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Eine Gegenrechnung zu Sarrazin : Malen nach Zahlen

Muslimisches Paar in Frankfurt am Main Bild: dapd

Thilo Sarrazin behauptet, niemand bestreite seine Berechnungen. Jetzt legen Berliner Forscher Gegenrechnungen vor. Aus Statistiken und Umfragen ziehen beide Seiten nur, was ihnen passt.

          Wir leben in einer Gesellschaft, die ihre Urteile über das, was in ihr vorgeht, stark auf Statistiken und Umfragedaten gründet. Zugleich sind Statistiken und Umfragen fast stets ein Rätsel. Was nicht nur an fehlendem, mangelhaftem oder vergessenem Statistikunterricht liegt. Sondern auch an den Statistiken selbst, die nicht selten völlig blind Informationen verbreiten, undeutbare Zahlen, bloße Meinungen, man kann auch sagen: fast beliebig interpretierbare Daten. Soeben hat ein Forschungsprojekt der Berliner Humboldt-Universität eine Broschüre zur Widerlegung des Zahlenmaterials herausgegeben, das Thilo Sarrazin in seinem Deutschlandbuch heranzieht, um eine muslimische Bildungsmisere unter Migranten zu belegen. Die Autoren sind dabei nicht wählerisch. Wenn sie irgendwo eine Zahl finden, die von denen Sarrazins abweicht, beweist sie ihnen dessen Irrtum. Wie die Zahl zustande kam und worüber sie informiert, interessiert sie dagegen so wenig, wie es Sarrazin über weite Strecken tat.

          Was etwa fängt man mit ihrer Auskunft an, die Menschen mit türkischem Migrationshintergrund heute hätten gegenüber der ersten Einwanderergenerationen eine Zunahme an hohen Bildungsabschlüssen um 800 Prozent zu verzeichnen? Das sagt vor allem, dass unter den sogenannten Gastarbeitern so gut wie keine Leute mit Hochschulreife waren – was einige Seiten später konzediert wird. Wie ist ihre Kritik an Sarrazin zu verstehen, zwar kämen tatsächlich auf einhundert erwerbstätige muslimische Migranten 43, die Sozialtransfers empfangen, aber man müsse die Zahl in Relation zur Gesamtbevölkerung mit türkischem Hintergrund setzen? Dann sei der Anteil der Hartz-IV-Empfänger nur noch 9,5 Prozent. Hellt sich denn die Lage der von Arbeitslosigkeit gezeichneten Migrationsbezirke auf, wenn man die Rentner, die Hausfrauen und die Schüler, also die Familiengröße derjenigen, die Arbeit haben, mit einbezieht?

          Irrfahrt durchs Zahlengestöber

          Oder was macht man mit Thesen wie der, bei gleichem sozioökonomischem Status und gleichen Noten hätten Schüler mit türkischem Migrationshintergrund „eine fast fünfmal so hohe Chance, in das Gymnasium überzugehen, als Schüler ohne Migrationshintergrund“? In der Studie, aus der sie zitiert wird, heißt sie: Die schwächeren Leistungen türkischstämmiger Schüler gehen auf die soziale Lage ihrer Eltern zurück. Bei gleich hoher Leistung aber werden sie nicht diskriminiert. Zusammenhänge mit Religion oder Kultur wurden in jener Studie gar nicht untersucht. Man hat nicht den Eindruck, als verstünden die Sarrazin-Überprüfer wesentlich mehr von Soziologie als Sarrazin selbst. Sie folgen einem unverstandenen Zahlengestöber genau so wie er, mal treuherzig, mal strategisch, nur halt in der Gegenrichtung.

          Nehmen wir ihr Zitat einer Allensbach-Studie, der zufolge siebzig Prozent der gut 300 befragten türkischen Zuwanderer, die älter als sechzehn Jahre waren, sehr gute oder gute Deutschkenntnisse besitzen. Wie passt das zu den soeben noch konstatierten, sozioökonomisch bedingten Leistungsrückständen? Die Einschätzungen der Deutschkenntnisse nahmen hier die Interviewer vor, von ihren Kriterien erfährt man nichts. Daten über die Deutschnoten oder ein paar Schulbesuche wären auskunftsreicher.

          Amateurhafter Umgang mit Studienergebnissen

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