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60 Jahre Anwerbeabkommen : Nur für geladene Gäste

  • -Aktualisiert am

Heimaturlaub per Bus: Migranten in Frankfurt. Bild: SZ Photo

Es ist erstaunlich, wie wenig Gastarbeiterinnen der ersten Generation als „role models“ gerühmt werden. Sie könnten als Vorreiterinnen progressiver Lebensformen gelten. Ein Gastbeitrag.

          4 Min.

          Die Türkische Gemeinde in Deutschland hatte Anfang Ok­­tober zu einem Festakt ins Haus der Kulturen der Welt in Berlin eingeladen. Gefeiert wurden 60 Jahre Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei. Durch die Festveranstaltung führte die Publizistin Ferda Ataman, die gleich zu Beginn die schöne Idee hatte, Vertreter der ersten Generation im Saal zu feiern. Sie sollten sich erheben, damit Applaus aufbranden konnte. Es dauerte eine kleine Weile, dann standen zwei, drei Männer auf. Viel mehr waren auch nicht an­wesend. Es gibt kaum ein passenderes Bild dafür, wie in Almanya dieses Jubiläum begangen wird. Der politische Mainstream, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund, redet noch immer über­wiegend über Gastarbeiter und nicht mit ihnen. Sind sie zu solchen Feierlichkeiten eingeladen, bleibt ihnen oftmals die Rolle biographischer Stichwortgeber, um das neuerliche Narrativ von der Einwanderung als Erfolgsgeschichte zu schmücken. In dieser Erzählung fin­det inzwischen auch Rassismus seinen Platz. Solingen, Rostock-Lichtenhagen, NSU-Komplex, Mölln, Halle und Ha­nau werden erwähnt. Doch die Obsession, eine Erfolgsbilanz zu ziehen, überstrahlt vieles. Gastarbeiter haben in Deutschland ein Zuhause aufgebaut, ihre Kinder und Enkel sind nicht nur inte­griert, sondern auch zu herausragenden Leistungen in der Lage, so geht diese Story.

          Türkische Bergleute in der Zeche „Walsum“ nahe Duisburg
          Türkische Bergleute in der Zeche „Walsum“ nahe Duisburg : Bild: ullstein bild

          Das Einwanderungsland Almanya bleibt gefangen im toxischen Dreieck aus Bereicherung, Viktimisierung und Be­drohung und tut so, als sei es die Aufgabe von Einwanderern, dieses Land ökonomisch oder kulturell zu bereichern. Bei allen auch positiven Entwicklungen werden Menschen mit Einwanderungsgeschichte zu Opfern gemacht oder als solche stigmatisiert. Noch immer wird Einwanderung als eine Gefahr für die Ho­mogenität dargestellt und rassistisch ins­trumentalisiert. Bei Straftaten von Ge­flüchteten oder Migranten geraten schon mal rechtsstaatliche Prinzipien in Vergessenheit, wird der Ruf nach Ab­schiebungen reflexartig laut. Aufhorchen ließ daher die Forderung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, es sei Zeit für einen „Perspektivwechsel“. An­lässlich seiner Rede zum Anwerbeabkommen erklärte er: „Sie sind nicht ‚Menschen mit Migrationshintergrund’ – wir sind ein Land mit Migrationshintergrund.“

          Türkische Frau tanzt in einer türkischen Gaststätte in Mülheim.
          Türkische Frau tanzt in einer türkischen Gaststätte in Mülheim. : Bild: ullstein bild

          Diese etwas ungelenke Formel, in der sich das Trennende „sie“ und „wir“ wiederfindet, führt unweigerlich zur Folgefrage, was das genau sein soll, ein Land mit Migrationshintergrund. Für einen Perspektivwechsel bedarf es jedenfalls mehr. Dazu gehört, Migrantinnen und Migranten als gleichberechtigte Akteure in der Einwanderungsgesellschaft zu verstehen und herauszustellen, wie wichtig sie für gesellschaftliche Transformationen sind. Es ist erstaunlich, wie wenig et­wa Gastarbeiterinnen der ersten Generation als „role models“ gerühmt werden. Sie könnten als Vorreiterinnen progressiver Lebensformen gelten, weil für sie das Ringen um Vereinbarkeit von Familie und Beruf schon in den 1960er-Jahren Alltag war – als in Deutschland das Bild von „Mutti am Herd“ kultiviert wurde und „samstags Vati mir gehörte“. Das hat in den Erinnerungen zum Anwerbeabkommen genauso wenig Platz wie Hunderte von Gastarbeiterinnen initiierte Streiks Anfang der 70er-Jahre, für mehr Lohn, bessere Arbeitsbedingungen und Gleichberechtigung.

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