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A.L. Kennedy : Fregatte Frauenliteratur

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Frühe Frauenliteratur Bild: AP

Der Begriff Frauenliteratur wird immer wieder als Knüppel hervorgeholt, mit dem man auf schreibende Frauen einschlagen kann. Die Schriftstellerin A.L. Kennedy über eine ihr verhaßte Kategorisierung.

          5 Min.

          Frauenliteratur gibt es nicht. Genauso- wenig wie Linkshänderliteratur, Rothaarigenliteratur, europäische Literatur, Literatur der Nordhalbkugel. All diese Kategorien sind ebenso groß wie bedeutungslos. Tragischerweise ist Frauenliteratur die einzige, die immer wieder als Knüppel hervorgeholt wird, mit dem man auf schreibende Frauen einschlagen kann.

          Entweder ist Frauenliteratur kitschig und kuschelig, voller Kinder, Klamauk und Klamotten - oder Frauenliteratur ist kraß und aggressiv, die Sorte Schmutz, die man von einer beleidigten Ex-Stripperin erwarten würde - oder Frauenliteratur dreht sich ausschließlich um verstopfte Abflüsse, Blutungen und Gruppentherapie bei Walgesang.

          Immer das, was stört

          Im Grunde ist Frauenliteratur immer das, was die betreffenden Journalisten, Kommentatoren, Akademiker oder Autoren an den letzten paar Büchern von Frauen gestört hat, die sie gelesen haben. Ausladende Verallgemeinerungen müssen dann her, Beleidigungen müssen verschossen werden, und persönliche Kränkungen sind ebenfalls willkommen.

          In ihrem Vorwort zu ihrer unlängst erschienenen Anthologie „New Writing 13“ haben die Autorinnen Ali Smith und Toby Litt beschlossen, abfällige Bemerkungen über die potentiellen Verfasserinnen ihrer Beiträge zu machen, und das in einer Form, die auf weiterreichende Anwendbarkeit ihrer Kritikpunkte schließen läßt.

          Enttäuschend häuslich

          „Im großen und ganzen“, schreiben sie, „waren die eingereichten Beiträge von Frauen enttäuschend häuslich, genau das Gegenteil von riskant - als sei die Mehrzahl der Autorinnen mit einer speziellen Droge ruhiggestellt worden, die sie abstumpft und zu guten Menschen macht, die das Richtige sagen, nach der richtigen Form streben und dabei melancholisch und wahnsinnig deprimiert sind.“ Eigentlich liest sich ihr Vorwort wie ein Protest gegen Fadheit im allgemeinen, aber nichts liegt mir ferner, als ihre Worte nicht aus dem Zusammenhang zu reißen - denn das werden alle anderen auch tun, weil man ja das Wesen der Frauenliteratur diskutiert.

          Hat das irgendeine ernsthafte Bedeutung für Frauen, für die Literatur, für Leser und Leserinnen, für Frauen, die schreiben? Es wäre mir lieb, wenn nicht.

          Aber das Verlagswesen in Großbritannien ist derzeit in der Krise. Maßlose Rabatte für muskelprotzende, aber phantasielose Buchhandelsketten haben die Verlagsgewinne minimiert. Immer weniger Platz wird immer weniger Büchern eingeräumt. Immer mehr Geld wird einem winzigen Ausschnitt der lieferbaren Titel hinterhergeworfen, um ihnen Sichtbarkeit zu erkaufen. Autorenvorschüsse werden dafür gekürzt. Was weckt in Verlegern und Marketingabteilungen noch ein Fünkchen Selbstvertrauen? Das Gefühl, einen verkaufsträchtigen Gewinner ins Rennen zu schicken. Was verleitet Buchläden dazu, ein Buch vorrätig zu halten (vom maßlosen Rabatt abgesehen)? Das Gefühl, einen verkaufsträchtigen Gewinner ins Rennen zu schicken. Wie aber definieren sie einen verkaufsträchtigen Gewinner? Mit Hilfe hirnloser und ruinöser kleiner Kategorien.

          Lesbische Imkerinnen

          So wird also beispielsweise das in Pastelltönen gehaltene amerikanische Buch über die mißhandelte Ehefrau, die aufs Land in eine lesbische Imkerinnenkommune flieht und dort Heilung findet, mit aller Macht gepuscht, weil ja schon im letzten Jahr ein Buch über lesbische Imkerinnen Erfolg hatte, dann wird eine britische Version ausgegraben oder gar in Auftrag gegeben, bis allen der Appetit auf sapphische Bienenfreundinnen gründlich vergangen ist. Die Gewinnmargen werden immer schmaler, aber jedes Risiko würde bedeuten, daß sie ganz verschwinden könnten, und das hätte wiederum zur Folge, daß jemand (vielleicht sogar mehrere Jemande) gefeuert würde.

          Es gibt immer noch Verleger mit Mut und Integrität, aber sie stehen unter gewaltigem Druck. Vielleicht muß man nicht unbedingt Sympathie für sie aufbringen, aber wenn uns an Kurzgeschichten, Gedichten oder Romanen gelegen ist, die außerhalb der Massenware liegen, die nicht aus Listen trivialer Fakten oder der Diskussion orthographischer Fehler bestehen, dann brauchen wir Verleger, die frei genug sind, ihre Arbeit zu tun - das heißt, uns mit Büchern zu versorgen, von denen wir nicht wußten, daß wir sie haben wollten, die keine Klone der letztjährigen Bestseller sind, die riskant oder beleidigend sein können oder erfolglos oder schockierend oder höchst erfreulich oder das einzige, was uns im schlimmsten Monat des Jahres am Leben erhält.

