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Im Gespräch: Hans-Ulrich Wehler : Sarrazin und die Bildungskatastophe

  • Aktualisiert am

Der Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler Bild: dpa

Der Historiker Hans-Ulrich Wehler rät der SPD, sich endlich von der Polemik gegen Thilo Sarrazins Irrtümer ab- und der Diskussion über seine richtigen Beschreibungen zuzuwenden.

          Herr Wehler, Sie haben gerade in einem Zeitungsbeitrag gefordert, die Diskussion über Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ müsse endlich in einem anderen, sachlicheren, weniger empörten Stil geführt werden.

          Ja, die erste Reaktion auf so ein Buch, 460 Seiten voller Zahlen, Argumente, empirischer Beschreibung von drängenden Problemen, kann doch nicht ein pauschales „So nicht!“ und „Raus aus unserer Partei!“ oder „Nehmen wir nicht zur Kenntnis“ sein. Selbst Sigmar Gabriel hat ja eine Schreck bekommen, als er die Emails von seinen Leuten vor Ort las, in denen stand: In unserem Viertel ist es genau so, wie Sarrazin es beschreibt. Wenigstens nach ein paar Tagen der Erregung über die Seiten, die bei Sarrazin der Erbbiologie gewidmet sind, muss man doch mal umschalten und über das sprechen, was an wichtigen Problemen von ihm angesprochen wird.

          Bevor wir zu diesen Problemen kommen: Wie denken Sie, weshalb gibt es diese erbbiologischen Argumente, die Sarrazin verwendet, um Bildungsrückstände bei einzelnen Migrantengruppen zu erklären?

          Mir scheint, Sarrazin hat bei seiner Arbeit – das Buch ist ja das Dokumente eines immensen Fleißes – den, wie ich finde, irrtümlichen Eindruck gewonnen, in der Genetik ein besonders zuverlässiges, besonders hartes Fundament für seine Argumentation gefunden zu haben. Er ist ja seinem Training nach ein strenger Ökonom und war einmal ein begabter Wirtschaftshistoriker. . .

          Kennen Sie ihn aus dieser Zeit?

          Zuletzt gesprochen habe ich ihn 1974 als Jürgen Kocka und ich eine Tagung über Theorien in der Geschichtsschreibung veranstalteten. Damals wurde auch die sogenannte Kliometrie, als quantitative, mit ökonomischen Methoden arbeitende Geschichtsforschung diskutiert. Sarrazin vertrat diese Methode vielversprechend, verschwand dann aber in der Verwaltung. Wenn ich mir seine unausgesprochene Suche nach harten Tatsachen vergegenwärtige, die man nicht kulturalistisch oder soziologisch weginterpretieren kann, dann stelle ich mir vor, dass ihn die genetischen Studien, die er zitiert, als Erklärung befriedigt haben. Für ihn stellen sie eine Gewissheit dar, weshalb er zu seinem Nachteil auch nie im Konjunktiv formuliert. Aber 400 Seiten des Buche kann man völlig losgelöst von der These, Intelligenz sei so und so stark erblich, lesen.

          Was wäre für Sie der Weg, das Problem der Bildungsarmut solcher Unterschichten zu lösen, seien es nun solche mit oder ohne Migrationsaspekt?

          Das Erweckungserlebnis meiner Generation war der Schwung, den Ralf Dahrendorf und Georg Picht in den sechziger Jahren mit ihrer Diagnose der „Bildungskatastrophe“ und der Forderung auslösten, dass man dagegen etwas tun müsse. In Tübingen gingen damals die Studenten an den Wochenenden zu den Bauern auf die Alb, um denen zu erklären, dass sie ihre Töchter aufs Gymnasium lassen sollen. In Bielefeld hatte ich dann sehr viele Studenten, die als erste in ihrer Familie studierten. Bergmannskinder – der Vater, Großvater, Urgroßvater Hauer –, die nach zwei, drei Semestern Theoriekönige waren. Da kommt man nicht auf die Idee, dass das vererbt worden ist. Ich sehe gar keinen Grund, die Aufklärungsposition aufzugeben, dass man durch Förderung viel erreichen kann, dadurch, dass man länger diskutiert, das Argumentieren beibringt, an Bildung gewissermaßen gewöhnt.

          Kann man die von Sarrazin angesprochenen Milieus, nehmen wir das inzwischen fast schon sprichwörtliche „Neukölln“, mit dem Arbeitermilieu früherer Zeit vergleichen?

          Wir haben selbst gerade drei Jahre lang in Berlin gewohnt. Das Entstehen dieser „Ghettowelt“ ist dort mit Händen zu greifen: Schulunterricht, der nicht mehr erteilt werden kann; das Fehlen eines familiären Bezugs zur Schriftkultur; die Verachtung, mit der betrachtet wird, was Lehrer und Lehrerinnen machen; Schulen, die Wachpersonal brauchen; der Tagesablauf des Bezirksbürgermeisters, der mit Messerkämpfen zwischen ethnischen Banden beginnt und mit Gewalt gegen Frauen endet. Da hilft es auch nichts, wenn an vielen anderen Beispielen gezeigt wird, wie Integration gelingt. Hier misslingt sie, drastisch.

          Weshalb?

          Zum einen, weil die kemalistische Bildungspolitik in Anatolien versagt hat. Sechzig Prozent Analphabetentum – das transportiert sich dann über die Familien. Es liest dort niemand, weder vor noch nach. Am Fernseher aber lernt man nichts. Das Machotum, das den Jungens alles erlaubt und die Mädchen kleinhält, ist ein anderer Punkt. Schulabbruch und Massenarbeitslosigkeit sind in diesem Milieu normal. Wenn türkische Gemüsehändler keine türkischen Kräfte mehr einstellen, weil die sich nicht mit deutschen Kunden unterhalten können, liegt auf der Hand, dass es nicht zu Aufwärtsmobilität kommen kann. Von Kriminalität habe ich dann noch gar nicht gesprochen. Die SPD wäre wohl beraten, nicht nur Sarrazin, sondern auch das erschütternde Buch der Jugendrichterin Heisig zu lesen.

          Was also tun?

          Wer einmal die penible Genauigkeit gesehen hat, mit der kanadische Einwanderungsbehörden prüfen, ob Migranten die Sprache ihres neuen Landes können, welche Qualifikation sie haben und ob man Integrationsbemühungen nachvollziehen kann, der weiß, was möglich ist. Hier wurde man schon als Rassist bezeichnet, wenn man sich für Einwanderungsquoten je Herkunftsland aussprach. Das andere ist die Ganztagsschule, auf die alles hinausläuft, und der Vorschulunterricht ab dem 4. Lebensjahr. Man muss diese Kinder, genau so wie diejenigen deutschen, an deren Familien wir vergleichbare Rückstände beobachten, aus ihren Milieus, ihren Familien und ihren Gangs, herauslösen. Das liberale Argument der „Elternrechte“ zieht hier nicht.

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