https://www.faz.net/-gqz-qeox

A.L. Kennedy : Fregatte Frauenliteratur

  • Aktualisiert am

Schlicht beschissen

Und damit komme ich zum Kern dessen, was ich am Schlachtschiff, an der Fregatte Frauenliteratur so unverschämt finde: Es schreibt den Leuten vor, was sie denken sollen. Vielleicht finden Sie das ja in Ordnung, aber ich muß sagen, ich finde es schlicht beschissen. Jetzt sind vielleicht einige von Ihnen pikiert, weil ich das Wort „beschissen“ verwendet habe. Manche mögen meinen, das gehöre sich nicht für eine Schriftstellerin. Manche mögen verstimmt sein, weil ich es nicht schon früher benutzt und mich daher als passives, windelweiches Weibchen erwiesen habe, das seinen feministischen Vorkämpferinnen keine Ehre macht.

Die Sache ist die: Es ist meine Angelegenheit, welche Worte ich verwende, um auszudrücken, was immer ich will. Sie müssen es nicht mögen, nicht lesen, nichts dafür bezahlen, aber es ist mein Recht, es zu schreiben. Wenn wir in der Literatur die grundlegende Freiheit der Kommunikation zwischen Individuen verlieren, wenn wir die Fähigkeit einbüßen, als Mensch einem anderen Menschen die Wahrheit zu sagen, die persönliche Wahrheit unserer Sinne, unserer Gefühle, unserer Träume, wenn wir die Freiheit aufgeben, ins Bewußtsein anderer zu schlüpfen - männlicher oder weiblicher anderer, toter, glücklicher oder trauriger anderer, unvorstellbarer anderer oder solcher, die sind wie wir -, dann haben wir die Seele der Literatur verloren.

„Männerliteratur“ war noch nie ein Thema

Überflüssig, zu erwähnen, daß es ebenso falsch wäre, alle männlichen Schriftsteller in die Kiste Männerliteratur zu stecken - aber das ist auch noch nie ein Thema gewesen -, oder darauf hinzuweisen, daß zahlreiche Stimmen, die fortwährend über Frauenliteratur jammern, sich als Frauenfreunde darstellen, während sie den Frauen gleichzeitig vorschreiben wollen, worüber sie nachdenken oder jedenfalls, welche Gedanken sie öffentlich machen dürfen.

Ein für allemal: Schriftsteller sind Menschen - sie sind so unterschiedlich wie jeder Querschnitt der Bevölkerung, und die Bandbreite an Ausdrucksformen und Interessen von Autoren und Autorinnen ist so variabel und unvorhersehbar, wie jeder vernünftige Psychologe (und jeder vernünftige Mensch) erwarten dürfte. Ich habe gerade „Anna Karenina“ gelesen - zufällig wußte ich, daß ein Mann den Roman geschrieben hat, aber ich hätte auch nicht vermutet, er sei von einer Frau, bloß weil er von Herzensdingen und dem häuslichen Alltag mehrerer einander nahestehender Familien handelt.

Nicht geschlechtsspezifisch

Ich habe weitergelesen, weil es gut war - um ehrlich zu sein, ist es mir schnuppe, wer geschrieben hat, was ich lese, solange es gut ist. Ich finde es genauso beschissen, wenn man mir weismachen will, daß Liebes- oder häusliche Geschichten eine Frauendomäne sind, wo doch Raymond Carver und Richard Ford und Ernest Hemingway und wer weiß wie viele Männer sich bei jeder Gelegenheit auf genau solche stürzen. Soweit ich weiß, leben Menschen recht häufig in häuslicher Umgebung und verlieben sich auch gelegentlich. Warum sollten sie nicht darüber schreiben? Warum sollte das geschlechtsspezifisch sein?

Fragen Sie sich selbst: Wollen Sie als Leser, daß Ihren Gedanken inhaltliche und stilistische Grenzen gesetzt werden? Wollen Sie, daß solche Grenzen für die Literatur gelten, die Sie lesen? Wollen Sie, daß die Frauen, die für Sie schreiben, solche Grenzen einhalten? Oder sind Sie bei der Wahl Ihres Lesestoffs nach Geschmack und Stimmung so hilflos, daß Sie strikte Zensur und eindeutige Handreichungen brauchen? Könnten Sie es ertragen, daß Bücher existieren, die Sie nicht mögen und nicht lesen wollen? Könnten Sie das zulassen? War Ihr Leben unablässig glücklich? Wollen Sie, daß Ihre Bücher es sind? Waren Sie jemals krank, allein, betrogen, genervt? Wollen Sie, daß Bücher dem entgegensteuern oder Ihnen in solcher Lage Gesellschaft leisten oder beides?

Ich persönlich würde Ihnen beides gönnen und noch mehr - Bücher, die über jede Erwartung hinausgehen. Ich möchte, daß jeder Schriftsteller und jede Schriftstellerin bis an die Grenze der eigenen Fähigkeiten zu schreiben in der Lage sind und ich hoffe, daß Sie Ihnen dabei etwas mitteilen, was Ihre Zeit wert ist. Darüber hinaus? Ich möchte keinerlei Kommentar darüber abgeben, was zwischen Ihnen und den Menschen, deren Bücher Sie zu lesen wählen, vor sich geht, denn jede Bemerkung wäre eine groteske Einmischung, die uns beide herabwürdigte. Bitte - kein Wort mehr über Frauenliteratur.

Weitere Themen

Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane Video-Seite öffnen

Festnahme : Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane

Auf der Art Basel in Miami hat ein Performance-Künstler eine an die Wand geklebte Banane aufgegessen, die ein Werk des Italieners Maurizio Cattelan und bereits für einen sechsstelligen Betrag verkauft worden war.

Topmeldungen

Ist die Welt noch zu retten? Eine Frau bei einer Demo in Lissabon.

Raus aus der Klimakrise : „Moralappelle bringen nichts“

Der Kölner Spieltheoretiker und Verhaltensökonom Axel Ockenfels erklärt im Interview, wo der Knackpunkt im Klimakonflikt liegt – und auf welcher Grundlage das Problem von der Weltgemeinschaft gelöst werden könnte.

Muhammad Bin Salmans Pläne : Der Ölprinz mit der Billion

Er ist jung und braucht das Geld: Der saudische Kronprinz Muhammad Bin Salman bringt den weltgrößten Ölkonzern Saudi Aramco an die Börse. Damit will er nicht nur das Land reformieren, sondern auch die eigene Macht sichern.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.