehr bringt als eine Berufsausbildung. Auch das hat politische Gründe. Die Entscheidung der Sheffield Hallam University, einer von vielen Hochschulen, die ihr Angebot auf veränderte Umstände und Maßgaben anpasst, wird durch den wachsenden ökonomischen Rechtfertigungsdruck im Hochschulwesen erklärt, dem die utilitaristische Einstellung zugrunde liegt, den Wert eines Studienganges nach der Arbeits- und Ertragsfähigkeit der Absolventen zu bemessen. Besonders betroffen davon sind die geisteswissenschaftlichen Fächer, weil die Berufe, in die sie gewöhnlich münden, statistisch weniger hoch bezahlt sind.

          Das Nützlichkeitsprinzip hat sich auch auf die Fächerwahl in der Schule ausgewirkt. Dort werden die Naturwissenschaften, zumal seit die Regierung den Rang einer „naturwissenschaftlichen Supermacht“ anstrebt, als beruflich aussichtsreicher angepriesen mit der Folge, dass das Interesse an Geisteswissenschaften noch mehr schrumpft. Es ist ein Teufelskreis, der weniger geisteswissenschaftlich ge­schulte Studienanwärter produziert und die Hochschulen nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage veranlasst, Kürzungen bei den betroffenen Fakultäten vorzunehmen. Davon bleiben, wie die Oxforder Professorin für Deutsche Literatur Katrin Kohl berichtet, die Eliteuniversitäten nicht verschont.

          Die Hochschulregulierungsbehörde hat unlängst mit Bußgeldern und Förderungseinschränkungen gedroht, wenn die Mindestanforderungen für annehmbare Studienausgänge nicht erreicht werden. Zu den Vorgaben zählt, dass sechzig Prozent der Absolventen innerhalb von fünfzehn Monaten eine qualifizierte Stelle finden müssen. Damit soll den akademisch zweifelhaften „Mickey Mouse“-Bachelorstudiengängen Einhalt geboten werden, die seit der Umwandlung der technischen Hochschulen in Universitäten im Rahmen der Hochschulexpansion aus dem Boden geschossen sind. Aber auch das trifft die Geisteswissenschaften, deren Studierende nicht so schnell, wenn überhaupt den Berufskriterien entsprechen können.

          Hier vermengen sich die zunehmend interventionistische Hochschulpolitik der Regierung mit den Interessen der Wirtschaft und einem Kulturkrieg, der die freie Rede bedroht sieht. Die Vorstellung von der Kultivierung des Intellekts als eigenem Wert – dass Bildung einen gesellschaftlichen Nutzen hat – verblasst vor diesem Hintergrund zusehends.

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