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200. Todestag von De Maistre : Gespensterseher politischer Unordnungen

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Brillanter Theoretiker der Gegenmoderne: Joseph de Maistre (1753-1821) Bild: Getty

Geburtshelfer des autoritären Denkens und Vordenker der „Neuen Rechten“: Warum der französische Gegenaufklärer Joseph de Maistre auch zweihundert Jahre nach seinem Tod polarisiert.

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          Joseph de Maistre, so ein Bonmot des Ideenhistorikers Isaiah Berlin, mochte die Sprache der Vergangenheit gesprochen haben, die Gegenstände seines Denkens jedoch strahlten weit hinaus in die Zukunft und bis in unsere Gegenwart hinein. Ein Beleg dieser Bedeutung mag die illustre Ahnenreihe der Maistre-Deuter sein, die von Charles Baudelaire über Léon Bloy und Carl Schmitt bis zu Michel Houellebecq reicht, oder wie es Erstgenannter einmal ausdrückte: „Joseph de Maistre hat mir das Denken beigebracht.“ Dabei schien seine Karriere als ein Spiritus Rector der Gegenaufklärung keineswegs vorgezeichnet. Wie Emil Cioran einmal bemerkte, hätte de Maistre ohne die Französische Revolution möglicherweise die beschauliche Existenz eines katholischen Provinzbeamten und Familienvaters im Alpenstädtchen Chambéry verlebt, wo er 1753 als ältester Sohn einer bürgerlichen Familie geboren wurde. Die Geschichte, oder wie Maistre selbst gesagt hätte, „die Vorsehung“, hatte andere Pläne mit ihm.

          Royalistischer Pamphletist

          Nach der Besetzung des damals zum Königreich Sardinien gehörenden Savoyen durch französische Truppen im Jahr 1792 muss de Maistre Haus und Hof verlassen und flieht mitsamt seiner Familie vor dem jakobinischen Furor nach Lausanne. Dort beginnt er seine Karriere als royalistischer Pamphletist, der früh versteht, dass der Kampf gegen die Revolution nicht primär auf der Straße oder dem Schlachtfeld, sondern in den Köpfen geführt werden muss. Es ist die Geburtsstunde der Metapolitik, jenes Begriffs also, den de Maistre 1814 in seinem „Essai sur le principe générateur des constitutions politiques“ einführt und der über Gramsci und de Benoist Eingang in die ideologischen Baukästen aller zeitgenössischen linken wie rechten Systemkritiker gefunden hat. Für de Maistre bedeutet das Trauma der Revolution, nach ihren geistigen Urhebern zu fahnden und den verstörten Hütern der alten Ordnung zugleich eine angemessene Lesart zur Bewältigung des Chaos anzubieten. Er verkörpert somit auch den neuen Typus eines autoritären Denkers, der erst in dem Moment wirklich die historische Bühne betritt, in dem die hergebrachte politische und soziale Ordnung bedroht ist.

          Der Hauptfeind war Rousseau

          „Einem Tintenbad entsteigt man nicht unbefleckt“, beschreibt de Maistre das Geschäft des Pamphletisten: 1797 erscheinen seine „Considérations sur la France“, die schnell Bekanntheit erlangen und noch im gleichen Jahr von Napoleon gelesen werden. Dort finden sich schon die ersten Ansätze seiner Moderne-Kritik, die der studierte Jurist im Verlauf seines Werks immer weiter bis zur Theorie eines „Anti-Gesellschaftsvertrags“ ausbauen wird. Der Hauptfeind klingt in dieser Formulierung schon an: Rousseaus Thesen über den Naturzustand und die Vorstellung von politischer Ordnung als Resultat eines Gesellschaftsvertrags sind – neben dem Protestantismus – für de Maistre das Teufelszeug, aus dem die Französische Revolution gestrickt ist. Der Mensch, so schreibt er in seiner Studie über die Souveränität, könne nie als gleichsam unbeschriebenes, vorgesellschaftliches Wesen begriffen werden. Sein wahrer Naturzustand bestehe eben in seiner Eingebundenheit in soziale und historische Zusammenhänge und Traditionen, in eine Ordnung, die er empfängt, keinesfalls aber selbst zu gestalten hat. Denn ist der Geist der modernen Machbarkeit aller Dinge erst einmal aus der Flasche, gibt es nirgends mehr ein Halten, stürzen die Herrscher und ihre Reiche haltlos über die Idee der Disponibilität der politischen Ordnung ohne transzendenten Grund: „Der Mensch respektiert nichts, was er selbst geschaffen hat.“

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