https://www.faz.net/-gqz-739ga

20 Jahre Alfred Herrhausen Gesellschaft : Spurensuche in Sachen Zukunft

Diskutierten in Berlin über das Thema „Grenzenlos orientierungslos“: Prof. Dr. Tilman Allert, Claudius Seidl und Prof. Dr. Heinz Bude (v.l.n.r.) Bild: Jens Gyarmaty

Nachdenken über Deutschland und Aktionen für den globalen gesellschaftlichen Fortschritt: Die Alfred Herrhausen Gesellschaft feiert ihr zwanzigjähriges Bestehen.

          Der Namenspatron der Gesellschaft wurde nicht erwähnt, bis am Abend seine Witwe, Traudel Herrhausen, auf das Geschehen des Tages zurückblickte: „Alfred hätte es gefallen.“ Das ist bei einem Mann, der bekanntermaßen nicht leicht zufriedenzustellen war, das größte Lob. Und mit einem Mal wurde es schlüssig, dass Alfred Herrhausen, der 1989 ermordete Vorstandssprecher der Deutschen Bank, am Freitag in Berlin nicht eigens bemüht worden war. Die Gesellschaft, die seinen Namen trägt, arbeitet so selbstverständlich in seinem Sinne, dass es der verbalen Legitimation nicht bedarf.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          “Wie wollen wir in Zukunft (nicht) leben“ lautete das Motto der Konferenz im Atrium der Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Bank. Mit Referenten von Harald Schmidt über das EZB-Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen bis Angela Merkel, vom ehemaligen Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio bis zum grünen Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, aber auch mit unbekannteren faszinierenden Gästen wie dem dänischen Architekten Kai-Uwe Bergmann oder dem für Google arbeitenden Analysten Max Senges war ein spektakuläres Programm garantiert, und da dann auch noch die beiden Soziologen Tilman Allert und Heinz Bude im Gespräch zu rhetorischer wie intellektueller Hochform aufliefen, hatte sich die Alfred Herrhausen Gesellschaft das schönste Geschenk zu ihrem zwanzigsten Geburtstag selbst geschnürt.

          Die Berliner Konferenz ist die vierte Veranstaltung eines in Kooperation mit dieser Zeitung ausgerichteten Zyklus, der unter dem Titel „Denk ich an Deutschland“ an wechselnden Orten stattfindet. Nachdenken über Deutschland war ein Charakteristikum von Herrhausen, der sich als Bankier nicht auf Bilanzzahlen berief, sondern auf die Fähigkeit seines Unternehmens, Zukunft zu gestalten. So wurde er in den Monaten vor seinem Tod zu einem wichtigen Protagonisten beim Fall des Eisernen Vorhangs, weil er die politischen Chancen der Maueröffnung erkannte. Zudem unterstützte die Deutsche Bank die reformorientierten sozialistischen Staaten. Und Herrhausen war es auch gewesen, der seine Bank international zu einem vielbeachteten Kreditinstitut machte: mit der Initiative für einen Schuldenerlass zugunsten der Entwicklungsländer.

          Selbständiger Thinktank

          Dem Interesse Herrhausens am globalen gesellschaftlichen Fortschritt entsprechen die weiteren Hauptaktivitäten der Alfred Herrhausen Gesellschaft neben der „Denk ich an Deutschland“-Konferenzserie: das „Foresight“-Projekt, in dessen Rahmen seit 2005 Symposien veranstaltet werden, die sich mit den sogenannten BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) beschäftigen, sowie das in Zusammenarbeit mit der London School of Economics im gleichen Jahr begründete „Urban Age“-Programm, das sich mit der weltweiten Urbanisierung befasst. Auf jeder Konferenz dieses Programms wird der mit 100 000 Dollar dotierte Deutsche Bank Urban Age Award an eine Sozialinitiative aus den Slums jener Stadt verliehen, in der die Veranstaltung stattfindet.

          Die Alfred Herrhausen Gesellschaft wurde 1992 von der Deutschen Bank im Angedenken an ihren ermordeten Sprecher gegründet - eine leicht verspätete, auch verschämte Reaktion, nachdem das Unternehmen die internen wie externen Modernisierungsbestrebungen Herrhausens nahezu zur Gänze rückgängig gemacht hatte. Immerhin gab die Bank der Gesellschaft den Status einer gemeinnützigen GmbH, was eine unabhängige, nicht gewinnorientierte Geschäftsführung verlangt.

          Der innerhalb der Deutschen Bank also selbständige Thinktank erwies sich aber lange als höchst schwerfällig, bis 2003 mit Wolfgang Nowak ein neuer Geschäftsführer gefunden wurde. Der frühere sächsische Staatssekretär und Kanzleramtsmitarbeiter war ein Glücksfall, weil er das Profil der Gesellschaft schärfte und ihre Aktivitäten international ausrichtete - dabei seit 2007 unterstützt von der zweiten Geschäftsführerin, Ute Elisabeth Weiland. Mit zuletzt 3,2 Millionen Euro Jahresbudget gehört die von ihnen geleitete Gesellschaft nicht zu den Großen auf dem Feld der weltweit tätigen Organisationen, aber sie hat starke Partner gewonnen und sich mit ihrer auf Entwicklungsstrategien konzentrierten Tätigkeit einen exzellenten Namen gemacht. Und das inländische Engagement ist mit der „Denk ich an Deutschland“-Serie gleichwohl glanzvoll erweitert worden.

          Doch der neunundsechzigjährige Nowak wird zum Jahresende ausscheiden - nicht aufgrund seines Alters, sondern weil ins Jahr des zwanzigsten Geburtstags der Alfred Herrhausen Stiftung auch der Führungswechsel in der Deutschen Bank fiel. Und der neue Vorstandsvorsitzende Anshu Jain, der sich diese Funktion zwar mit seinem deutschen Kollegen Jürgen Fitschen teilt, aber faktisch Primus inter Pares ist, besetzt derzeit die Schlüsselpositionen im Konzern mit seinen Vertrauten. Deshalb wird die Alfred Herrhausen Gesellschaft in Zukunft vom Berliner Cheflobbyisten der Bank, Thomas Matussek, geleitet, dem auf der Konferenz vom Vorstandsmitglied Rainer Neske dafür schon einmal „eine gigantische Zukunft“ verheißen wurde. Man darf gespannt sein, als wie eigenständig sich der neue Chef der Gesellschaft erweist.

          Weitere Themen

          „The Great Hack“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „The Great Hack“

          „The Great Hack“ läuft ab Mittwoch, den 24. Juli bei Netflix.

          Topmeldungen

          Neue Umfrage : Warum das Misstrauen wächst

          Die Amerikaner sehen ihre Regierung und ihre Mitbürger immer skeptischer. Vor allem bei der Unterscheidung von Wahrheit und Lüge zeigen sich viele verunsichert. Für den Vertrauensschwund geben sie unterschiedliche Gründe an.

          FAZ Plus Artikel: Bergbau im Erzgebirge : Die Jagd nach dem Milliarden-Schatz

          Im Erzgebirge wird an der ersten deutschen Erzmine seit dem Krieg gebaut. Ein Investor verspricht sichere Rohstoffe und Hunderte Arbeitsplätze. Doch Politiker interessiert es nicht, Behörden mauern und Anwohner rebellieren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.