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Sarrazins ungelesenes Buch : Frau Merkel sagt, es ist alles gesagt

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„...und ansonsten ist alles gesagt”: die Bundeskanzlerin und der Bundespräsident Bild: dpa

Über die Kälte der Macht und die Aufkündigung einer Debatte: Im Fall Sarrazin geht es um nichts weniger als die Meinungsfreiheit und die Pflicht sich selbst zu unterrichten. Die Weigerung der Politik, sein Buch zu lesen, zeigt eine fundamentale Krise der politischen Kommunikation.

          Baff, seit Samstag. Man wird ja wohl noch sagen dürfen, dass man sprachlos ist. Und zwar seit dem Gespräch, das Angela Merkel am Samstag mit der F.A.Z. geführt hat (Merkel im Gespräch: „In der CDU kann jeder seine Meinung sagen“ ) und in dem sie gefragt wurde, ob sie Thilo Sarrazins Buch mittlerweile gelesen habe. „Nein, die Vorabpublikationen sind vollkommen ausreichend und überaus aussagekräftig, um These, Kern und Intention seiner Argumentation zu erfassen. Ich habe die Verantwortung als Bundeskanzlerin, an einer Gesellschaft mitzuarbeiten, in der jeder Mensch durch Bildung eine Chance bekommen kann, für sein eigenes Glück und zum Wohle unseres Landes.“

          Seit drei Wochen gibt es Sarrazins Buch. Es ist sechshundertfünfzigtausend Mal verkauft worden, und es wird wahrscheinlich vor Weihnachten die Eineinhalbmillionenmarke erreichen. Bei einem Buch, das verliehen und weitergegeben wird, heißt diese Zahl, dass es dann von an die zwölf Millionen Menschen gelesen worden sein kann. Es hat Vergleichbares noch niemals gegeben. Der Autor ist wegen der Buchkritik der Kanzlerin und des Bundesbankchefs und der Winke des Bundespräsidenten mittlerweile arbeitslos, gewiss das Maximum an Bestrafung in einer bürgerlichen Welt. Und jetzt, drei Wochen danach, erklärt die Bundeskanzlerin fast stolz, dass sie das Buch, um dessentwillen sie die Absetzung des Bankers betrieb und das ihr Staatsvolk zutiefst spaltet, immer noch nicht gelesen hat, sondern nur aus Vorabdrucken kennt.

          Es handelt sich dabei, wohlgemerkt, um Vorabdrucke, die von Gegnern des Buches gerade deshalb kritisiert werden, weil sie so harmlos waren: In ihnen werden nämlich gerade nicht jene fragwürdigen eugenischen Thesen dokumentiert, auf die wir in der F.A.Z. hingewiesen haben. Aber damit nicht genug: Auch der Bundesbankpräsident, der Dossiers zusammenstellen ließ und die Absetzung betrieb, rühmt sich, das Buch nicht gelesen zu haben. Auch wer Sarrazins Thesen nicht mag, wer seinen Biologismus für verfehlt, viele seiner Rezepte für indiskutabel hält, sollte sich Rechenschaft ablegen, ob es das ist, was er will.

          „... und ansonsten ist alles gesagt”: Die Bundeskanzlerin und der Bundespräsident

          Urteil in Kenntnislosigkeit

          Denn was man jetzt erlebt, ist die Aufkündigung von Debatte. Wenn Verfassungsorgane sich über ein Buch äußern und dessen Autor sanktionieren, dann ist von ihnen zu erwarten, dass sie wissen, worüber sie reden. Und dass sie zu Argumenten greifen und sich Argumenten stellen. Natürlich kann jeder sagen, das er ein Buch nicht liest. Wenn er gleichzeitig aus der Position des Mächtigen darüber urteilt und das Urteil mit Strafe versieht, dann handelt es sich um einen Skandal und um ein Paradebeispiel dafür, dass Politik die Ebenen von Macht und Meinung immer weniger auseinanderhalten kann. Gerade wenn die Bundeskanzlerin der Meinung ist, Sarrazins Buch sei so gefährlich, dass er als Person nicht mehr tragbar ist: Müsste sie dann nicht wissen wollen, was Millionen Menschen in Deutschland diskutieren?

          Auch der SPD-Vorstand stellte den Ausschlussantrag, ohne dass ein Einziger das Buch überhaupt kannte. Das ist alles, aber es hat nichts mehr mit Demokratie zu tun und es müsste jeden schaudern machen, der in Deutschland Bücher schreibt.

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