          Schlicht beschissen

          Und damit komme ich zum Kern dessen, was ich am Schlachtschiff, an der Fregatte Frauenliteratur so unverschämt finde: Es schreibt den Leuten vor, was sie denken sollen. Vielleicht finden Sie das ja in Ordnung, aber ich muß sagen, ich finde es schlicht beschissen. Jetzt sind vielleicht einige von Ihnen pikiert, weil ich das Wort „beschissen“ verwendet habe. Manche mögen meinen, das gehöre sich nicht für eine Schriftstellerin. Manche mögen verstimmt sein, weil ich es nicht schon früher benutzt und mich daher als passives, windelweiches Weibchen erwiesen habe, das seinen feministischen Vorkämpferinnen keine Ehre macht.

          Die Sache ist die: Es ist meine Angelegenheit, welche Worte ich verwende, um auszudrücken, was immer ich will. Sie müssen es nicht mögen, nicht lesen, nichts dafür bezahlen, aber es ist mein Recht, es zu schreiben. Wenn wir in der Literatur die grundlegende Freiheit der Kommunikation zwischen Individuen verlieren, wenn wir die Fähigkeit einbüßen, als Mensch einem anderen Menschen die Wahrheit zu sagen, die persönliche Wahrheit unserer Sinne, unserer Gefühle, unserer Träume, wenn wir die Freiheit aufgeben, ins Bewußtsein anderer zu schlüpfen - männlicher oder weiblicher anderer, toter, glücklicher oder trauriger anderer, unvorstellbarer anderer oder solcher, die sind wie wir -, dann haben wir die Seele der Literatur verloren.

          „Männerliteratur“ war noch nie ein Thema

          Überflüssig, zu erwähnen, daß es ebenso falsch wäre, alle männlichen Schriftsteller in die Kiste Männerliteratur zu stecken - aber das ist auch noch nie ein Thema gewesen -, oder darauf hinzuweisen, daß zahlreiche Stimmen, die fortwährend über Frauenliteratur jammern, sich als Frauenfreunde darstellen, während sie den Frauen gleichzeitig vorschreiben wollen, worüber sie nachdenken oder jedenfalls, welche Gedanken sie öffentlich machen dürfen.

          Ein für allemal: Schriftsteller sind Menschen - sie sind so unterschiedlich wie jeder Querschnitt der Bevölkerung, und die Bandbreite an Ausdrucksformen und Interessen von Autoren und Autorinnen ist so variabel und unvorhersehbar, wie jeder vernünftige Psychologe (und jeder vernünftige Mensch) erwarten dürfte. Ich habe gerade „Anna Karenina“ gelesen - zufällig wußte ich, daß ein Mann den Roman geschrieben hat, aber ich hätte auch nicht vermutet, er sei von einer Frau, bloß weil er von Herzensdingen und dem häuslichen Alltag mehrerer einander nahestehender Familien handelt.

          Nicht geschlechtsspezifisch

          Ich habe weitergelesen, weil es gut war - um ehrlich zu sein, ist es mir schnuppe, wer geschrieben hat, was ich lese, solange es gut ist. Ich finde es genauso beschissen, wenn man mir weismachen will, daß Liebes- oder häusliche Geschichten eine Frauendomäne sind, wo doch Raymond Carver und Richard Ford und Ernest Hemingway und wer weiß wie viele Männer sich bei jeder Gelegenheit auf genau solche stürzen. Soweit ich weiß, leben Menschen recht häufig in häuslicher Umgebung und verlieben sich auch gelegentlich. Warum sollten sie nicht darüber schreiben? Warum sollte das geschlechtsspezifisch sein?

          Fragen Sie sich selbst: Wollen Sie als Leser, daß Ihren Gedanken inhaltliche und stilistische Grenzen gesetzt werden? Wollen Sie, daß solche Grenzen für die Literatur gelten, die Sie lesen? Wollen Sie, daß die Frauen, die für Sie schreiben, solche Grenzen einhalten? Oder sind Sie bei der Wahl Ihres Lesestoffs nach Geschmack und Stimmung so hilflos, daß Sie strikte Zensur und eindeutige Handreichungen brauchen? Könnten Sie es ertragen, daß Bücher existieren, die Sie nicht mögen und nicht lesen wollen? Könnten Sie das zulassen? War Ihr Leben unablässig glücklich? Wollen Sie, daß Ihre Bücher es sind? Waren Sie jemals krank, allein, betrogen, genervt? Wollen Sie, daß Bücher dem entgegensteuern oder Ihnen in solcher Lage Gesellschaft leisten oder beides?

          Ich persönlich würde Ihnen beides gönnen und noch mehr - Bücher, die über jede Erwartung hinausgehen. Ich möchte, daß jeder Schriftsteller und jede Schriftstellerin bis an die Grenze der eigenen Fähigkeiten zu schreiben in der Lage sind und ich hoffe, daß Sie Ihnen dabei etwas mitteilen, was Ihre Zeit wert ist. Darüber hinaus? Ich möchte keinerlei Kommentar darüber abgeben, was zwischen Ihnen und den Menschen, deren Bücher Sie zu lesen wählen, vor sich geht, denn jede Bemerkung wäre eine groteske Einmischung, die uns beide herabwürdigte. Bitte - kein Wort mehr über Frauenliteratur.

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