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Migrationsforschung : Professor Bade gibt den Anti-Sarrazin

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Das Fatale an dieser Konstruktion, die ja nicht nur den Strom der Stiftungsgelder lenkt, sondern über ihren Einfluss auf die Politik wiederum auch die Mittel für Integrationsmaßnahmen beeinflusst, ist, dass dabei die soziale Realität, die tatsächlichen Fragen der Migration zu oft aus dem Blickfeld geraten sind. Alle großen Debatten der letzten Jahre in Sachen Integration, wie die über arrangierte Ehen und Zwangsheirat, über die Gewaltbereitschaft junger Migranten, über die Bedeutung der Religion für die Integration, über den Zusammenhang von Armut, Bildung, Migration sind eben nicht in den hochsubventionierten Braintrusts der Migrationsforschung angestoßen und analysiert worden, sondern von Außenseitern gegen den Widerstand dieser Leute in die Öffentlichkeit gebracht worden. Kirsten Heisig, Heinz Buschkowsky, Seyran Ates, Serap Cileli, Thilo Sarrrazin, Ayaan Hirsi Ali oder auch ich haben außerhalb dieser Elfenbeintürme die Probleme der Einwanderergesellschaft auf unsere Art analysiert und problematisiert.

Zum Schrecken der Migrationsforschung ist gelegentlich nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch die Politik diesen Analysen gefolgt. Das Gesetz gegen Zwangsheirat oder die Regelung, dass Importbräute ein Mindestalter haben müssen und Sprachkenntnisse vermittelt bekommen, ist, um nur ein Beispiel zu nennen, nicht Ergebnis guter Beratung durch die Migrationsforschung, sondern des öffentlichen Diskurses. Auch um zu verhindern, dass künftig die Öffentlichkeit von solchen Debatten überrascht wird und diese Forscher ihre Deutungsmacht verlieren, wurde 2008 der Sachverständigenrat gegründet und üppig alimentiert.

Bade benutzt die Reputation des Sachverständigenrats

Die Sarrazin-Debatte hat aber gerade die Unfähigkeit verdeutlicht, problembewusst, lösungsorientiert, tagesaktuell und mediengerecht auf die Lage im Einwanderungsland zu reagieren. Bade beklagt in seinem Nachwort zum diesjährigen Jahresgutachten, dass nur die „Süddeutsche Zeitung“ in ihrer Ausgabe vom 11. September 2010 bemerkt habe, dass das Jahresgutachten der wahre „Anti-Sarrazin“ gewesen sei. Er hat sein Büro am Hackeschen Markt in Berlin schon einmal angewiesen, die Auswirkungen des Sarrazinbuches auf die Stimmung im Land zu untersuchen und nachzusehen, ob das „Grundvertrauen“ und der „soziale Friede“ der Gesellschaft nachhaltig gestört wurden. Denn für ihn ist die Geschichte der Integration eine Erfolgsgeschichte, und die Probleme werden von den Medien herbeigeredet.

Im Vorgriff auf das Ergebnis bezeichnet er Kritiker schon mal als „Brandstifter und Friedensbrecher“. Dass er dies erst jetzt tut, hat nicht nur mit seinem Alter, sondern mit der generellen Denkgeschwindigkeit im universitären Bereich zu tun. Als die aus diesen Kreisen stammenden sechzig Migrationsforscher vor fünf Jahren meinten, mein Buch „Die fremde Braut“ beklagen zu müssen, brauchten sie für die Lektüre und die Formulierung der Kritik ein ganzes Jahr. Bade ist schneller und äußert sich schon nach einem Semester zu Sarrazin. Er macht es auch jetzt erst, weil er wohl abwarten wollte, woher der Wind weht.

Jetzt, da die Aufregung sich gelegt hat, Sarrazin im Prinzip wissenschaftlich und politisch in die rechte Ecke gestellt werden konnte, kann auch Herr Bade mutig sein. Bade benutzt die Reputation des Sachverständigenrats, um rhetorisch nachzutreten und von der eigenen Verantwortung abzulenken. Dass er dies faktisch als „die Stimme“ des Sachverständigenrats im Namen der Stiftungen tun kann, zeigt, wie verzweifelt der Emeritus inzwischen ist. Da ruft jemand „Haltet den Dieb“, der selbst die Beute in der Hand hält. So zerredet ein in seinen Forschungen redlicher, aber als Migrationspolitiker letztlich erfolgloser Professor seine Reputation und verheddert sich in der Politik, die wahrlich nicht sein Feld ist. Der Sachverständigenrat und sein Sprecher sollten nicht Zensuren verteilen, sondern der Verantwortung der Wissenschaft folgen, integrierend und vermittelnd wirken und mit den reichlich zur Verfügung stehenden Mitteln Probleme aufzeigen, untersuchen und Lösungen erarbeiten.

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