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Das Wagnis von Schmalkalden : Der dreidimensionale Zebrastreifen muss bleiben!

Lässt die optische Täuschung entgegenschwebender Balken den Autofahrer früher auf die Bremse treten? Der virtuelle Fußgängerübergang fordert dazu auf. Bild: Jan Huebner/Voigt

Dem thüringischen Schmalkalden ist mit dem 3D-Zebrastreifen eine Innovation gelungen. Nun soll die Installation wieder entfernt werden. Dabei hätte sie das Zeug, eine wegweisende verkehrstechnische Neuerung zu werden.

          Was der Verkehr mit seinen Teilnehmern macht, wie sie sich von ihm hintergangen, zurückgesetzt und betrogen fühlen, das lässt sich tagtäglich auf unseren Zebrastreifen beobachten. Der Zebrastreifen ist zu einer Verbitterungszone geworden. Starren Blickes, ohne nach rechts oder links zu schauen, kreuzt der Fußgänger hier bar jeder Fühlungnahme mit der bedrohlichen Welt die Straße. Gewiss, er nimmt ja nur sein Recht auf ungehinderten Durchgang wahr, aber es ist, als könne man ihm beim Rechthaben zuschauen. Als würde hier eine gedemütigte Seele trotzig den Moment der Genugtuung ergreifen, eine von Vier- und Zweirädern zermürbte Kreatur urplötzlich ihr Haupt erheben.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Ohne näheren Blickkontakt mit heranfahrenden Autofahrern zu suchen, wirft er, der Fußgänger auf seinem Zebrastreifen, sich ihnen, den Vier- und Zweirädern, mit diesem seltsamen Trotz in den Weg, als gäbe es da nicht die Gefahr, unter die Räder von möglichen Vollidioten zu geraten, welche den Zebrastreifen ignorieren. Wie ein Guerrillakämpfer scheint er aufs Ganze gehen zu wollen, den von Gerd Koenen überlieferten Ausspruch Che Guevaras im Ohr, wonach der entscheidende Augenblick im Leben eines Mannes sei, wenn er sich entschließt, dem Tod ins Auge zu sehen. Verkehrspolitisch gewendet, steht man also vor der Frage, wie sich der Zebrastreifen von einem Teil des Problems in einen Teil der Lösung verwandeln lässt. Im thüringischen Schmalkalden ist mit einem Zebrastreifen in 3D eine Innovation zu besichtigen, welche der draufgängerischen Psyche des Fußgängers in lebensschützender Weise entgegenkommt. Und insofern ist es in einer schon erschütternd zu nennenden Weise fahrlässig, wie diesem dreidimensionalen Zebrastreifen an der Ecke zum Friseursalon Gebhardt nun auf dem Verwaltungsweg der Garaus gemacht werden soll, ebenso geschwind wie geräuschlos.

          Willkommener Schockeffekt

          Um Mitternacht läuft an diesem Freitag das Ultimatum aus, welches das Landesverwaltungsamt dem Bürgermeister Thomas Kaminski (SPD) gesetzt hat, um die einfühlsame, vom Graffiti-Künstler Alexander Frank geschaffene street-art wieder von der Straße zu entfernen. Als sich nämlich abzeichnete, dass die 3D-Installation mit ihrer optischen Täuschung entgegenschwebender Balken das Zeug hat, eine wegweisende verkehrstechnische Neuerung zu werden, und zwar als willkommener Schockeffekt im Auge des Autofahrers, bekamen die Hüter des Eindimensionalen kalte Füße. Sie pochen auf die Straßenverkehrsordnung, an welcher sich die Kunst ein Beispiel zu nehmen habe. Was im Falle des dreidimensionalen Zebrastreifens ein gehäufter Unfug ist.

          Warum nicht wenigstens einen Modellversuch in dieser Zone 30 von Schmalkalden starten, um herauszufinden, wie sich das subjektive Erschrecken der Autofahrer vor dem vermeintlich massiven Hindernis auf die Verkehrssicherheit auswirkt? Wird der ins Dreidimensionale gesteigerte Zebrastreifen womöglich besser und früher wahrgenommen als in seiner harmlosen flächigen Form? Das soll man sich doch erst einmal in Ruhe anschauen, bevor man dieses Kunstwerk mit seiner hohen verkehrspolitischen Eingriffstiefe jetzt einfach mir nichts, dir nichts wieder von der Straße nimmt und damit noch nicht einmal jenen Funken Mut aufbringt, den der Coiffeur Gebhardt um die Ecke mit seinen neuen Trendfrisuren an den Tag legt.

          Dem Bürgermeister Kaminski, welcher sich mit Politikern auch aus anderen Kommunen und aus der Landesregierung von dem simulationstheoretisch beglaubigten Ausgriff ins Hyperreale fasziniert zeigt, möchte man jedenfalls ein unbedingtes „Standhalten!“ zurufen. Die verfahrene Verkehrspolitik ist auf solche Hechte im Karpfenteich angewiesen, soll sie sich nicht in den Landesverwaltungsämtern zur Ruhe setzen.

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