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„245 Kubikmeter“ : Sierra bricht Synagogenprojekt in Pulheim ab

  • Aktualisiert am

Kein Abgas mehr aus den Schläuchen: Sierra beendet seine Kunstaktion Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Santiago Sierra will sein umstrittenes Projekt in der ehemaligen Synagoge in Pulheim-Stommeln nicht fortsetzen. Er habe die Holoaust-Opfer nicht gegen sich aufbringen wollen, sagte der spanische Künstler.

          Der spanische Künstler Santiago Sierra will sein umstrittenes Kunstprojekt „245 Kubikmeter“ in der ehemaligen Synagoge in Pulheim-Stommeln nicht fortsetzen. Er habe das Leiden der Opfer des Holocaust verbildlichen und die Juden in Deutschland würdigen wollen, sagte Sierra dem Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. „Daß sie sich nun gegen mich wenden, das konnte ich nicht wollen.“

          Sierra hatte die Auspuffabgase mehrerer Autos durch Schläuche in die frühere Synagoge geleitet. Anschließend konnte das Publikum mit Gasmasken das Gebäude betreten. Er wollte nach eigenem Bekunden mit „245 Kubikmeter“ die Banalisierung des Gedenkens an den Holocaust anprangern. Nach heftigen Protesten war die Aktion, die ursprünglich bis 30. April jeweils sonntags geplant war, zunächst unterbrochen worden.

          „Mein Ruf hat gelitten“

          Sierra will in dieser Woche nach Stommeln reisen, um sich dort mit Vertretern der Stadt Pulheim und der jüdischen Synagogengemeinde Köln zu treffen. Die Synagogengemeinde hatte das Projekt scharf kritisiert. „Mein Ruf als Künstler und als Person hat gelitten“, sagte Sierra dem Magazin. Aber auch die Menschen in Stommeln litten unter den Vorwürfen. Diese und er selbst würden als Befürworter des Genozids dargestellt. Dies sei aber nicht der Fall. „Ich habe das Gefühl, ohne Zusammenhang dargestellt zu werden“, erklärte er.

          Der Aktionskünstler verteidigte in dem Interview zugleich sein Projekt. Um eine schmerzhafte Epoche zu thematisieren, „muß ich harte Bilder wählen dürfen“, argumentierte er. Es sei ungerecht, daß dies im Kino möglich sei, bildende Künstler aber als „radikale Provokateure kritisiert werden“. Die Aktion sollte „eine Begegnung mit dem eigenen Tod werden“. „Ich wollte keine Empathie mit den Opfern erreichen, sondern den Menschen einen Anstoß geben, an den eigenen Tod zu denken.“

          Die Stadt Pulheim ist von der Absicht des Künstlers „überrascht“. Es sei aber Sierras „gutes Recht“, das Kunst-Projekt abzubrechen, sagte Kulturdezernent Florian Herpel am Montag auf Anfrage der dpa. „Wir würden eine solche Entscheidung respektieren.“ Unabhängig davon aber halte die Stadt an den Plänen fest, ein Gespräch mit der jüdischen Gemeinde in Köln, Vertretern der Stadt und dem Künstler zu führen. „Die erstmalige Realisierung der Kunstaktion hat ja gezeigt, wie notwendig es ist, miteinander zu sprechen“, betonte Herpel.

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